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NBA

Wohin geht der "kleine, zähe Mann"?

Von Martin Gödderz
18,3 Punkte und 4,3 Assists legt Nate Robinson (l.) in den diesjährigen Playoffs auf
© getty

In den Playoffs elektrisiert Nate Robinson die Massen. Mit ihm wird einer der verrücktesten Spieler der NBA im Sommer Free Agent. Wollen die Chicago Bulls ihn behalten, auch wenn Derrick Rose wieder fit ist? Oder schlagen sogar die Mavs zu? Robinson selbst fühlt sich wie an der Spielkonsole.

Wenn man sich Spielberichte zu Playoff-Partien in amerikanischen Sportarten durchliest, dann stößt man häufig auf ein Wort, das man nur schwer ins Deutsche übersetzen kann: "electrifying". Das heißt so viel wie elektrisierend, mitreißend, aufgeladen.

Bevor man sich allerdings an eine vernünftige Übersetzung macht, sollte man sich zunächst einmal Nate Robinson ansehen. Dieses 1,75-Meter-Energiebündel, der ehemalige Slam-Dunk-Champ mit Sprungfedern unter den Schuhen und einer riesigen Portion Mut ausgestattet. Das Powerpaket, das mit aller Macht in die Zone rennt. Der Mann, der aus dem Nichts heiß laufen kann.

Ja, Nate Robinson ist so etwas wie der Inbegriff von "electrifying". Er war es, der seine Teamkollegen mitgerissen hat, als mit Luol Deng und Kirk Hinrich zwei wichtige Stützen in den Playoffs wegfielen. Er trug sein Team mit 34 Punkten zum Sieg nach dreifacher Verlängerung gegen die Nets.

Blog Derrick Rose: The Return...or not?

Er sprang auch noch wie ein Flummi an der Seitenlinie herum, als er sich wegen einer Magen-Darm-Grippe immer wieder über einen Eimer beugen musste. Er sorgte mit 24 Punkten in der zweiten Halbzeit fast alleine für den Sieg der Bulls in Spiel 1 gegen die Miami Heat. Jeder einzelne Punkt von Robinson wird begleitet von wilden Gesten, von mit Fingern geformten Pistolen am eigenen Kopf, von Schreien, von Zuckungen. Jedes Mal hat man das Gefühl, Robinson würde bald implodieren.

Robinson: "Wie bei NBA Jam"

"Nate ist ein zäher, kleiner Mann. Er hat überhaupt keine Angst und ich denke, genau das muss man akzeptieren", äußerte sich Bulls Vize-Präsident John Paxson unlängst bei "ESPN Chicago 1000s".

Robinson ist der heimliche MVP eines Bulls-Rumpfteams in den Playoffs. Während der scheinbar fitte, aber mental angeschlagene Franchise-Player auf der Bank sitzt, während der Top-Scorer mit einer mysteriösen Krankheit ausfällt und auch der Backup-Point-Guard sich mit Verletzungen plagt, gibt der Rest des Teams immer 150 Prozent. Immer am Limit. Allen voran Nate Robinson.

Robinson selbst sagte kürzlich über sich: "Ich denke immer, dass ich heiß bin. Ganz so wie in diesem Old-School-Spiel NBA Jam. Du triffst zwei Würfe hintereinander und der Ring brennt. Du wirfst den Ball und der Ball brennt. Ich fühle mich so, die ganze Zeit. Jedes Mal, wenn ich im Spiel bin. Ich spiele mit einer Menge Selbstbewusstsein. Du musst dich ein wenig selbst anlügen und dich so fühlen, als ob du den Wurf nicht verfehlen kannst."

Rose wieder da, Robinson weg?

Am Ende dieser Saison läuft der Vertrag des Point Guards aus. Er wird Free Agent. Fernab von Robinsons Heldentaten in den Playoffs und abgesehen von seinem derzeitigen Status müssen sich die Bulls Gedanken machen, ob sie den Publikumsliebling behalten wollen. Viel spricht derzeit nicht dafür. Denn auch wenn Derrick Rose sich derzeit mental noch nicht für ein Comeback bereit fühlt, sollte er spätestens beim ersten Spiel der nächsten Saison wieder auf dem Parkett stehen.

Mit Rose als Spielmacher sowie der Achse Deng/Boozer/Noah im Frontcourt würden entweder Entdeckung Jimmy Butler oder Veteran Kirk Hinrich als Shooting Guard auflaufen. Mit Marquis Teague steht zudem ein vielversprechender junger Point Guard in den Startlöchern. Da bleibt wenig Platz für Robinson, der seinem Selbstverständnis nach viele Würfe und den Ball in den Händen braucht.

Robinson ist kein Spot-Up-Shooter, der die Lücken nutzt, die Rose durch seine Penetration schafft. Er profitiert viel eher von seiner Schnelligkeit und seinem Mut beim Zug in die Zone. Das sind Fähigkeiten, die beim 16 Zentimeter größeren Rose aber noch viel ausgeprägter vorhanden sind. So stellt sich automatisch die Frage: Können beide zusammen überhaupt auf dem Feld stehen?

Effektiv wie selten

Auch wenn die Playoffs derzeit einen anderen Eindruck vermitteln, brauchen die Bulls Robinson nicht unbedingt. Wenn Derrick Rose erst wieder zurück ist, haben sie kaum noch Bedarf an einem zu kleinen, defensivschwachen Combo-Guard, der viele Würfe nimmt und gerne ins Eins-gegen-Eins geht. Robinson ist seit jeher zu inkonstant. Er kann in nur einem Viertel 20 Punkte machen, er kann aber auch mal nur 2 von 14 Würfen im Spiel treffen.

Oftmals wirkt sein Spiel wie eine Wundertüte. Auch wenn die positiven Einflüsse von Thibodeau spürbar sind, ist Robinson noch immer ein schlampiger Verteidiger, der ein hohes Risiko geht und häufig foult. Im derzeitigen Playoff-Team ist Robinson der einzige Spieler, der sich seinen eigenen Wurf kreieren kann. Das brauchen die Bulls mit dem Comeback von Rose aber auch nicht mehr.

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Kirk Hinrich eignet sich dagegen nahezu perfekt als Ergänzung zu Rose. Wie wichtig Hinrich in dieser Saison bereits war, zeigt eine einfache Statistik. Zählt man alle Spiele zusammen, in denen Hinrich nicht auf dem Court stand, sind die Bulls bei einer Bilanz von 7-18. Hinzu kommt, dass auch der Vertrag von Marco Belinelli ausläuft. Der wurfstarke Italiener würde weitaus besser in ein um Derrick Rose aufgebautes System passen. So erscheint es logischer, dass sich die Bulls um den Shooting Guard bemühen.

Es macht also den Anschein, als würde Robinson Chicago nach nur einem Jahr wieder verlassen. So oder so hat er aber deutlich seine Spuren hinterlassen. Zum ersten Mal in seiner Karriere hat er alle 82 Spiele der regulären Saison gemacht, selten war er so effektiv. Nur in seiner letzten Saison bei den Knicks legte er ähnliche Zahlen auf. Seine bisherigen Playoff-Leistungen werden den Fans definitiv im Gedächtnis bleiben. Robinson weiß auch selbst, dass er mit 28 Jahren um einen richtig guten Vertrag zockt, den vielleicht besten seiner Karriere.

Mavs oder Pistons interessiert?

Jedes weitere Feuerwerk ist da eine neue Bewerbung. Als Energizer von der Bank kann er noch immer Gold wert sein, wenn er vernünftig eingesetzt wird und an den richtigen Coach gerät. Im Gerede sind immer wieder die Dallas Mavericks und Detroit Pistons. Mavs-Coach Rick Carlisle hat bereits erfolgreich mit Jason Terry und J.J. Barea zusammengearbeitet.

Robinson verbindet ein wenig die Komponenten beider Spieler. Die Athletik und den Mut von Barea sowie das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis der Position von Terry. Auch in Detroit könnte er als Gegenpol zu Jose Calderon wertvoll sein.

Seinen Marktwert steigert er natürlich mit jeder weiteren herausragenden Performance, denn wer möchte nicht gerne einen Spieler in den eigenen Reihen haben, der die Massen elektrisiert, der trotz Krankheit mehr als 40 Minuten spielt, der den amtierenden Meister um LeBron James fast im Alleingang erledigen kann?

Vielleicht erleben wir Robinson ja auch noch einmal an der Seite von Derrick Rose und können uns ein Bild davon machen, ob beide koexistieren können. Immerhin scheint ein Rose-Comeback im dritten Spiel der Serie gegen die Miami Heat möglich.

Der NBA-Spielplan im Überblick

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