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Justin Herbert vor dem NFL Draft: Der Introvertierte unter den Superstars

Von Jan Dafeld
Justin Herbert zählt zu den größten Talenten im NFL Draft 2020.

Justin Herbert zählt zu den größten Talenten im Draft 2020. Der 22-Jährige könnte in den Top-5 gedraftet und als zweiter Quarterback nach Joe Burrow ausgewählt werden. Doch den College-Superstar umgeben auch Fragezeichen. Einige sind sportlicher Natur, andere resultieren aus einer anderen Frage: Wie introvertiert kann ein NFL-Quarterback sein?

Justin Herbert hat noch keinen Profivertrag unterschrieben, noch nie auf einem NFL-Feld gestanden. Und doch lebte der 22-Jährige bereits den Traum zahlreicher Kinder und Teenager: Herbert lief vier Jahre lang für sein absolutes Lieblingsteam auf.

"Ich bin in einer Familie groß geworden, in der alle schon immer Ducks-Fans waren", verriet er gegenüber NBC. "Mein Großvater ging zu jedem Spiel und hat selbst [bei Oregon] gespielt. Meine Eltern lieben Oregon-Football, genau wie meine Brüder, da musste ich natürlich auch ein Duck-Fan werden."

Tatsächlich war Herbert aber mehr als nur einer unter vielen Spielern für die Ducks. Der Quarterback war der Superstar der Schule. Über die vergangenen vier Jahre dürfte kein Student an dem College auch nur annähernd die Aufmerksamkeit erfahren haben, die Herbert zu teil wurde, sowohl national als auch lokal.

Er war seit fast 40 Jahren der erste Quarterback, der als Freshman für die Ducks starten durfte, gleich in seinem ersten Jahr stellte Herbert neue Rekorde für Offensive Yards, Passing Yards und Touchdown-Pässe in einem Spiel auf.

Als er in der darauffolgende Saison fünf Spiele ausfiel, fiel Oregons Punkteschnitt von fast 50 Punkten pro Spiel auf gerade mal 15 Zähler. Noch vor seinem Junior-Jahr wurde Herbert zu den absoluten Top-Favoriten auf den Heisman-Award, mit welchem den besten College-Spieler des Jahres ausgezeichnet wird, gezählt.

Justin Herbert: Eines der größten Talente des Landes

Der Youngster hatte sich zum größten Talent Oregons und vielleicht des ganzen Landes aufgeschwungen - und das trotz durchaus herausfordernder Umstände.

In seinen ersten drei Jahren spielte Herbert unter drei verschiedenen Head Coaches in drei verschiedenen offensives Schemes. Während er anfangs praktisch ausschließlich aus der Shotgun agierte, spielte Oregon unter Mario Cristobal ab 2018 eine Pistol Offense.

Seine stetige Entwicklung ist daher durchaus bemerkenswert. Herbert steigerte seine Touchdown-Zahl in den vergangenen drei Jahren, von 2018 auf 2019 verbesserte er sich in nahezu allen nennenswerten statistischen Kategorien, zum Beispiel Completion Percentage, Yards pro Passversuch und Passer Rating. Zudem führte er seine Ducks in der vergangenen Saison zum Sieg im prestigeträchtigen Rose Bowl.

Und doch kommt auch Herberts Draft-Profil freilich nicht ohne Makel aus, schließlich gilt Heisman-Gewinner Joe Burrow als der nahezu garantierte Nummer-eins-Pick - und nicht Justin Herbert.

Justin Herbert: "Sorgen um meine Führungsqualitäten"

Neben nicht zu vernachlässigenden Schwächen auf dem Feld wie Pocket-Verhalten und Passgenauigkeit werden dabei auch immer wieder mentale Aspekte angeführt. Einige NFL-Teams fürchten, Herbert könnten die Präsenz und die Persönlichkeit eines NFL Quarterbacks fehlen, berichtete unter anderem Bleacher Report kürzlich.

"Ich glaube, manche machen sich Sorgen um meine Führungsqualitäten und dass ich ein ziemlich ruhiger Typ bin", gab Herbert gegen über der Sun Sentinel unumwunden zu, auch wenn er ergänzt: "Aber ich würde sagen, dass ich nicht zu ruhig bin. Ich kann dir dein Ohr ablabern."

Justins Vater Mark, der seinen Sohn vor der High School trainierte, erinnert sich an einen Moment aus Justins Kindertagen: Ihr Team hatte alle Spiele des Jahres gewonnen, lag kurz vor Spielende nun aber zurück. Mark guckte seinem Sohn in die Augen und sagte zu ihm: "Jetzt musst du dieses Team anführen und das Spiel gewinnen!"

Dieser Moment hätte ein Sinnbild für Herbert als Leader werden können. Es gab nur ein Problem: "Wir haben nicht gepunktet", erinnert sich Mark gegenüber Bleacher Report. "Wir haben verloren."

Justin Herbert: Kein geborener Anführer

Herbert war nie der geborene Anführer, zu dem Quarterbacks oft stilisiert werden. Er war ein ruhiges Kind, auf dem Footballfeld spielte er Receiver und ließ andere Quarterback sein. Erst als einige Eltern anmerkten, dass der kleine Justin den Ball besser werfen konnte als irgendein anderer Spieler im Team, stellte Mark seinen Sohn als Passer auf.

Eigenschaften, die Herbert noch viele weitere Jahre ausmachen sollten - selbst nach mehreren Jahren als Superstar auf dem College von Oregon. Als er erstmals einige seiner Mitspieler bei den Ducks anschrie, sollen diese in Gelächter ausgebrochen sein, so komisch wirkte die Situation auf sie.

Marcus Arroyo, Herberts Offensive Coordinator und Quarterback-Coach, schenkte seinem Schützling in dieser Saison das Buch Quiet: The Power of Introverts in a World that can't stop talking.

Gleichzeitig ließ er sich von seiner Frau, einer Psychologin, Tipps für den Umgang mit Herbert geben. Er solle weniger perfektionistisch sein, ermutigte Arroyo seinen Quarterback, der oft hart mit sich selbst ins Gericht ging.

Ratschläge, die offenbar Früchte trugen. "Wenn er als Freshman oder Sophomore eine Interception geworfen hat, war das sehr hart für ihn, das hat man gemerkt", erinnert sich Ducks-Guard Shane Lemieux. "Heute hat er eine ganz andere Körpersprache. Am Anfang wirkte es vielleicht forciert, heute ist es natürlich."

Auch das sind Fähigkeiten, die in den Augen von NFL-Teams keineswegs zu vernachlässigen sind. "Es ist sehr wichtig für einen Quarterback, anführen zu können", meint Tom Telesco, General Manager der Los Angeles Chargers. "Er muss die Arbeitseinstellung haben, mit Kritik umgehen können, all diese Sachen."

Erfolg in der NFL? Justin Herbert gibt sich zurückhaltend

Tatsächlich werden Telescos Chargers neben den Miami Dolphins als wahrscheinlichste Stationen für Herbert gehandelt. Je nachdem wie sehr Teams die ungewisse Gesundheit von Tua Tagovailoa abschreckt, könnte Herbert, der in der vergangenen Saison mit der William V. Campbell Trophy, gewissermaßen eine Art Heisman-Trophäe, die auch akademische Leistungen berücksichtigt, ausgezeichnet wurde, im Draft tatsächlich als zweiter Quarterback ausgewählt werden.

"Um ehrlich zu sein, egal wo ich lande, ich werde glücklich sein. Ich weiß, dass sich das gekünstelt und politisch korrekt anhört, aber das ist es nicht. Ich freue mich, dahin zu gehen, wo ich hingehen soll", so Herbert. "Ich will einfach so lange wie ich kann Football spielen. Ich bin sehr froh, an diesem Punkt in meiner Karriere angekommen zu sein."

Herbert freut sich auf seine Zeit in der NFL. Ob er gleich von Beginn an auch in der besten Liga der Welt überzeugen können wird, weiß er allerdings selbst auch nicht: "Ich habe noch nie ein Down in der NFL gespielt. Ich kann nicht genau sagen, wie schnell das Spiel ist. Ich habe Vertrauen in meine Fähigkeiten, aber in der NFL habe ich eben noch nicht gespielt", sagt Herbert ehrlich.

Der 22-Jährige gibt sich vorerst noch zurückhaltend. In dieser Hinsicht ist er eben immer noch der kleine Justin aus Kindertagen.

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