Alphatierchen mit Eigeninteressen

Freitag, 10.10.2014 | 13:49 Uhr
Bernie Ecclestone (l.) und Russland Präsident Wladimir Putin verstehen sich blendend
© getty
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100 Jahre nach dem letzten Formel-1-Rennen in Sankt Petersburg findet wieder ein Großer Preis von Russland (alle Sessions im LIVE-TICKER) statt. Die Vorzeichen sind gänzlich andere: Schmückten sich bei den Benz-Siegen von Georgy Suvorin und Willi Schöll in den Jahren 1913 und 1914 Pioniere des Motorsports mit Lorbeeren, ist das erste WM-Rennen ein die Erfüllung eines Traums von Bernie Ecclestone, der perfekt in die PR-Offensive der russischen Machthaber um Wladimir Putin passt.

350 Kilometer bis zur Krim, knapp 600 Kilometer bis ins umkämpfte Mariupol - die Entfernung des Sochi Autodrom bis zur Krisenregion in der Ukraine ist kürzer als der Weg von Hamburg nach München. Trotzdem oder gerade deswegen sind sämtliche Formel-1-Verantwortliche äußerst bemüht, den Anschein der Normalität zu wahren.

"Es ist sehr schön. Sie haben hier einen super Job gemacht. Alle Dinge, die wir wollten, wurden umgesetzt. Deshalb bin ich sehr glücklich", lobte Chef-Promoter Bernie Ecclestone im Vorfeld die lokalen Organisatoren am Schwarzen Meer nach seiner Ankunft am Mittwochabend.

Ecclestone: "Bescheuert"

Der politische Druck, den Europa und die USA mittels Sanktionen auf seinen Gastgeber ausüben, kümmert den 83-Jährigen ohnehin nicht: "Das wird vorübergehen. Da bin ich sicher. Die Europäer und Amerikaner sind komplett bescheuert, sich mit Russland anzulegen. Sie sind verrückt und können das nicht gewinnen."

GP-kompakt: Wie die Modelleisenbahn im Wohnzimmer"

Die Zitate griffen die regierungsfreundlichen russischen Nachrichtenagenturen unisono auf. Ein Multimilliardär aus England, der den eigenen Präsidenten derart deutlich unterstützt, ist schließlich kein Tagesgeschäft. Putin und Ecclestone passen bestens zusammen: Zwei Self-Made-Men, die die große Bühne lieben. Zwei Selbstdarsteller, die ihren persönlichen Erfolg maximieren und dabei wenig Rücksicht auf Verluste nehmen.

Puzzleteil im Ecclestone-Lebenswerk

Für Ecclestone ist der Russland-GP ein weiteres Stück im Puzzle seines Lebenswerks. Seit den 80ern arbeitete er daran, ein Rennen im ehemaligen Zarenreich auszutragen. Der Große Preis der Sowjetunion, der auf dem vorläufigen Kalender für die Saison 1983 vermerkt war, scheiterte an "bürokratischen Hürden". Letztlich übernahm Budapest mit dem Hungaroring die angestrebte Expansion hinter den Eisernen Vorhang.

Russland verschwand wieder aus den Köpfen, bis Putin selbst das Thema wieder in die Köpfe brachte. 2001 wollte er den Pulkovskoe Ring bei Sankt Petersburg unterstützen, der nie gebaut wurde. Ab 2003 war Moskau auf der Agenda, zuerst auf der Nagatino-Insel, dann auf dem Moscow Raceway. Immerhin wurde der Kurs in 75 Kilometern Entfernung von der Hauptstadt fertiggestellt, ein Formel-1-Rennen fand dort aber nie statt.

Putin komplettiert Imagekampagne

2010 folgte stattdessen nach Jahrzehnten voller Bemühungen der heiß ersehnte Vertrag für das Rennen in Sotschi. Die mit den Olympischen Winterspielen begonnene Imagekampagne für die Urlaubsstadt am Schwarzen Meer wurde fortgesetzt, wobei Russland keine Kosten scheute: Die Anlage ist hochmodern, die beste verfügbare Sicherheitsausstattung wurde in riesiger Anzahl verbaut.

Doch nur um den Sport geht es Russland nicht. Es ist kein Wunder, dass sich der 62-jährige Ex-KGB-Agent Putin für die Strecke einsetzte, schließlich passt der Sport perfekt in seine persönliche Imagekampagne: Ob als heroischer Reiter, wehrhafter Judo-Kämpfer, mutiger Jet-Pilot oder als Rennfahrer in einem Formel-Wagen - Putin ist überall involviert und lässt seine Termine mediengerecht mit Kameras begleiten. Der russische Herrscher als maskulinstes Aushängeschild seines Landes - da darf die Formel 1 im Portfolio einfach nicht fehlen.

Die nötigen Investitionen liefert die Staatskasse und freundliche Großunternehmen. Für 2015 ist ein Nachtrennen fest eingeplant, die Infrastruktur zur Stromversorgung bereits vorhanden. Das muss Ecclestone zwangsläufig gefallen, schließlich äußerte er den Wunsch schon zu Jahresbeginn, die F1 bei Dunkelheit zwischen den Olympiahallen zu sehen.

Selbst als Menschenrechtler und einige westliche Politiker wie er englische Vize-Premierminister angesichts der Ukraine-Krise eine Absage des Premierenrennens forderten, ließ der erfahrene Promoter sich deshalb nicht beeindrucken. "Wir haben einen Vertrag mit ihnen, den werden wir zu 100 Prozent respektieren, und das wird auch Herr Putin, da bin ich mir sicher", sagte er schon im Juli.

Ecclestone: "Was wir machen, ist nicht illegal"

"Niemand hat mit mir gesprochen, dass wir dort nicht hingehen könnten. Die Sanktionen betreffen uns nicht und was wir machen, ist nicht illegal", ergänzte er nun bei der "Times": "Wir sind in Sotschi um Rennen zu fahren." Aus heutiger Sicht war der Termin im Anschluss an den Japan-GP also gut gewählt: Sonst hätte es womöglich noch Probleme mit dem Transport der Autos gegeben.

So aber ist die sportliche Perspektive perfekt. Und Ecclestones Intimus Putin respektiert nicht nur, er unterstützt sogar aktiv. Der Staatspräsident hat sich für das Rennen am Sonntag angesagt, sein Parkplatz ist direkt neben dem des Engländers reserviert. Angeblich wird Putin sogar die Siegerehrung persönlich vornehmen.

Der Chefpromoter wird zumindest nicht einschreiten, wenn Putin die Formel 1 als Bühne nutzt. "Ich empfinde große Bewunderung für ihn", sagte er "CNN", als die Rechte Homosexueller in Russland von der internationalen Öffentlichkeit debattiert wurden. Ecclestone zieht sein gewohntes Programm weiterhin knallhart durch: Er sucht die Nähe zu den Mächtigen, öffnet die Hand für einige Millionen, lehnt aber politische Verantwortung ab. Es gehe schließlich nur um Sport.

Deutschland-GP halb so teuer

Das Vorgehen rechnet sich. Die Nachrichtenagentur "Reuters" berichtete, dass für die sieben geplanten Rennen bis einschließlich 2020 etwa 250 Millionen Dollar Antrittsgeld in die Formel-1-Kassen fließt. Für den Deutschland-GP ist weniger als die Hälfte fällig. Die fragwürdige politische Lage stört schließlich auch beim Bahrain-GP seit dem Ausfall im Jahr 2011 kaum noch jemanden.

"Wenn ich an die Formel 1 und den Motorsport denke, sollten wir das meiner Meinung nach positiv bewerten, dass wir endlich in Russland Rennen fahren", schrieb Mika Häkkinen in seinem Blog für seinen Sponsor "Hermes": "Es ist ein neues Land und ein neuer Markt." Solange sich kein Geldgeber der Teams gegen die Veranstaltung auflehnt, muss Putin sich nicht um seine PR-Veranstaltung sorgen.

Hamilton: Russland? "Schöne Frauen, Wodka, Schnee"

Von den Fahrern ist sowieso kein Widerstand zu erwarten. "Ich wusste nicht, dass es in Russland Berge gibt", offenbarte der WM-Führende Lewis Hamilton bei den Presseterminen vor dem Wochenende: "Russland steht für mich für schöne Frauen, Wodka und Schnee - wie in den Filmen."

Dass sich die Vertreter Automobilhersteller mit zurückhaltenden Äußerungen hervortraten und in Ecclestones Schatten ebenfalls den sportlichen Wert betonten, passt ins Schema. "Die Formel 1 ist nicht nur der prestigeträchtigste Wettbewerb im Motorsport, sie führt auch die Errungenschaften des Automobilbaus vor", sagte Putin bei der Vertragsunterzeichnung anno 2010.

Sein Land ist für die Autoindustrie hinter Deutschland der zweitgrößte Absatzmarkt in Europa, der siebtgrößte weltweit. Mercedes setzt hier vornehmlich seine Limousinen mit großer Gewinnspanne ab, zudem werden 43 Prozent der zugelassenen LKW importiert. Es sich zeitgleich mit Russland zu verscherzen, während der Markt in China durch die Kartellbehörden immer mehr unter Druck kommt, wäre ein zu Risiko.

Russland droht der EU-Autoindustrie

Im "Dekret 166" hat Putin während seiner Amtszeit als Ministerpräsident festgeschrieben, dass jeder ausländische Hersteller ab 2016 mindestens 300.000 Kraftfahrzeuge in Russland produzieren muss, um reduzierte Einfuhrzölle zu zahlen. Das will sich kein Konzern entgehen lassen, zumal die Regierung angeblich bereits im August überlegte, auf die internationalen Sanktionen mit einem Importverbot gegen Auto-Hersteller aus der EU und den USA zu reagieren.

Seit Beginn der Ukraine-Krise ist der Markt im früheren Sowjetstaat im Bereich der Volumenhersteller eingebrochen, rund 30 Prozent weniger Autos wurden im August in Russland gebaut. Premium-Marken wie Mercedes stemmen sich noch dagegen, die Stuttgarter verzeichneten im ersten Halbjahr 2014 nach eigenen Angaben einen Zuwachs von 20 Prozent.

Am Sonntag wird sich die Marke mit dem Stern mit größter Wahrscheinlichkeit den Konstrukteurs-Titel sichern. Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo müssten für Red Bull 18 Punkte mehr holen als die Nico Rosberg und Lewis Hamilton. "Ein Mercedes muss die Kunden so begeistern, dass sie bereit sind, dafür einen höheren Preis zu bezahlen", erklärte Daimler-Chef Dieter Zetsche vor wenigen Monaten. Auch für die Silberpfeile ist der Russland-GP vor beinahe ausverkauftem Haus also beste Werbung.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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