Die Heimat des ehrlichen Fußballs

Von Jan Menzner
Dienstag, 20.06.2017 | 19:45 Uhr
Bei der Siegerehrung der DAM sorgt "SEK macht Durchzug" für eines der Highlights des Abends
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Parallel zum Champions-League-Finale fand in Regensburg Anfang Juni die 31. Deutsche Alternativ Meisterschaft statt. Insgesamt kämpften 32 Teams aus ganz Deutschland zwei Tage lang um die Meisterschaft - und um die Seele des Fußballsports.

Es gibt ihn noch. Den echten Fußball. Auch in den Zeiten von Rekordablösen im dreistelligen Millionenbereich. Auch wenn Investoren die 50+1-Regel kippen wollen und Profis dem Geld nach China oder in die USA folgen. Auch wenn die Kluft zwischen den Stars und den Zuschauern immer größer wird: Die Deutsche Alternativ Meisterschaft zeigt, wie Fußball sein kann. Was Fußball ausmacht.

Zum Vergleich: Anfang Juni wiesen die beiden Finalisten der Champions League einen kombinierten Marktwert von über 1,2 Milliarden (!) Euro auf. Eine Summe, die sich für den Normalo-Bürger jeglicher Vorstellungskraft entzieht. Karl-Heinz Rummenigge spielte einst für 150.000 Mark. Heute haben mit Messi und CR7 schon zwei Spieler mit ihrem Gehalt die 30-Millionen-Marke geknackt. Dazu kommen noch Werbedeals.

DAM: Gegenpol zur Weltspitze

Während die Weltspitze sich also immer weiter von der Realität ihres Publikums entfernt, ist die DAM sich treu geblieben. Seit 1985 um genau zu sein. Doch was macht die DAM eigentlich so alternativ?

Bei dem zweitägigen Turnier ist das Spielniveau nebensächlich. Jeder darf ran. Bei Spielermangel wird auch mal der Star des gegnerischen Teams ausgeliehen. Schiedsrichter: Fehlanzeige. Strittige Situationen müssen im Gespräch geklärt werden und Schwalben sind verpönt. Frauen und Kinder stehen auf dem Spielfeld - nicht daneben!

Wenn es vor dem Spiel heißt: "Wer will Kapitän sein?" - dann ist man auf der DAM. Wenn zum Aufwärmen Fußballtennis gespielt wird und Aufstellungen ausgelost werden - dann ist man auf der DAM.

Wenn im Finale der Flitzer brav auf den Pausenpfiff wartet und dann mit frenetischem Jubel bei der Platzüberquerung auf seinem Klapprad gefeiert wird - ja, dann ist man auf der DAM.

Fußball: Die schönste Nebensache der Welt

Die DAM ist ein Spektakel - bei dem Fußball als das zelebriert wird, was es sein sollte: Die schönste Nebensache der Welt. Ehrgeiz? Ja, aber nicht um jeden Preis. Das Team "Dagmar liebt Hamburg" ist dafür extra aus der Hansestadt nach Regensburg gereist: Vor jedem Spiel überreichen sie einen Blumenstock als Geschenk für den Gegner. Für ihren Teamkapitän ist die DAM wie "ein Festival mit Fußball", quasi "die 5. Jahreszeit."

Nach Karneval klingen auch viele der Team-Namen auf der DAM. Da gibt es zum Beispiel "Mahatma Gondi" und "Interruptus Connection"- benannt nach Bremer Kneipen - "Dynamo Windrad" und "f2 Versenkt" aus Kassel oder die "Betong Union" aus Köln.

Während einige Namen eine Liebesbekundung an alte Fußball-Helden sind ("Oh Ah Cantona") erklären sich andere wie "Laufen sollen die Anderen" von ganz alleine.

DAM: Wer mitmischen will, muss kreativ sein

Wer bei der DAM mitspielen darf, wird jedes Jahr neu bestimmt. Im Vorfeld der DAM muss jeder Teilnehmer sich bewerben. Ob kreatives Video, flehendes Bewerbungsschreiben oder Bestechungsgeschenk - irgendwie muss man den Ausrichter von sich überzeugen.

Dieses Auswahlverfahren sorgt dafür, dass vielleicht nicht die besten Hobbymannschaften des Landes am Pfingstwochenende zusammenkommen, aber dafür die mit dem größten Spaßfaktor. So wurden schon Teams abgestraft, die anstatt zu zelten lieber im Hotel nächtigten. Auch dreimalige Titelträger fielen ihrer "übermäßigen sportlichen Dominanz" zum Opfer und mussten zuhause bleiben.

Doch auch wenn sich das Teilnehmerfeld der DAM jedes Jahr ändert - eines bleibt immer gleich: Das Highlight der Veranstaltung ist nicht das Finale. Sondern die Siegerehrung.

DAM: "You'll never walk alone"

Wieder bietet sich der Vergleich zum Champions-League-Finale an. Während im fußballerischen Olymp der Zweitplatzierte mit einer Silbermedaille abgespeist wird und dem Sieger bedröppelt gratuliert, gleicht die Siegerehrung bei der DAM einer fünfstündigen Party. Einen Pokal gibt es für jeden - vom ersten bis zum letzten Platz.

Den Anfang in diesem Jahr machen die Frankfurter "Zeugwart Körbel", die die Rote Laterne für den Letztplatzierten - ja, eine echte Laterne - weitergeben durften. Außerdem führten die Hessen einen neuen Pokal ein: Ein Wanderstock, der immer an den ältesten Spieler des Turniers gehen soll und letztlich an einen 70-Jährigen überreicht wurde.

Danach pusht sich das Festzelt immer weiter: "You'll never walk alone"-Gesänge wechseln sich ab mit Spanischer Gitarre und Beatboxing. Eine Polonaise zieht durch das Festzelt. Angestimmte Fan-Gesänge wollen minutenlang nicht verklingen.

Die DAM fährt nach Berlin

Sprüche wie "Liebe - Liebe will ich sehen" und Geschichten wie das 27:25 im Elferschießen zwischen den "Grasshoppers" und den "Söhnen der Mutter" ernten Jubel und Zustimmung. Die Berliner Mannschaft "Zimt und Zunder" fasst passend zusammen: "Man trifft hier alte Bekannte - alte Bekannte, die inzwischen zur Familie geworden sind."

Zum Abschluss kommen die Sieger, die "Roten Hosen Ost-Berlin", auf die Bühne und noch bevor die Hauptstädter das Wort ergreifen, dröhnt es aus dem Publikum: "Die Nummer Eins, Die Nummer Eins der DAM seid ihr." Hier gibt es keine geknickten Gesichter, keinen Neid, keinen Verlierer. Im Gegenteil: Da der Sieger traditionell die DAM des nächsten Jahres ausrichtet, freuen sich alle Anwesenden über die Möglichkeit, 2018 nach Berlin zu reisen. Passend dazu verabschieden sich die Roten Hosen auch mit einem Klassiker von der Bühne: "Berlin, Berlin - Wir fahren nach Berlin" singt das Festzelt einstimmig.

Zum Sound von "Football's coming home" zerstreuen sich die alternativen Fußballer schließlich über das DAM-Gelände. Einige feiern noch im Vereinsheim des Freien TuS Regensburg bis in die Morgenstunden, wenige gehen direkt ins Zelt. Am nächsten Morgen verschwindet die Zeltstadt - Stück für Stück, bis die 31. DAM in Regensburg nur noch eine Erinnerung ist. Ein ganzes Jahr wird es dauern, bis "Vibrator Moskowskaya", die "Hemmungslosen Grobmotoriker" und Co. im Osten Berlins wieder zusammenkommen - und dem Fußball eine neue Heimat bereiten.

Dem echten Fußball.

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