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Quo vadis, Cam Newton? Warum der einstige MVP immer noch kein Team hat

Cam Newton hat noch kein Team für 2020 gefunden.

Cam Newton hat auch nach NFL Draft und Free Agency noch kein neues Team gefunden. Der einstige MVP der Liga wäre immer noch eine bessere Option als manch ein etablierter Starter, das Interesse hält sich jedoch in Grenzen. Doch woran liegt das? Was hält Teams davon ab, den Ex-Panthers-Quarterback zu verpflichten?

Der NFL Draft und weite Teile der Free Agency befinden sich im Rückspiegel und vom Training Camp trennen uns nur noch die Sommerwochen gefüllt mit (virtuellen) Offseason-Trainingseinheiten. Und Star-Quarterback Cam Newton (31) hat immer noch kein Team gefunden. Ein Fakt, der vor dem Start dieser Offseason für Ende Mai nicht unbedingt erwartet wurde.

Warum ist der MVP von 2015 so schwer vermittelbar? Sein Resümee jedenfalls kann nicht der Grund dafür sein.

Er ist der einzige Spieler in der Geschichte der Carolina Panthers, der zum MVP gewählt wurde. Er führte die Panthers 2015 in den Super Bowl, zudem belegt er aktuell Platz 6 der aktiven Leader in Sachen Rushing-Touchdowns (58). Dass seine Leistungen seither nicht mehr an das MVP-Niveau heranreichten, ist zu beachten, aber keinesfalls überzubewerten, zumal es einen personellen Aderlass seither bei den Panthers gab.

Auch hat Newton bis zur Vorsaison nur sechs Spiele in acht Jahren NFL verpasst, obwohl er aufgrund seiner Statur und aggressiven Spielweise permanent Hits eingesteckt hat und deutlich weniger von Schiedsrichtern geschützt wurde als andere Passgeber dieser Liga. Newton ist hart im nehmen und ein durchaus erfolgreicher Quarterback.

Zugegeben, auf dem College hatte er so seine Probleme, ehe er 2010 für Auburn den Durchbruch schaffte, das Team zur nationalen Meisterschaft führte und selbst die Heisman Trophy abstaubte. Aber seither fiel er bis auf seine exotischen Outfits und gelegentliche verbale Fehlgriffe nicht negativ auf. Im Gegenteil: Er ist weitläufig als guter Teamkollege und Leader in der Kabine bekannt.

Cam Newton: Drei Operationen in drei Jahren

Sein Problem dürfte daher vielmehr die jüngere Vergangenheit sowie die aktuelle Situation sein. Newton biss zwar in den Jahren vor 2019 immer wieder trotz Blessuren auf die Zähne, benötigte jedoch letztlich drei Operationen in den vergangenen drei Jahren. Nach der Saison 2016 brauchte es eine Operation an der rechten Schulter zur Reparatur eines Risses in der Gelenkslippe. An gleicher Stelle musste er Anfang 2019 nochmals operiert werden.

2019 kam dann schon in der Preseason eine Fußverletzung an der Lisfranc-Sehne dazu, die ihn unter dem Strich bis auf zwei Spiele die komplette Saison kostete. Im Dezember ließ sich Newton auch an der Stelle operieren, seither befindet er sich in der Reha.

Und dies ist auch schon der springende Punkt: Zwar bestand er einen Medizincheck bei den Panthers vor seiner Entlassung, doch das scheint andere Teams noch nicht vollends zu überzeugen, dass Schulter und Fuß wirklich ausgeheilt und wieder vollends einsatzfähig sind.

Aufgrund der Corona-Krise ist es Teams derzeit nicht gestattet, ohne Weiteres ihre Ärzte und potenzielle Neuzugänge zusammenzubringen für etwaige Untersuchungen. Sprich: Es bleibt Ungewissheit bis zu einer möglichen Einigung zwischen Team und Spieler. In diesem Fall klar zum Nachteil von Newton.

Allerdings ist das nur ein Grund für Newtons Misere.

Cam Newton: Statistiken seit 2015

SaisonSpielePassquoteYardsTouchdownsInterceptions
20151659,838373510
20161452,935091914
20171659,133022216
20181467,933952413
2019256,257201

Cam Newton auf Winstons und Tannehills Spuren?

Durch die Medien kursieren noch andere Theorien, obgleich nicht alle unbedingt viel Gewicht haben. Ein beliebtes Argument scheint zu sein, dass Teams Newton nicht als Backup ansehen, eine Rolle, die er wohl zwangsläufig nahezu überall übernehmen müsste, da die Quarterback-Rollen vielerorts klar verteilt sind.

Es wäre der Weg, den letztlich Jameis Winston in diesem Jahr mit seiner Unterschrift in New Orleans gegangen ist. Oder eben Ryan Tannehill, der im Vorjahr als Backup von Marcus Mariota in Tennessee gestartet war, jedoch nach wenigen Wochen übernahm und groß aufspielte. Newton hingegen wird nachgesagt, dass er sich nicht mit der Rolle anfreunden könne.

Der schier omnipräsente MMA-Trainer und Football-Insider Jay Glazer jedenfalls hält nichts von dieser Sicht. Für The Athletic schrieb er kürzlich: "Cam wäre überhaupt keine Störquelle. Das entspricht einfach nicht seiner Person." Und auch Ex-NFL-Funktionär, TV-Experte und Buchautor Michael Lombardi äußerte sich ähnlich in seiner Kolumne "From the GM's Eye".

Dessen Theorie ist vielmehr, dass Newton zwar kein Problem aufgrund seiner Persönlichkeit wäre, sondern vielmehr, weil er eine zu große Präsenz hätte hinter einem eher fragwürdigen Starting Quarterback. Newton ist bekannt als positive Präsenz in der Kabine und würde somit wohl schnell gut aufgenommen werden von den Kollegen. Wenn fit, dürfte er zudem immer noch mehr Potenzial haben als so einige aktuelle Starting-Quarterbacks dieser Liga.

Konkret könnte man hier auf Teams wie die Jacksonville Jaguars, Chicago Bears oder auch Washington Redskins schauen.

Cam Newton: Zu groß für eine Backup-Rolle?

Die Bears brauchten offensichtlich einen neuen Quarterback und tradeten schließlich einen Viertrundenpick für Nick Foles nach Jacksonville - samt 17 Millionen Dollar an garantiertem Gehalt über die kommenden zwei Jahre. Newton wäre wohl günstiger gewesen, doch behauptet Lombardi, dass die Bears Foles favorisierten, weil dieser eben nicht dem bisherigen Starter Mitchell Trubisky klar überlegen wäre.

Vielmehr sei Foles einer, der auf Augenhöhe agieren und auch dann kein Problem wäre, sollte doch am Ende Trubisky starten. Es wird von einem offenen Wettbewerb gesprochen bei den Bears, obgleich auch bei einem solchen wohl doch Foles und nicht Trubisky am Ende die Nase vorn hätte. Dazu kam in Chicago die Vertrautheit der Coaches mit Foles, die bereits bei verschiedenen Stationen mit ihm gearbeitet haben.

Ähnliches Bild in Washington: Hier wäre Newtons langjähriger Head Coach Ron Rivera am Ruder, was für Newton wohl ideal wäre. Doch die Redskins tendieren offenbar dazu, Dwayne Haskins die Chance zu geben, sich zu entwickeln, schließlich investierte man in ihn einen Erstrundenpick.

Als Backup kam folglich "nur" Kyle Allen, der bis zu Newtons Verletzung dessen Backup in Carolina war. Erschwerend für Newton kommt in der Hauptstadt dazu, dass ausgerechnet Teameigner Dan Snyder die treibende Kraft hinter dem Haskins-Pick im Vorjahr war - keine Chance also, ihn zu entthronen, warum also dann unnötig Druck aufbauen?

Newton zu den Bills?

Blieben noch die Jaguars, die zweifelsohne einen besseren Quarterback als Sechstrundenpick Gardner Minshew II gebrauchen könnten. Doch wollen sie das überhaupt? Allem Anschein nach nicht. Stattdessen wurde als Veteran Mike Glennon geholt, der in keiner erdenklichen Weise bedrohlich auf einen Youngster wirken dürfte. Minshew hatte gute Ansätze als Rookie gezeigt, jetzt erhält er seine Chance.

Zudem könnte in Jacksonville anhand der bisherigen Moves ohnehin das Motto für 2020 "Tanking for Trevor" (Lawrence) - der Star-Quarterback der Clemson Tigers, der als Favorit auf den ersten Pick im Draft 2021 gehandelt wird - lauten. Da wäre ein Quarterback wie Newton nur im Wege.

Ein Team, das nun immer noch Sinn machen würde, sind die Buffalo Bills. Nicht, weil Josh Allen wackelt, sondern vielmehr, weil auch dieser mit seiner aggressiven Spielweise und seiner Statur stetig harte Hits kassieren wird und damit zumindest mal ein Verletzungsrisiko wäre. Newton wäre vom Typ her also der ideale Backup-Kandidat. Auch spricht für ihn, dass er Head Coach Sean McDermott aus gemeinsamen Tagen in Carolina kennt.

Und: Die aktuellen Allen-Backups sind Matt Barkley und Matt Fromm. Solide Quarterbacks, die aber einen ganz anderen Spielertyp repräsentieren, nämlich einen Pocket-Passer. Die Bills-Offense müsste also entsprechend angepasst werden, sollte Allen tatsächlich mal fehlen.

Cam Newton braucht Geduld

Nun könnte man noch ein paar weitere Namen in den Ring werfen, etwa New England, das sicher eine Absicherung für das unbeschriebene Blatt Jarrett Stidham vertragen könnte. Aber erstens fehlt den Patriots Cap Space, zweiten soll Offensive Coordinator Josh McDaniels kein Fan von Newton sein. Folglich bleibt Newton wohl nichts anderes übrig als sich in Geduld zu üben.

Geduld wiederum könnte aber ohnehin sein bester Berater in der aktuellen Situation sein. Eine offensichtliche Stelle hat sich in einer Offseason, die ein ungewöhnlich großes Quarterback-Angebot auf dem Markt hatte, nicht für ihn aufgetan, drum täte er gut daran, sich in der aktuell Corona-bedingten Isolation ganz auf sich, seine Reha und seine individuelle Verfassung zu kümmern. Und sobald dann Untersuchungen wieder überall regulär möglich sind, kann er immer noch allen beweisen, zu was er noch in der Lage ist.

Überdies gibt ihm dies die Chance, als Feuerwehrmann zu agieren, sollte sich im Camp ein etablierter Quarterback verletzen oder sollte kurz nach Saisonbeginn einem Team mit QB-Wackelkandidaten doch klar werden, dass die anvisierte Lösung keine Früchte trägt.

Cam Newton mag aktuell nicht sonderlich gefragt sein, doch in der schnelllebigen NFL könnte er am Ende sogar profitieren, wenn er jetzt die Wartezeit klug überbrückt.

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