Die Systemfrage

Renaissance des 3-5-2

Von Stefan Rommel
Freitag, 26.09.2008 | 08:55 Uhr
Jürgen Klinsmann, Daniel van Buyten, Marc van Bommel, Christian Lell, Andreas Ottl
© Getty
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Unter all den betrübten Stimmen, die sich nach Bayerns beinahe infernalem 2:5 gegen Werder Bremen mischten, glänzte ein kleiner, unscheinbarer Satz von Mark van Bommel heraus. "Es geht nicht unbedingt um viel Laufen. Es geht um Druck setzen. Und wenn man Druck falsch setzt, dann hat man ein Problem."

Der Holländer, einer der schwächsten Akteure an diesem Samstagnachmittag, meinte damit Bayerns Spiel gegen den Ball.

Oder was davon zu sehen war. Denn im 3-5-2 der ersten 45 Minuten verloren sich die Münchener in zu vielen Placebo-Aktionen, pressten in bestimmten Spielsituationen falsch und liefen in den entscheidenden Aktionen den Bremern nur hinterher.
Vor der Saison hatte Trainer Jürgen Klinsmann etwas überraschend angekündigt, dass sein Team "mit mindestens zwei Systemen umzugehen lernen" müsse. "Und weil wir mit mindestens zwei Stürmern spielen wollen, aber keine echten Flügelspieler haben, heißt diese Alternative 3-5-2."

Klinsmann prominentester Verfechter

Überraschend deshalb, weil sich - nicht nur beim Rekordmeister - das klassische 4-4-2 als Spielsystem seit Jahren bewährt hatte. Klinsmann aber blieb seinem Vorhaben treu und ist in der Bundesliga zwar nicht Vorreiter, aber doch prominentestes Beispiel für einen neuen Trend.

Hertha BSC versuchte sich schon letzte Saison mit einer Dreierkette in der Abwehr, Trainer Lucien Favre erprobte das System aber fast ein halbes Jahr, ehe er es unter Wettkampfbedingungen zum Einsatz brachte. Neben den Bayern und der Hertha wurde in dieser Saison auch schon in Frankfurt und beim VfB Stuttgart die Variante mit nur drei Abwehrspielern gesichtet.

Scheinbar offensiveres System

"In der Bundesliga werden einige Gegner nur mit einer Spitze auflaufen. Da möchte ich keine vier Abwehrspieler dagegen stellen", begründete Klinsmann seinen Schritt. Damit verrät er aber nur die halbe Wahrheit und propagiert ein offensiveres System - das in der Praxis aber noch defensiver einzuschätzen ist als ein 4-4-2.

Das Hauptziel des 3-5-2 besteht in der Annahme, im umkämpften Raum 30 Meter dies- und jenseits der Mittellinie einen Spieler mehr zur Verfügung zu haben. Der Raum für gegnerische Lauf- und Passwege wird dadurch enger, man kommt schneller zu Ballgewinnen - womöglich schon tief in der gegnerischen Hälfte.

Fehler erzwingen

Es ist van Bommels Druck, der - richtig gesetzt - Bälle klauen und den eigenen Angriff einleiten soll. Dadurch, dass man im 3-5-2 als einziges System mit zwei Doppel-Sechsern und einem zentralen offensiven Mittelfeldspieler agieren kann, ist die Mitte im Mittelfeld dicht. Der Gegner soll ähnlich wie beim Tennis verstärkt zu Fehlern gezwungen werden.

Daraus resultiert eine extrem hohe Ball- und Spielkontrolle, Stichwort Ballzirkulation. Die beiden äußeren Mittelfeldspieler stehen höher im Raum und haben dadurch in der Offensive einen kürzeren Weg bis zur Grundlinie. Ein dementsprechend verkürzter Sprint und mehr Kraft führen zur konzentrierteren Flanke vors Tor.

Rückkehr zur klassischen Manndeckung

Im Mittelfeld wird im Raum gedeckt, gelangt der Ball in den kritischen Raum 30 Meter vor dem eigenen Tor, gilt die klassische Manndeckung. Wobei bei einem Angriff durch die Mitte immer einer der drei Verteidiger als eine Art Free Agent bereitsteht, der verschiebt, aushilft oder doppelt.

Und noch ein ganz banaler, wenngleich auch nicht mehr aktueller Vorteil: Drei statt vier Verteidiger bedeuten bei der Abseitsfalle eine Fehlerquelle weniger.

In der Theorie lässt sich die Variante mit drei Abwehrspielern, und dafür einem Spieler mehr im Mittelfeld, sehr gut an. In deren Umsetzung aber offenbart sie einige erhebliche Mängel, die nur durch intensives und langwieriges Training zu beheben sind.

Anfälligkeit bei schneller Spielverlagerung

Die drei Verteidiger sind extrem anfällig bei schnellen Spielverlagerungen und Pässen in die Tiefe. Im 4-4-2 deckt jeder der vier Abwehrspieler bei einem 80 Meter breiten Spielfeld rund 20 Meter Platz ab. In der Dreierabwehr erhöht sich das Ausmaß des Korridors für jeden einzelnen, die oft zitierten Schnittstellen sind größer.

"Von einer Abwehrlinie mit vier Spielern ausgehend, lässt sich der gesamte Raum des Spielfelds am besten abdecken", sagt Bochums Trainer Marcel Koller.

Bei einem Diagonalpass muss die Kette schneller geschlossen in Ballnähe verschieben, um die Lücke durch den fehlenden Verteidiger zu schließen. Grundlegende Defensivverhaltensmuster wie Dreieckspiel oder Sichelformation aus dem 4-4-2 müssen mit einem Verteidiger weniger ausgeführt werden - sofern die beiden Mittelfeld-Außen nicht schnell genug zurückeilen.

Die Außen beißen die Hunde

Den äußeren Mittelfeldspielern kommt deshalb eine ganz besondere Bedeutung im 3-5-2 zu. Deren Arbeit ist extrem laufintensiv, in der Defensive müssen Lücken geschlossen, in der Offensive der Weg bis zur Grundlinie gesucht werden. "Sprinter mit Pferdelungen", bräuchten die Bayern deshalb, so van Bommel.

Gleichzeitig ist für die Außen das klassische Pärchen- oder Dreiecksspiel mit dem jeweiligen Außenverteidiger in der Offensive nicht möglich - da es schlicht keinen Außenverteidiger gibt.

Ein großes Problem stellen eigene Ballverluste im Mittelfeld dar. Die beiden Außen sind mit aufgerückt, der Abwehrverbund besteht dann eine gewisse Zeit nur aus den drei Verteidigern. Wird der Ball dann auch noch über Außen nach vorne getragen, muss der zentrale Innenverteidiger auf der Seite aushelfen und entblößt dadurch das Zentrum.

Schnelle Köpfe und flinke Beine

Das 3-5-2 beruht vor allem im Defensivverhalten auf den Eckpfeilern Aufmerksamkeit, Schnelligkeit und Konzentration. Nur mit extrem flinken Innenverteidigern ist eine Dreierkette zu spielen, nur mit gedankenschnellen Außen die Formation im Mittelfeld.
In Defensivsituationen sollten fünf Spieler in der Abwehrreihe sein, beim eigenen Angriff müssen aber sofort wieder fünf Mann im Mittelfeld stehen. "Das funktioniert nur mit sehr schnellen und sehr gedankenschnellen Spielern", sagt Koller.

"Die Spieler, die von einer Umstellung auf eine Dreierkette am meisten betroffen sind, sind nicht die Verteidiger, sondern die Außen des Mittelfelds", sagt Koller, "sie müssen extreme Wege gehen."

Das Pendeln zwischen Abwehr und Mittelfeld ist eine potenzielle Fehlerquelle, die das 4-4-2 nicht in diesem Maße offenbart. Die Wechsel müssen klappen, ansonsten wird der Druck auf die Dreierkette zu groß.

4-4-2 ist offensive Variante des 3-5-2

Bleibt die Frage nach der tatsächlichen Grundausrichtung des 3-5-2. Per se erscheint das System durch einen Mittelfeldspieler offensiver, ganz oft verbirgt sich dahinter aber nur eine abgeänderte Variante des 5-3-2.

"Das 3-5-2 ist ein verkapptes 5-3-2. Deswegen ist das 4-4-2 die offensive Variante", sagt deshalb auch Philipp Lahm, einer der "Leidtragenden", der die enorme Laufarbeit im Mittelfeld verrichten muss.

Was den Gegner zu frühen Ballverlusten zwingen und schnelle eigene Angriffe initiieren soll, lässt sich kaum umsetzen. Das populäre vertikale Spiel nach einem Ballgewinn im Mittelfeld ist kaum möglich, da vorne zunächst nur zwei Anspielstationen warten, der Rest aber erst noch nachrücken muss. Gegen die Viererkette des Gegners besteht für die angreifende Mannschaft also immer eine Unterzahlsituation.

Perfektionierung braucht Zeit

In München und Berlin scheint sich das 3-5-2 als echte Alternative zu etablieren. Beide Mannschaften feilen im Moment noch an der High-End-Lösung, das Mittelfeld im Bedarfsfall mit kurzen Ballkontaktzeiten schnell zu überbrücken. Diese Mechanismen können aber so schnell noch gar nicht greifen.

"Beim 3-5-2 muss man viel trainieren, um es zu perfektionieren", sagt Lahm. Es bedarf noch einiger Zeit, damit die Variante auch gegen stärkere Gegner ihre Anwendung finden kann.

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