Röcher: Vom Briefträger zum Bundesliga-Star

Von Fabian Zerche
Dienstag, 20.06.2017 | 11:20 Uhr
Thorsten Röcher traf im ersten Test zwei Mal
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Einst gab Thorsten Röcher dem SK Rapid einen Korb, weil er sich noch nicht bereit fühlte. Als er später Briefe austrug, war die Hoffnung auf den Profifußball gering. Doch Mattersburg holte ihn da raus. Bei den Burgenländern entwickelte sich Röcher stetig und zählt nun zu den besten Offensiv-Spielern der Bundesliga. Im SPOX-Interview erklärt Röcher seinen Wechsel zu Sturm und gibt Einblick in eine ungewöhnliche Karriere.

Der Anruf von Mattersburg-Trainer Franz Lederer kam unverhofft. Thorsten Röcher kickte beim SV Gloggnitz in den Untiefen des heimischen Fußballs und trug hauptberuflich Briefe aus. Der Traum vom Profivertrag war da, die Hoffnung eher weniger. Bis sich Lederer mit dem talentierten Offensivspieler an den Tisch setzte und die Türe zum Bundesliga-Fußball öffnete. Genau ein Monat später debütierte Röcher - gegen den SK Sturm. In der abgelaufenen Saison zählte er zu den auffälligsten Akteuren der Liga. Dafür sprechen zehn Torbeteiligungen und Tempo-Dribblings en masse. Im Interview mit SPOX erklärt der 26-Jährige, warum er sich für den SK Sturm entschied und gibt Einblick in seinen unorthodoxen Werdegang.

SPOX: Sie haben Ende Mai bei Sturm unterschrieben. Was hat für die Grazer gesprochen?

Thorsten Röcher: Ich wusste schon länger, dass Sturm und auch andere Vereine an mir interessiert sind. Dass sich Günter Kreissl so intensiv um mich bemüht hat, war sicher einer der Hauptgründe. Dann gab es die Gespräche mit dem Trainer. Für mich war dann klar: Sturm hat das beste Gesamtpaket.

SPOX: Mit 26 Jahren gehören Sie zu jener Generation, die mit den großen Sturm-Erfolgen aufgewachsen ist.

Röcher: Seit den goldenen Zeiten in der Champions League hat Sturm auf mich eine große Ausstrahlung. Es gab immer gute Sturm-Mannschaften, Spieler wie Vastic waren besonders. Aber auch die Fans haben bei mir immer Eindruck hinterlassen, wenn wir mit Mattersburg gegen Sturm gespielt haben.

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SPOX: Wir sitzen hier im Trainingszentrum in Messendorf. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Röcher: Die Trainingsmöglichkeiten sind sehr gut. Alles ist nahe beisammen. Das war in Mattersburg nicht immer so. Wir mussten einmal in der Akademie trainieren, dann wieder im Stadion. Aber auch die Kleinigkeiten sind top: Die Kabine, der Rasen, die Betreuung. Das ist mit Mattersburg nicht vergleichbar. Dort hatten wir einen Mitarbeiter, der sich alleine um alles gekümmert hat. In Graz gibt es für jeden Bereich Betreuer.

SPOX: Was können Sie jetzt bei Sturm einbringen?

Röcher: Ich bin ein kreativer Spielertyp, der im eins gegen eins sehr stark ist und vorne Lösungen finden kann. Ich gehe mit Tempo an die Sache heran und habe mich im letzten Jahr auch im Abschluss verbessert. Ich will auch bei Sturm mutig spielen. Und verbessern muss ich mich natürlich auch. Der Trainer wird mir in den nächsten Wochen sicher sagen, woran ich vermehrt arbeiten muss.

SPOX: Sie haben fast immer auf der linken Seite gespielt. Geht das rechts auch so gut?

Röcher: Das ist mir eigentlich recht egal. Ich kann links, rechts, und im offensiven Mittelfeld spielen. Der Trainer hat mir noch nicht gesagt, auf welcher Position er mich sieht. Ich bin ein flexibler Spieler, das gefällt auch dem Trainer und dem Sportdirektor.

SPOX: Stimmt es, dass Sie bis Anfang 20 Futsal-Spieler waren?

Röcher: Ja, ich habe vier Jahre Futsal gespielt - von 16 bis 19. Am großen Feld habe ich in Gloggnitz in der 1. Klasse angefangen. Also in der siebten Liga. Dort sind wir dann in die Gebietsliga aufgestiegen. Mit 19 habe ich Gloggnitz verlassen und bin zu Mattersburg gewechselt. Ich hatte schon früher Angebote, traute mir den Schritt aber nie ganz zu. Mit 19 dachte ich mir dann: Jetzt muss ich es probieren.

SPOX: Und Futsal hat Ihr Spiel beeinflusst.

Röcher: Ja, sicher sogar. Da spielt sich alles auf engen Raum mit wenig Ballkontakten ab. Man kommt auch oft ins eins gegen eins.

SPOX: Wenn Futsal- und Käfig-Kicker in den Profibereich wechseln, haben sie meist taktische Defizite. War das bei Ihnen ähnlich?

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Röcher: Auf jeden Fall. Mein Werdegang hatte zwar Vorteile, weil ich schon mit 15 bei den Männern gespielt habe. Akademie-Spieler, die immer mit gleichaltrigen spielen, haben im Erwachsenenfußball am Anfang wahrscheinlich Probleme. Aber andererseits sind sie taktisch besser geschult.

SPOX: Wer hat Sie schließlich entdeckt?

Röcher: Im Sommer 2010 hatten wir ein Testspiel gegen Mattersburg. Das Spiel ging 2:2 aus und ich bin offenbar aufgefallen. Im Winter drauf kam der Anruf von Franz Lederer. Wir haben uns getroffen und mir wurde klar, dass ich den Sprung wagen sollte.

SPOX: Sie waren damals Postler, oder?

Röcher: Ja, stimmt. Ich habe Industriekaufmann gelernt, aber das hat mir nicht getaugt. Darum bin ich zur Post gewechselt.

SPOX: Gab es damals noch Hoffnung, dass es mit der Profikarriere klappt?

Röcher: Nein, ich habe nicht wirklich damit gerechnet. Die Fußballer-Karriere war nur ein Traum. Das Timing vom Mattersburg-Angebot war dann perfekt.

SPOX: Peter Pacult wollte Sie einmal zu Rapid holen, oder?

Röcher: Da war schon Peter Schöttl Rapid-Trainer. Aber ich war noch nicht bereit. Wenn ich damals dorthin gegangen wäre, und mich nicht durchgesetzt hätte, wüsste ich nicht, wo ich heute wäre. Vielleicht wäre ich unterklassig. Oder gar nicht mehr im Fußball. Man muss 100-prozentig bereit sein. So wie ich jetzt für Sturm.

SPOX: Dass Sie jetzt bei Sturm gelandet sind, liegt auch an Ihrer letzten Saison. Wieso der krasse Formanstieg?

Röcher: Ich habe einige Teilbereiche meines Spiels verbessert. Zudem hat Trainer Gerald Baumgartner extrem auf mich gesetzt. Das war wichtig. Er hat sicher Anteil daran.

SPOX: Stimmt es, dass Mattersburg Sie mit einem sehr lukrativen Angebot halten wollte?

Röcher: Mattersburg wollte mich auf jeden Fall halten, aber nach sechseinhalb Jahren wollte ich etwas anderes machen. Da war Sturm die beste Adresse.

SPOX: Dass man als guter Spieler aus Mattersburg nur schwer wegkommt, wenn man noch unter Vertrag steht, ist kein großes Geheimnis. Wollten Sie schon früher weg?

Röcher: Das Timing mit meinem Vertragsende hat super gepasst. Ich brauchte bei Mattersburg etwas, um reinzukommen. Dann war ich ganz gut drauf - und plötzlich kam der Abstieg. Da wollte ich den Klub nicht hängenlassen, so bin ich nicht. Dann haben wir zwei Jahre gebraucht, bis wir raufgekommen sind. Das war eine frustrierende Zeit.

SPOX: Das machen nur treue Spieler. Ist Sturm für Sie auch ein langfristiges Projekt?

Röcher: Schon, ja. Ich war ewig bei Gloggnitz, dann sechseinhalb Jahre bei Mattersburg. So bin ich.

SPOX: Im Test gegen Bruck haben Sie zwei Tore gemacht. Wie waren die ersten Eindrücke?

Röcher: Schön! Aber auch ungewohnt, plötzlich ein anderes Trikot zu tragen. (lacht) Die Jungs haben mich enorm gut aufgenommen. Jedes Tor und jede gute Leistung hilft mir jetzt.

SPOX: Ihr Torschnitt ging zuletzt sukzessive nach oben. Nächste Saison dann zweistellig?

Röcher: Das wäre super. (lacht) Ich hoffe drauf.

SPOX: Franco Foda ist in der Vorbereitung ein ziemlicher Schleifer. Geht's härter zu als in Mattersburg?

Röcher: Wir sind erst wenige Tage im Trainingsbetrieb, das kann ich noch gar nicht beantworten. Aber man merkt, dass die Intensität enorm hoch ist. Zweimal hart trainieren ist ziemlich anstrengend, da ist Regeneration extrem wichtig. Außerdem wird es jetzt in den nächsten Wochen wohl noch härter.

SPOX: Abschließend: Was ist national und international in der nächsten Saison möglich?

Röcher: Wir wollen uns unbedingt für die Europa-League-Gruppenphase qualifizieren. Und in der Liga wollen wir auf keinen Fall schlechter werden, als Dritter. Das wird kein Selbstläufer. Ich rechne damit, dass Rapid stärker zurückkommt.

Thorsten Röchers Leistungsdaten:

SaisonTeamWettbewerb
2016/2017SV MattersburgBUN269034313836500
2015/2016SV MattersburgBUN2176302551462710
2014/2015SV Mattersburg1.L175431211018112500
2013/2014SV Mattersburg1.L1851252411112610
2012/2013Mattersburg IIREG90110000000
2012/2013SV MattersburgBUN233934231161121000
2011/2012Mattersburg IIREG1201151506011100
2011/2012SV MattersburgBUN731245194274500
2010/2011Mattersburg IIREG87111110404100
2010/2011SV MattersburgBUN325050120100
Total13735210156547171334120

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