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NBA

Legenden-Serie: Wilt Chamberlain - Die Legende des Goliath

Wilt Chamberlain pulverisierte seine ganze Karriere über die Rekordbücher der NBA
© getty

Jede Debatte um Chamberlain beginnt natürlich mit dem großen Vergleich: Russell oder Chamberlain? Die beiden Center-Dinosaurier, die den Großteil ihrer Karrieren immer wieder gegeneinander antraten, faszinierten Experten und Fans schon zu aktiven Zeiten und bleiben bis heute ein gerne aufgewärmtes Diskussions-Thema.

Der frühere ESPN-Experte Bill Simmons widmete der Frage in seinem Almanach "The Book of Basketball" gar ein ganzes Kapitel und kam dabei zu einem mehr als eindeutigen Schluss: Russell hatte Chamberlain im Griff und gewann nahezu jedes direkte Duell, das etwas bedeutete. Die große Debatte sei demnach eigentlich keine, weil das Ergebnis so eindeutig war.

Nur um das klarzustellen: Simmons ist ein Die-Hard-Fan der Celtics, weshalb man nicht unbedingt mit positiven Aussagen über Lakers-Legenden von seiner Seite rechnen muss. Die Debatte soll hier auch gar nicht wieder aufgerollt werden. Um die Kritik an Wilt zu verstehen, sind die von Simmons gesammelten Zitate von Rivalen und Mitspielern allerdings sehr nützlich.

"Wilt ist ein Verlierer"

"Ich werde jetzt das sagen, was die meisten Spieler denken: Wilt ist ein Verlierer", schreibt beispielsweise Rick Barry in seiner Biographie, "er ist schrecklich in wichtigen Spielen. Er weiß, dass er verlieren wird und die Schuld dafür tragen muss, und er hasst es, und man kann es in seinen Augen sehen. Man kann ihn nicht mit Clutch-Spielern wie Russell oder Jerry West vergleichen."

In der Tat sind die Resultate seines Teams in den wichtigsten Spielen überraschend dürftig, was nicht selten mit Wilt zu tun hatte: Er war ein schwacher Freiwurfschütze, was ihn in der Crunchtime ineffektiver machte. Zudem hatte er die bizarre Ambition, niemals auszufoulen - sobald er sein fünftes Foul kassiert hatte, spielte er in der Defense deutlich weniger physisch und schadete seinem Team dadurch.

Er galt als Primadonna, die den eigenen Erfolg für wesentlich wichtiger hielt als den Erfolg des Teams: "Wilt war zu fokussiert auf Rekorde; die Liga bei den Assists oder bei der Wurfquote anzuführen und so weiter. Er erreichte ein individuelles Ziel und konzentrierte sich auf das nächste, während Russell nur fragte: 'Was kann ich tun, damit wir gewinnen?'", schrieb Bill Bradley.

"Wilt ist leicht zu hassen"

Nicht zuletzt hatte Chamberlain ein Talent dafür, mit Trainern und Teambesitzern aneinander zu geraten, was erklärt, warum ein Spieler seines Kalibers zweimal getradet wurde. Als er die Warriors verließ, kommentierte der damalige Besitzer Frank Mieuli: "Die Leute in San Francisco haben ihn nie lieben gelernt. Wilt ist leicht zu hassen, die Leute sind gekommen, um ihn verlieren zu sehen."

Eigentlich ist über sein Standing in der Liga alles gesagt, wenn man folgendes betrachtet: Als die Warriors ihn 1965 loswerden wollten, wurde unter den Lakers eine Abstimmung durchgeführt, ob man sich um Wilt bemühen sollte. Die Spieler entschieden mit 9 zu 2 dagegen... obwohl sie Jahr für Jahr in den Finals von den Celtics und Russell vorgeführt wurden.

Jerry West, der 1972 gemeinsam mit Chamberlain die Meisterschaft nach Los Angeles holte, fasste die Bedenken später zusammen: "Ich will Wilt nicht schlecht reden, weil ich glaube, dass nur Russell besser war und ich Wilt sehr respektiere. Aber ich muss sagen: Man musste sich an ihn anpassen, weil er sich nicht ans Team anpassen würde."

Neid und Frust

War einer der Gründe für die zahlreichen Kritiker Neid? Sicher. Das ist der Preis, den jeder zahlt, der so viel mehr Talent und Kraft hat als andere. Die Ursachenfindung hört damit aber nicht auf, denn auch das Wort "Frust" spielte bei der Bewertung Chamberlains eine entscheidende Rolle.

Wilt war im Gegensatz zu Russell kein manischer Titelsammler, trotzdem gewann er immerhin zwei Meisterschaften - und gerade die erste, die er 1967 mit den Sixers holte, kann im Nachhinein frustrieren. Denn sie zeigte, wozu er in der Lage war, wenn er sich einzig und allein der Meisterschaft verschrieb.

Tough love durch Hannum

Vor der Saison wurde mit Alex Hannum ein neuer Coach geholt, der zu Beginn direkt mal alle Schwachstellen des Teams aufzeigte und vor allem Chamberlain harsch kritisierte. Der war zunächst nicht gerade begeistert und hätte sich mehrmals beinahe mit Hannum geprügelt, da der Coach aber hart blieb und jederzeit klar machte, wer die Entscheidungen traf, gewann er nach und nach den Respekt seines Centers.

Der sollte sich mehr auf die Defense konzentrieren, uneigennütziger spielen und die Bretter kontrollieren. Die Rechnung ging auf; Chamberlain punktete weniger als je zuvor in seiner Karriere, war dafür aber bester Rebounder und drittbester Passer der Liga. Die Sixers stellten mit 68 Siegen einen damaligen Rekord auf und krönten sich in den Playoffs zum Champion, nachdem sie erst die Nemesis aus Boston und dann Wilts altes Team aus San Francisco aus dem Weg geräumt hatten.

Chamberlain begann während der Saison erstmals, seine Mitspieler öffentlich zu loben und lud zu Mannschaftsessen ein, weil er viel mehr verdiente als alle anderen. Er sprach davon, dass diese Sixers das "beste Team aller Zeiten" waren, und genoss den Erfolg sichtlich.

Wie üblich in seiner Karriere sollte es aber nicht dabei bleiben: Nur ein Jahr später verließ Hannum die Mannschaft, Chamberlain zerstritt sich mit Besitzer Irv Kosloff und wurde zum zweiten Mal getradet - trotz drei MVP-Awards nacheinander.

Niemand will Goliath gewinnen sehen

Natürlich folgte in L.A. noch ein weiterer Titel in einer Saison, in der die Lakers 33 Spiele in Folge gewannen - die längste Serie aller Zeiten und abgesehen davon noch ein Rekord für Chamberlains Briefkopf. Kann so jemand ein Verlierer sein? Nur, wenn man ihn an unmenschlichen Maßstäben misst.

So ist das eben, wenn man Goliath ist - ein Spitzname, den Chamberlain verständlicherweise hasste. Jeder ist glücklich, wenn Goliath verliert. Niemand ist beeindruckt, wenn Goliath triumphiert. In dieser Situation kann man nicht gewinnen.

Gut, dass er lernte, damit umzugehen: "Für mich ist Basketball ein Spiel, kein Kampf um Leben und Tod. Ich brauche keine Meisterschaften, um zu beweisen, dass ich ein Mann bin. Es gibt zu viele schöne Dinge im Leben, als dass man alles vom Basketball abhängig machen müsste", schrieb er in seiner Biographie.

Würdigung durch basketball-reference

Wie man seine Karriere auch bewerten will, sein Ausnahmestatus in der Geschichte der NBA ist in Stein gemeißelt. Die Seite basketball-reference.com hat eine Kategorie "on this date in NBA history", die herausragende Leistungen würdigt; dabei vergeht kein Tag, an dem man keine Statline a la "53 Punkte und 37 Rebounds" vom "Big Dipper" zu sehen bekommt.

Was für 99,9999999 Prozent aller Basketballspieler als mit Abstand bestes Spiel der Karriere gelten würde, war für ihn einfach nur ein weiterer Tag im Büro. Das ist sein Vermächtnis - und das wird auch so bleiben. Wilt Chamberlain war einzigartig in der Geschichte des Basketballs.

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