Der Kaka von Leverkusen

Von Thomas Ziemann
Renato, Leverkusen, Brasilien, Fußball
© Imago

München - Bayer 04 Leverkusen und die Brasilianer: Jetzt hat es endlich wieder geklappt. Nach einem Jahr ohne Ballkünstler aus Südamerika soll Neuzugang Renato eine nunmehr 21 Jahre andauernde Erfolgsgeschichte fortführen.

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Der 21-jährige Mittelfeldspieler tritt in Leverkusen die Nachfolge prominenter Spieler wie Ze Roberto, Emerson, Jorginho, Paulo Sergio oder Lucio an.

Als eines der größten Talente des brasilianischen Fußballs zieht es ihn nun also an den Rhein. Ins beschauliche Leverkusen. Nicht etwa nach Barcelona, Mailand oder München.

Jahrelange Erfahrung

Ein logischer Schritt, wie Münchens Südamerika-Scout Giovane Elber bei SPOX.com erklärt: "Renato Augusto ist ein junger Spieler, mit dem man noch arbeiten muss. Bei einem Verein wie dem FC Bayern würde er die Zeit dazu nicht haben. In Leverkusen passt das viel besser. Das Umfeld ist viel ruhiger und in der Vergangenheit haben sie schon viele gute Erfahrungen mit Brasilianern gemacht."

Schaut man etwas genauer hin, versteht man, wo von Giovane Elber spricht. Bayer Leverkusen hat sich in den vergangenen Jahren als perfektes Ausbildungszentrum für Spieler vom Zuckerhut erwiesen. Doch der Reihe nach.

Begonnen hat alles im Jahr 1987: Für damals rund 375.000 D-Mark lotsten der heutige Chefscout Norbert Ziegler und Heinz Prellwitz, ein ehemaliger Journalist und Südamerika-Mitarbeiter von adidas, den brasilianischen Nationalspieler Tita unters Bayer-Kreuz.

Betreuung rund um die Uhr

Papa Heinz, wie Prellwitz von den Leverkusener Brasilianern liebevoll genannt wurde, sorgte sich anschließend auch in Deutschland um das Wohlergehen der Profis. Er war Freund, Berater und vermittelte den Spielern immer ein Gefühl von Heimat. 24 Stunden am Tag.

Heute übernehmen mit Jonas Boldt und Frank Ditgens gleich zwei Mitarbeiter die Betreuung der Brasilianer. "Kein Mensch entwickelt sich weiter, wenn er sich nicht wohlfühlt", sagt Ziegler und fügt an. "Erst recht nicht, wenn er Höchstleistung vollbringen soll."

Leverkusen bietet anscheinend den idealen Ort, um sich in einem ruhigen Umfeld in Europa zu akklimatisieren. Nach Renato hat sich auch Verteidiger Henrique für einen Wechsel zu Bayer entschieden.

Bedrohung aus dem Osten

Doch es ist deutlich schwieriger geworden, talentierte Brasilianer überhaupt nach Deutschland zu locken. Osteuropäische Klubs, vor allem finanzstarke russische Vereine, sind ebenfalls auf den Brasilianer gekommen.

"Die Spieler sind dadurch erheblich teurer geworden, teilweise sind die Preise viel zu hoch", erklärt Ziegler.

Dass trotzdem ein Coup in der Größenordnung von Renato gelingt, hat Bayer aber nicht nur seinem guten Ruf zu verdanken. In Leverkusen hat man sich in den vergangenen Jahren ein vorbildliches Scouting-Netzwerk aufgebaut.

Weltweites Netzwerk

Hand in Hand sichten Chefscout Norbert Ziegler, Südamerika-Scout Andreas Fehse, brasilianische Profi- und Jugendtrainer sowie diverse Verbindungsleute hoffnungsvolle Talente auf dem brasilianischen Markt.

In einer Datenbank hat Ziegler mehr als 10.000 Fußballer gespeichert. Die meisten davon sind Brasilianer. "So kann ich binnen 24 Stunden ein aussagekräftiges Profil erstellen", erklärt er.

Nicht zuletzt dank der Arbeit, die Leverkusens Ex-Manager Rainer Calmund jahrelang geleistet hat. Bis heute pflegt Calmund enge Kontakte zu Beratern und Vermittlern in Brasilien.

Restrisiko bleibt

Doch trotz modernster Technologien und Scouting-Verfahren, ein Restrisiko bei der Verpflichtung junger Brasilianer bleibt. Wie der Fall Carlos Alberto in Bremen beweist.

Dass Renato zu solch einem Problemfall werden könnte, glaubt in Leverkusen freilich niemand. "Renato ist 20 Jahre jung - wirkt aber wie Mitte 20, als habe er schon 300 Spiele hinter sich", erklärt Ziegler und bescheinigt dem Kreativ-Spieler, "unglaubliche Teamfähigkeit."

Vergleiche mit Kaka

Glaubt man den Lobeshymnen aus Brasilien, darf sich die Bundesliga auf einen exzellenten Fußballer freuen. 

"Das ist ein sehr interessanter Junge. Er hat ein sehr gutes Auge für seine Mitspieler und ist durch seine starke Technik in der Lage, seine Kollegen einzusetzen. Er ist auch sehr lauffreudig, geht viele weite Wege", schwärmt Elber.

In seiner Heimat wird Renato bereits mit Milans Superstar Kaka verglichen: Dribbelstark, schussgewaltig und mit großer Spielintelligenz ausgestattet, kann in der Zentrale und den Flügeln agieren.

"Bin sofort bereit" 

Ausgebildet in der Nachwuchsabteilung von Flamengo, schaffte er 2005 im Alter von 17 Jahren den Sprung ins Profi-Team. In 95 Spielen erzielte er elf Tore und kam auf 13 Assists.

Der Mittelfeldspieler durchlief alle Nachwuchsabteilungen des brasilianischen Verbandes. Gemeinsam mit Alexandre Pato (AC Mailand) und Carlos Eduardo (1899 Hoffenheim) stand er im Aufgebot der U-20-WM im Jahr 2007.

Die größte Herausforderung steht ihm aber jetzt erst bevor. Nicht wenige Brasilianer sind an der europäischen Härte und dem Tempo gescheitert.

Wie schwer die Umstellung fallen kann, weiß auch Elber genau: "Er muss noch lernen, mehr in die Zweikämpfe zu gehen als in Brasilien. Hier wird körperbetonter gespielt. Wenn er das schafft, wird er ein richtig guter Bundesligaspieler werden."

Doch Umstellung hin oder her. In Leverkusen will sich Renato Soares de Oliveira Augusto nun für höhere Aufgaben empfehlen und zeigt sich hochmotiviert: "Da die Saison in Brasilien schon Anfang des Jahres begonnen hat, fühle ich mich körperlich topfit. Wenn der Coach mich braucht, bin ich sofort bereit."

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