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NBA-Legendenserie: Len Bias - Michael Jordans Kontrahent für zwei Tage

Len Bias wurde 1986 von den Boston Celtics mit dem zweiten Pick ausgewählt.

Len Bias sollte nach Larry Bird der nächste große Star der Boston Celtics werden. Der Forward galt als Ausnahmetalent auf dem College und ernstzunehmender Kontrahent von Michael Jordan. Doch keine 48 Stunden nach dem Draft 1986 verstarb Bias aufgrund einer Überdosis Kokain und die Celtics sollten sich davon über Jahrzehnte nicht mehr erholen. Die traurige Geschichte eines jungen Mannes, der noch das ganze Leben vor sich hatte.

1986 befand sich der Nabel der Basketball-Welt in Boston. Die Celtics haben gerade durch ein 4-2 gegen die Houston Rockets den dritten Titel in der Ära Larry Bird eingefahren, noch heute zählt das Team mit Dennis Johnson, Danny Ainge, Bird, Kevin McHale, Robert Parish und auch Bill Walton zu den besten Mannschaften aller Zeiten.

Und trotzdem hielt der amtierende Champion im Draft den zweiten Pick. Knapp zwei Jahre zuvor konnte sich Celtics-Guard Gerald Henderson nicht mit dem Team auf einen neuen Vertrag einigen, die Seattle SuperSonics gaben für einen 12-Punkte-Scorer ihren Erstrundenpick her - und zwar ungeschützt.

Wen die Celtics ziehen würden, war so ziemlich jedem klar. Die Cavs, die den ersten Pick hielten, hatten Brad Dougherty im Visier, einen Franchise-Center, der alle Anlagen hatte, über Jahre einer der besten Bigs der Liga zu werden. Große Jungs hatten damals Priorität, deswegen wurde auch beispielsweise 1984 nicht etwa Michael Jordan, sondern Hakeem Olajuwon der Top-Pick.

Len Bias: Keiner kam Michael Jordan so nahe

Den Celtics passte dies bestens, hatten sie mit "Chief" Robert Parish doch ohnehin keinen Bedarf auf der Center-Position. Stattdessen fiel das Auge auf Len Bias, einen bulligen Forward aus Maryland, der mit seiner Athletik auf dem College-Niveau mit durchschnittlich 23 Punkten und 7 Rebounds dominierte.

Spektakuläre Dunks, unfassbar athletische Plays und ein butterweicher Sprungwurf - Bias schien dem Spiel um Jahre voraus. Zweimal wurde er ACC-Spieler des Jahres, dazu wurde er einstimmig ins All-American Team gewählt.

"Sein Spiel ähnelt dem von Michael Jordan wie bei vielleicht keinem anderen", frohlockte Celtics-Scout Ed Badger damals. "Vielleicht ist er nicht so gut wie Michael, aber er ist explosiv und ähnlich spannend."

Der Bulls-Star hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei NBA-Jahre auf dem Buckel und vor wenigen Monaten den stolzen Celtics 63 Punkte in den Playoffs eingeschenkt. Noch heute geistert das Zitat von Larry Bird nach diesem Spektakel durch die Welt: "Das war Gott, der sich als Michael Jordan verkleidet hat."

Bias als Versicherung für die Boston Celtics

Auch Jordan hatte bereits Bekanntschaft mit Bias gemacht, als er mit den North Carolina Tar Heels auf Maryland traf. Bias scorte in diesem Spiel 24 Zähler, Jordan kam auf 21, nahm aber mit den favorisierten Tar Heels den Sieg aus dem Cole Fieldhouse in College Park, Maryland mit.

Einige Medien spekulierten in der Folge bereits, dass dieses Duell die NBA über Jahre prägen würde. Jordan mit seinen aufstrebenden Bulls und Bias, der in den kommenden Spielzeiten den Staffelstab von Bird übernehmen und die Celtics-Ära verlängern sollte.

"Er ist ein guter Junge, er wird auf jeden Fall spielen. Wir planen ihn als unseren sechsten Mann ein", sagte Celtics-Präsident Red Auerbach, kurz nachdem Boston Bias tatsächlich mit dem zweiten Pick nahm. "Ihr kennt doch alle das Wort Versicherung, oder? Bias ist so eine Versicherung für uns."

Auch Bias war begeistert. Der Youngster wurde wenige Wochen zuvor von den Celtics zu Spiel eins der Finals gegen die Rockets in den altehrwürdigen Boston Garden eingeladen und war überwältigt von der Atmosphäre. Nach dem Spiel raunte er Celtics-GM Jan Volk ins Ohr: "Bitte draftet mich." Volk tat ihm diesen Gefallen gerne - er konnte ja auch nicht ahnen, welche Tragödie sich nun ereignen würde.

Len Bias: Eine verhängnisvolle Nacht mit Kokain

Am Tag nach dem Draft war Bias erstmals in Boston und wurde den Medien vorgestellt. Ein Auto wollte er sich mit seinem ersten Gehalt kaufen, ein Mercedes sollte es sein. Hinter den Kulissen verhandelte der 22-Jährige mit seinem Vater über einen Ausrüster-Deal, von Reebok sollte ein stattliches Angebot von 1,6 Millionen Dollar über fünf Jahre vorliegen.

Noch am Abend ging es zurück nach Maryland, wo Bias mit ein paar College-Kumpels in seinem Apartment ein wenig feiern wollte. Doch Bias' Stimmung hielt sich in Grenzen, statt zu Feiern dachte er an die Erwartungen und den hohen Druck, der auf ihm lastete.

Bias verließ das Hotelzimmer, schaute auf einer anderen Party vorbei und kehrte dann wieder zurück. Seine Kumpels vermuteten, dass Bias bei einer Frau gewesen war, doch der hatte Kokain besorgt, wie das Time Magazine später enthüllte, wohl zum ersten Mal in seinem Leben.

Der Notruf kam zu spät

Es war drei Uhr morgens, als das weiße Pulver auf einem kleinen Spiegel herumgereicht wurde, über drei Stunden betäubten sich die Studenten mit der harten Droge, die zur damaligen Zeit gerade in Mode kam. Gegen sechs Uhr stimmte mit "Lenny" etwas nicht, er konnte kaum atmen, bekam Krämpfe. Sein langjähriger Freund Brian Tribble reagiert schnell, um 6.32 Uhr ging ein Notruf ein.

Vier Minuten später war der Rettungsdienst bereits zur Stelle, doch zu spät. Bias konnte nicht mehr reanimiert werden, zehn Minuten später wurde seine Mutter über die Verlegung ihres Sohns in ein Krankenhaus informiert. Gegen 9 Uhr war es offiziell - Leonard Kevin Bias war tot. Die Ursache: Herzrhythmusstörungen nach einer Überdosis Kokain.

Auerbach war sprachlos, als Bias' Mutter bei den Celtics anrief, glaubte zunächst sogar an einen schlechten Scherz. Seine Versicherung für die Zukunft, die Celtics-Antwort auf Jordan? Innerhalb von zwei Tagen nur noch Theorie. Die Celtics-Legende sah im Fernsehen, wie Polizisten bestätigten, dass im Urin von Bias Spuren von Kokain gefunden wurden.

Kokain harmlos? Amerika wacht auf

Bias' Tod erschütterte nicht nur die Sport-Welt, sondern eine ganze Nation. Der Kokain-Konsum in den Staaten war stetig höher geworden, auch weil die Droge verharmlost wurde. Zwei Monate nach Bias' Tod verabschiedete die Regierung ein neues Drogenbekämpfungsprogramm über 1,4 Milliarden Dollar, zwei Jahre später erließ der Kongress ein noch strengeres Gesetz, das sogenannte 'Len Bias Law'.

Die Familie Bias konnte sich davon jedoch nichts kaufen und es wurde noch schlimmer. Vier Jahre nach dem Tod des ersten Sohnes kam auch der jüngere Bruder Jay bei einem Drive-By-Shooting ums Leben. Auch Jay soll ein guter Basketballer gewesen sein, wenn auch nicht auf dem Niveau seines Bruders.

Nicht der letzte Kokain-Vorfall in der NBA

Für die NBA war der Fall Bias nicht der letzte Kokain-Vorfall. Zwei Jahre später sollten die Phoenix Suns in einen großen Kokain-Skandal verwickelt sein, zuvor waren bereits die Rockets-Spieler Lewis Lloyd und Mitchell Wiggins (der Vater des späteren Nr.1-Picks Andrew) für den Gebrauch von Kokain gesperrt worden.

Der damalige Commissioner David Stern verhängte harte Strafen, führte frühe Schulungen über Drogen ein und dämmte über die Jahre dieses Problem deutlich ein. Ob das Bias geholfen hätte? Wir werden es nie erfahren, genau so wenig, ob der Maryland-Forward wirklich der große Jordan-Gegner und Celtics-Heilbringer für die 90er-Jahre gewesen wäre.

Ohne Bias fehlte Boston der nächste große Star, auch weil sie wenige Jahre später noch einmal Pech hatten und in Reggie Lewis, den die Celtics ein Jahr nach Bias im Draft zogen, einen weiteren kommenden Star wegen Herzproblemen verloren. Er starb im Sommer 1993 mit 27 Jahren bei einer Trainingseinheit.

Hätte Jordan gegen Bias und Lewis so dominieren können? Würden wir heute anders auf die Karriere von His Airness blicken, wenn mit den Celtics in den 90ern ein weiterer ernstzunehmender Rivale in der Eastern Conference gewesen wäre? Fakt ist, dass die alternden Celtics nach Birds Rücktritt 1992 über ein Jahrzehnt erfolglos versuchten, das nächste große Celtics-Team zu bilden. Am 17. Juni 1986 sah die Zukunft noch rosig aus, Auerbachs Ruf als Genie wurde mal wieder bestätigt. Keine 48 Stunden war alles vorbei.

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