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NBA - Michael Jordans Ex-Teamkollege Ron Harper im Interview: "Unser Bulls-Team hätte in jeder Ära funktioniert!"

Gemeinsam mit Michael Jordan gewann Ron Harper (l.) bei den Bulls drei Meisterschaften

Ron Harper gewann einst fünf Meisterschaften in sechs Jahren und war Teil des legendären 72-Siege-Teams der Chicago Bulls. SPOX sprach mit dem früheren Guard über die Geheimnisse einer Rekordjagd und die Führungsqualitäten von Michael Jordan. Zudem erklärt Harper, warum die Golden State Warriors den Rekord ruhig brechen durften.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien erstmals am 12. April 2016 und wurde aufgezeichnet, bevor die Warriors ihre 73-Siege-Saison perfekt machten. Alle weiteren Artikel zur Jordan-Week auf SPOX findet Ihr hier.

Mr. Harper, Sie haben mal bei Twitter geschrieben, Ihr früheres Bulls-Team würde die 2016er-Warriors sweepen beziehungsweise locker besiegen. Sind Sie wirklich dieser Ansicht?

Ron Harper: Ich habe großen Respekt für das, was die Warriors in der Saison 2015/16 beziehungsweise in den zwei Jahren zuvor geleistet haben. Sie sind ein richtig gutes Team mit starken Spielern und spielen beeindruckenden Basketball. 72 Siege holt man nicht einfach so, das kann ich Ihnen sagen.

Aber es bleibt dabei, dass die Bulls in einer Serie gewinnen würden?

Harper: Für mich ist das die falsche Frage, die da von den Journalisten immer wieder gestellt wird.

Welche Frage würden Sie denn lieber hören?

Harper: Man sollte fragen, wie viele Siege unser Bulls-Team in der aktuellen NBA holen könnte. Ich kann keine genaue Zahl sagen, aber es wären sicher nicht wenige. Wir hatten den besten Spieler aller Zeiten in unseren Reihen, mit Dennis Rodman einen der besten Rebounder aller Zeiten, mit Scottie Pippen einen der besten Small Forwards aller Zeiten. Dazu noch einen tollen Scorer mit Toni Kukoc. Ich bin der Meinung, dass wir insgesamt ein kompletteres Team hatten. Wir waren das beste Defensiv-Team der Liga und haben fast nie den Ball verloren. Die Warriors sind klasse, aber sie verlieren sehr häufig den Ball. Wer das gegen uns tat, hatte selten eine Chance.

Ron Harper: "Unser Bulls-Team hätte in jeder Ära funktioniert"

Dann sind Sie der Meinung, dass Golden State von einer schwächeren Liga profitiert hat?

Harper: So würde ich das nicht direkt sagen. Es ist nur einfach eine ganz andere Liga, eine andere Ära als damals. Nur ein Beispiel: In den 90ern war es außergewöhnlich, wenn ein Team mal 15 Dreier in einer Partie versuchte. Bei den Warriors waren es eher 35 Versuche pro Spiel, und das entspricht eben der aktuellen Zeit. Inside-Game gibt es nur noch selten, alle Teams wollen werfen, werfen, werfen. Aber kein anderes Team hat diese Qualität beim Shooting wie Golden State, damit stechen sie sehr heraus. Wie gesagt: Die NBA ist deswegen nicht unbedingt schlechter, nur eben sehr anders als zu unserer Zeit.

Ist es dann fair zu sagen, dass die Warriors Ihrer Meinung nach mit der Umstellung auf 90er-Jahre-Basketball größere Probleme hätten als die Bulls auf den heutigen Stil?

Harper: Unser Bulls-Team hätte in jeder Ära funktioniert! Da würde ich mir überhaupt keine Gedanken machen, da wir wie gesagt so ausgeglichen und vielseitig besetzt waren. Da hätte ich bei den Warriors so meine Zweifel.

Sie halten die Dubs nicht für ausgeglichen und vielseitig?

Harper: Lassen Sie es mich so sagen: Glauben Sie, dass diese 2016er-Warriors die Suns mit Charles Barkley, Tom Chambers und Kevin Johnson stoppen könnten? Dass Sie eine Antwort auf Karl Malone hätten, auf MJ oder auf Magic Johnson?

Ron Harpers Karrierestatistiken

TeamsSpieleMinutenPunkteReboundsAssistsFG%3FG%
Cavaliers22835,219,44,75,147,422,6
Clippers30437,719,35,54,843,630,0
Bulls35024,47,93,02,643,229,8
Lakers12725,06,84,03,042,329,2

Ist nicht gleichzeitig die Frage fair, wie diese Teams mit dem Small-Ball der Warriors umgegangen wären?

Harper: Ich würde mir da keine großen Gedanken machen. Es ist ja nicht so, dass wir Small-Ball damals nicht gekannt hätten oder dass wir nicht gelegentlich auch mal kleiner gespielt hätten. Small-Ball gab es durchaus, es war nur nicht so praktikabel gegen die dominanten Inside-Spieler unserer Zeit. Aber wir konnten uns auf verschiedene Gegner sehr gut einstellen. Ich glaube nicht, dass die Warriors das ebenso schaffen würden.

Sehen Sie trotz allem Parallelen zwischen Ihrem Team und den Warriors von 2015/16? Immerhin besteht der Klub der 72-Siege-Teams nur aus Ihnen beiden.

Harper: Durchaus, ich schaue mir ihre Spiele auch gerne an. Sie spielen intelligenten Basketball und nutzen ihre eigenen Stärken sehr gut aus. Sie spielen als Team und was mich vielleicht am meisten an uns erinnert: Sie wirken dabei so, als hätten sie richtig viel Spaß am Spiel und umso mehr Spaß dabei, zu dominieren. In der Hinsicht erinnern sie mich wirklich an uns.

Harper: "War nicht nur eine Saison, in der alles gepasst hat"

Ich wollte als nächstes danach fragen, was der Schlüssel dabei ist, die ganze Saison über so fokussiert zu bleiben. Ist es wirklich dieser Spaß-Faktor? So eine 82-Spiele-Saison kann sich sonst doch extrem in die Länge ziehen, oder?

Harper: Absolut. Wir hatten damals ja kein bestimmtes Ziel im Kopf, wie viele Siege wir holen wollten. Wir sind einfach jeden Tag rausgegangen und wollten unser Bestes geben. Wir hatten einfach diese Mentalität, dass wir jedes Spiel gewinnen wollten. Das darf man ja nicht vergessen: Wir haben 1996 72 Siege geholt, ein Jahr später waren es aber auch 69 - das war vorher der NBA-Rekord! Es war also nicht nur eine Saison, in der alles gepasst hat. Wir haben geliebt, was wir taten. Anders kannst du meiner Meinung nach nicht so viele Spiele gewinnen.

Spielte es denn trotzdem auch eine Rolle, dass Sie 1995 in den Playoffs gegen Orlando verloren hatten? Das war in den 90ern ja eigentlich nicht mehr vorgesehen, wenn Michael Jordan beteiligt war ...

Harper: Das ist richtig. MJ war während der Saison vom Baseball zurückgekehrt und wir hatten in den Playoffs noch nicht diesen Groove, den wir gebraucht hätten. Das hat unter uns allen noch ein zusätzliches Feuer entfacht. Wir mussten danach etwas richtig stellen. Wir mussten beweisen, dass wir eigentlich das beste Team waren.

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