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Tennis

Schüttler: Der „rote Blitz“ schlägt ein

Rainer Schüttler
© GEPA pictures

Rainer Schüttler erreichte 2003 bei den Australian Open sensationell das Endspiel. tennisnet.com blickt zurück.

Von Christian Albrecht Barschel

Als am 13. Januar 2003 die Australian Open in Melbourne begannen, sah die Lage im deutschen Tennis nicht gerade rosig aus. Tommy Haas war zwar die Nummer elf in der Weltrangliste, doch Haas verpasste nicht nur die Australian Open, sondern auch das gesamte Jahr 2003 wegen Schulterproblemen. Das zweite deutsche Aushängeschild Nicolas Kiefer konnte wegen einer Verletzung ebenfalls nicht antreten in Melbourne und war auf Platz 74 zurückgefallen. Bei den Damen ging Barbara Rittner als deutsche Nummer eins und Nummer 65 der Welt in die Australian Open. Und so ruhten die deutschen Hoffnungen hauptsächlich auf Rainer Schüttler, der als Nummer 36 der Weltrangliste startete.

Minimalziel ist noch nicht genug

Doch nur die kühnsten Optimisten trauten Schüttler ein starkes Abschneiden bei den Australian Open zu. Denn der Korbacher hatte erst einmal die zweite Woche bei einem Grand Slam erreicht - zwei Jahre zuvor das Achtelfinale in Melbourne. Die Australian Open gingen aus deutscher Sicht gleich mit einem Paukenschlag los. Marlene Weingärtner schlug in der ersten Runde die zweifache Titelverteidigerin Jennifer Capriati und sorgte damit für eine der größten Sensationen in der Turniergeschichte. Der Höhenflug von Weingärtner wurde jedoch in der dritten Runde jäh gestoppt. Der Blick aus deutscher Sicht richtete sich nun auf Schüttler, der seine ersten beiden Runden glatt in drei Sätzen gewann.

Der Auftaktsieg des Deutschen gegen den Spanier Albert Portas lieferte noch keine Schlagzeilen. Mit dem Zweitrundensieg gegen den ehemaligen Wimbledonsieger Richard Krajicek machte Schüttler dann aber auf sich aufmerksam. In allen drei Sätzen lag er mit 1:3 zurück und entschärfte schließlich den baumlangen Niederländer in drei Sätzen. Das Minimalziel dritte Runde hatte Schüttler damit erreicht, doch der 26-Jährige hatte noch viel mehr vor. "Das Turnier ist noch lange nicht vorbei. Wenn ich gegen Marat meine Form halte, kann ich das Achtelfinale erreichen", blickte er auf das nächste Spiel gegen den Weltranglisten-Dritten Marat Safin voraus.

Safins Pech ist Schüttlers Glück

Doch zum Match mit dem Vorjahresfinalisten in Melbourne kam es nicht. Safin zog kurz vor Beginn der Partie wegen eines Bänderrisses im Handgelenk, den er sich in der ersten Runde zugezogen hatte, zurück. "Glück für mich, Pech für Safin. Das ist mir bei einem so wichtigen Turnier noch nie passiert. Der andere Weg wäre zwar befriedigender gewesen, aber traurig bin ich trotzdem nicht", sagte Schüttler, der damit wichtige Kräfte sparte. Das sollte sich in den nächsten Runden auszahlen. Schüttler hatte damit zum zweiten Mal in seiner Karriere die zweite Woche bei einem Grand Slam erreicht - wieder in Melbourne.

Im Achtelfinale wartete auf den Korbacher mit James Blake ein Shootingstar der Szene. Umso heißer es in Melbourne wurde, umso besser wurde Schüttler. Bei mehr als 30 Grad Hitze spielte der wieselflinke Deutsche seine läuferischen Qualitäten aus und überzeugte zudem mit druckvollem Grundlinienspiel. Die australischen Medien nannten Schüttler "roter Blitz", weil er so schnell auf den Beinen war und er bei jedem Spiel ein rotes Shirt trug. Und der "rote Blitz" schlug auch im Achtelfinale ein. Schüttler besiegte Blake in vier Sätzen (6:3, 6:4, 1:6, 6:3) und stand im Viertelfinale. "Das war ein Meilenstein, eine sehr große Erleichterung. Ich hatte bei den letzten wichtigen Grand-Slam-Matches auch meine Chancen und habe dann doch verloren", freute sich der Deutsche.

Der "rote Blitz schlägt erneut ein

Schüttler bekam es im Viertelfinale mit David Nalbandian zu tun. Der Argentinier hatte zuvor Roger Federer in einem Fünfsatzmatch aus dem Turnier geworfen. Der "rote Blitz" machte dort weiter, wo er aufgehört hatte. Schüttler diktierte das Match gegen Nalbandian, gewann den ersten Satz und führte auch im zweiten Satz mit 4:2. Dann drehte der Argentinier auf und sicherte sich den Satzausgleich. Schüttler war davon ganz und gar nicht geschockt. Anstatt einer möglichen 2:0-Satzführung nachzutrauern, legte Schüttler mehrere Schippen drauf und demontierte Nalbandian in den Sätzen drei und vier. 6:3, 5:7, 6:1, 6:0 - Halbfinale bei den Australian Open. Der "rote Blitz" schlug erneut in Melbourne ein!

"Für mich ist ein Traum wahr geworden, es ist unglaublich. Ich habe jetzt keinerlei Druck mehr und werde versuchen, weiterzumachen. Wenn ich Nalbandian schlagen kann, dann kann ich jeden anderen auch schlagen", blickte Schüttler auf das Halbfinale gegen Andy Roddick voraus. Der US-Amerikaner hatte sich im Viertelfinale in einem Rekordmatch mit 21:19 im fünften Satz gegen Younes El Aynaoui durchgesetzt. Der Deutsche ging also viel ausgeruhter als Roddick in das Halbfinale. Und das kam Schüttler im Laufe der Spielzeit zugute. Roddick waren die Strapazen des vorherigen Fünf-Stunden-Marathons deutlich anzumerken.

"Die Welt ein bisschen auf den Kopf gestellt"

Schüttler gewann das Halbfinale mit 7:5, 2:6, 6:3, 6:3 und legte sich nach dem verwandelten Matchball auf den Hartplatz hin. "Wahnsinn, das ist einer der besten Momente meines Lebens. Ich habe die Welt innerhalb von zwei Wochen ein bisschen auf den Kopf gestellt. Daran habe ich vor dem Turnier nie gedacht, ich war froh, in der dritten Runde zu sein", sagte Schüttler nach seinem historischen Finaleinzug. Ein Deutscher im Grand-Slam-Finale: Das hatte es seit dem Finaleinzug von Michael Stich bei den French Open 1996 nicht gegeben. "Das Night-Session-Match gegen Roddick war dann eh der Knaller. Wie ich da beim Matchball den Rückand-Longline-Passierball getroffen habe, das habe ich jetzt noch im Gefühl. Es gibt nichts Schöneres, als wenn man einen Ball richtig satt trifft und genau weiß, wo der Ball hingeht. Das war so einer von diesen Schlägen", erinnerte sich Schüttler im Interview mit spox.com auch noch nach seinem Karriereende an den Matchball gegen Roddick.

Der Korbacher wandelte damit auf den Spuren von Boris Becker, der sich 1991 und 1996 in die Siegerliste der Australian Open eingetragen hatte. Im Endspiel wartete auf Schüttler mit dem dreifachen Australian-Open-Sieger Andre Agassi schließlich eine schier unlösbare Aufgabe. Der US-Amerikaner war mal wieder in Überform und schoss seine Gegner im Turnierverlauf regelrecht vom Platz. "Andre ist in unglaublicher Form. Ich habe nichts zu verloren, ich habe keinen Druck", erklärte Schüttler vor dem Finale. Dem Deutschen war aber nach seinen bisherigen Auftritten durchaus zuzutrauen, dass er sein Melbourne-Märchen mit dem Grand-Slam-Titel abschließt. Die große Finalsensation blieb jedoch aus.

Chancenlos gegen Agassi

Schüttler war gegen den US-Amerikaner von Anfang an auf verlorenem Posten. Agassi führte den Korbacher vor und war im Endspiel mehrere Klassen besser. Nach nur 76 Minuten war der Titeltraum von Schüttler beendet. 2:6, 2:6, 1:6, ein solch klares Ergebnis in einem Grand-Slam-Finale hatte es lange nicht mehr gegeben. "Er war einfach zu gut für mich. Das Finale habe ich mir mit Sicherheit anders vorgestellt. Aber ich habe nicht gegen irgendjemanden verloren. Wenn ich in ein paar Wochen zurückblicke, werde ich auf keinen Fall enttäuscht sein", war Schüttler dennoch stolz über sein Erreichtes bei den Australian Open.

Die zwei Wochen in Melbourne gaben Schüttler Auftrieb für den Rest des Jahres 2003. Der Korbacher spielte sich in die Top Ten vor und durfte zum Ende des Jahres beim Saisonfinale der acht besten Spieler teilnehmen. In den nächsten Jahren seiner Karriere lief es für Schüttler in Melbourne aber überhaupt nicht mehr rund. Fünfmal schied er in der ersten Runde aus, dreimal war in der zweiten Runde Endstation. 2012 trat Schüttler ein letztes Mal bei den Australian Open an und wollte sich für das Hauptfeld qualifizieren. Das Aus kam in der zweiten Quali-Runde. Das Match war schließlich nicht nur Schüttlers letztes Match in Melbourne, sondern sollte auch das letzte Match in seiner Karriere gewesen sein. Im Oktober 2012 gab der Deutsche sein Karriereende bekannt. Die Australian Open bleiben für Schüttler besonders in Erinnerung.

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