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Olympia

Olympische Spiele in Tokio - Tag 5 kompakt: Ein wahrer Held! Saeid, Sie sind ein toller Sportler und noch besserer Mensch

Von Stefan Petri
Für SPOX der Held des Tages: Saeid Mollaei (der Mann oben!).

Team Deutschland hat bei den Olympischen Spielen in Tokio am Dienstag endlich die ersten Goldmedaillen gewonnen. Dabei begeistern aber nicht nur die Protagonisten im Kanu und auf den Pferderücken, sondern auch ein legendärer Kommentator. Außerdem: Der bittere Rückzug von Simone Biles, Polizisten und Ohrbeißer - und ein Held, der diese Bezeichnung auch verdient. Olympia kompakt am Dienstag.

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Wir haben im Olympia kompakt am Montag Gold versprochen - und wir haben Wort gehalten. Ricarda Funk und die deutsche Dressur-Garde gewannen einmal überraschend, einmal vorhersehbar, aber deshalb nicht minder eindrucksvoll. Ein durchaus erfolgreicher Tag also, zumal Florian Wellbrock zeigte, dass er über die 800 Meter Freistil zu den Favoriten gehört, Florian Unruh im Bogenschießen einen Olympiasieger raushaute und im (Tisch-)Tennis ebenfalls Medaillen drin sind.

Der ganze Olympia-Tag zum Nachlesen im Ticker.

Da tat die frühe Niederlage von Timo Boll besonders weh. Gibt es jemandem auf diesem Planeten, der dem 40-Jährigen eine Einzelmedaille nicht gegönnt hätte? Doch es war schon wieder im Achtelfinale Schluss. Es tut einfach nur weh. Für weitere Schlagzeilen sorgten mit Naomi Osaka und Simone Biles derweil gleich zwei Gesichter der Spiele - leider waren es negative.

Die wichtigsten Entscheidungen des Tages (Vorschau auf Tag 6):

WettbewerbErgebnis
Triathlon, FrauenGold für Bermuda - Platz acht für Deutschland
200m Freistil, MännerDean siegt in hochklassigem Finale gegen Landsmann
100m Brust, Frauen17-Jährige überrascht die Favoritinnen
Kanu-SlalomErstes Gold! Funk erlöst deutsches Olympia-Team
Wasserspringen, Synchron vom Turm, FrauenSynchronduo knapp an Medaille vorbei
Turnen, Mannschaftsmehrkampf, FrauenDrama um Superstar Biles - US-Girls verpassen Gold
Dressur, MannschaftDeutsches Team holt überlegen den Titel

Was sonst noch wichtig war:

Dressur: Souveräner kann man eine Goldmedaille eigentlich nicht gewinnen. Isabell Werth, Dorothee Schneider und Jessica von Bredow-Werndl hatten die internationale Konkurrenz fast schon abgestraft, so groß war der Vorsprung am Ende. Da darf man sich schon auf den Grand Prix Special am Mittwoch freuen, wenn alle drei Damen Chancen auf Gold haben. Am Dienstag hatten sie die viertbeste (Schneider), zweitbeste (Werth) und beste Wertung (von Bredow-Werndl) vorzuweisen.

Also ging es schon in den Sieger-Interviews schön zur Sache, psychologische Kriegsführung und so. "Jessi hat die Nase ganz weit vorne", sagte die siebenmalige Goldmedaillen-Gewinnerin Werth. Und über ihre Rolle als quasi Nummer zwei im Team: "Es ist ein Desaster. Ich brauche jetzt erstmal noch einen Drink." Na gut. Aber nur einen. Prost!

Ein Wort noch zu Carsten Sostmeier. Oder viele Worte, am besten ein Sonett oder so, um den Reitsport-Kommentator der ARD gebührend zu preisen. Zum wiederholten Mal verzauberte der 61-Jährige ganz Sport-Deutschland, als er die Equipe auf dem Weg zum Gold umschmeichelte. Eine Stimme wie zart schmelzende Vollmilchschokolade, ein Vokabular wie Shakespeare. Das Dumme ist: Das verbale Rüstzeug, um Carsten Sostmeiers Leistung am Mikrofon entsprechend zu würden, hat eigentlich nur Carsten Sostmeier. "Du musst es durch dein Gesäß und deine Schenkel fühlen und durch deine Hände führen", sagte er beim Auftritt von Isabell Werth. Und wenn ein Carsten Sostmeier das sagt, dann ist das so.

Kanuslalom: Ricarda Funk muss man einfach mögen. Sie hatte nicht nur mit einem furiosen Finallauf die Favoritinnen geschockt und das erste deutsche Gold gewonnen, sie strahlte mit ihrer Medaille anschließend in den Interviews auch um die Wette - ob mit Maske oder ohne. Und sie erinnerte an ihrem größten Moment an die Heimat: Funk kommt aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, einer Gegend, in der das Hochwasser vor wenigen Tagen gewütet hatte. "In den letzten Wochen waren meine Gedanken schon sehr oft zu Hause. Ich fand es einfach nur schrecklich, all die Bilder zu sehen, die mich stündlich erreicht haben", sagte sie. "Ich schicke ganz viel Liebe nach Hause. Gemeinsam schaffen wir das."

Turnen: Man musste zuerst das Allerschlimmste befürchten bei Simone Biles, als diese ihren ersten Sprung im Mehrkampf-Mannschaftsfinale mitten in der Luft umstellte, ihn nur unsicher stehen konnte und anschließend mit einer Betreuerin aus der Halle verschwand. Wenig später war klar, dass der Wettbewerb für sie beendet war. Sie feuerte danach nur noch die übrigen drei US-Girls an, die hinter den Russinnen Silber holten.

Was war passiert? Hatte Biles sich verletzt? War Tokio für sie schon gelaufen? Nein, das vermutlich nicht - aber ihre Erklärung machte dennoch betroffen. "Ich musste tun, was richtig für mich ist und mich auf meine mentale Gesundheit fokussieren und nicht mein Wohlbefinden gefährden", sagte sie. Nach dem ersten Sprung habe sie die Notbremse ziehen müssen. Und weiter: "Ich habe im Moment nicht das gleiche Selbstvertrauen wie früher. Ich bin nervöser, wenn ich turne und ich habe weniger Spaß."

Die gute Nachricht: Womöglich werden wir Biles in Tokio noch einmal sehen, im Mehrkampf oder an den Einzelgeräten. Zu gönnen wäre es der wohl besten Turnerin aller Zeiten. Die schlechte Nachricht: Der Druck, der auf ihr lastete - für viele war sie das Gesicht der Spiele -, schlug ausgerechnet im Mannschaftswettbewerb mit voller Härte zu. Was sich im Nachhinein ein bisschen abgezeichnet hatte. "Ich fühle mich manchmal so, als würde das Gewicht der ganzen Welt auf meinen Schultern lasten", hatte sie erst am Vortag auf Instagram geschrieben. Und in einem Interview zu ihrer glücklichsten Zeit gesagt: "Wahrscheinlich als ich eine Pause eingelegt hatte." Gute Besserung, Simone!

Tennis: Vor Biles hatte sich bereits das zweite Gesicht der Spiele verabschiedet. Naomi Osaka, selbst gerade erst aus einer Pause aufgrund mentaler Probleme zurückgekehrt, verlor sang- und klanglos gegen Marketa Vondrousova. Aber auch wenn sie nach der Pleite entsprechend gefrustet war: In den beiden Runden zuvor hatte sie bärenstark gespielt. War wohl einfach nur ein mieser Tag im Büro.

Held des Tages: Saeid Mollaei

Rückblick: 2019 soll der Iraner Mollaei bei der Judo-WM seinen Start absagen, um bloß nicht auf den Israeli Sagi Muki treffen zu können. Für die Mullahs gehört es "zu den Grundwerten und zum Stolz iranischer Athleten, nicht gegen zionistische Sportler anzutreten." Mollaei sieht das anders: Er startet trotz Drohungen bei der WM, geht an die Öffentlichkeit und flüchtet nach Deutschland. In Tokio tritt er unter mongolischer Flagge an - und gewinnt am Dienstag Silber. "Es sind viele schlechte Dinge passiert, ich habe mein Land verloren", sagt er nach seiner Medaille: "Aber heute habe ich gezeigt, was ein freier Mensch erreichen kann, jenseits aller Politik." Selten hat das Wort "Held" besser gepasst als hier. Saeid Mollaei, Sie sind ein toller Sportler. Und ein noch besserer Mensch.

Polizist des Tages: Knut Dahl-Michelsen

Als der Norweger Blummenfelt in der Nacht auf Montag sensationell die Goldmedaille gewann, ging um 1.25 Uhr Ortszeit bei der Polizei in Bergen ein Anruf ein, wegen "viel Geheul und Geschrei sowohl von Frauen als auch Männern" aus einem Garten. Die Polizei ging der Sache nach - und fand eine Party, die angesichts des Titels etwas aus dem Ruder gelaufen war. Eine Strafe gab es aber nicht: "Wenn ein Bergenser Olympia-Gold holt, ist es innerhalb des Erlaubten, ein bisschen zu rufen und zu schreien - auch mitten in der Nacht", erklärte Wachtmeister Knut Dahl-Michelsen. Danke!

PS: Bei Tom Dean daheim war es nicht anders. Am Ende sind doch alle Menschen gleich.

Entschuldigung des Tages: Dean Boxall

Ihr wisst schon, der Schwimmtrainer mit dem fantastischen Ausraster auf der Tribüne. Jetzt hat er sich bei Seven Network dafür entschuldigt. "Ich muss mich eigentlich entschuldigen, weil ich meine Maske abgerissen habe und sie zerrissen ist. Ich bin in dem Moment einfach durchgedreht", sagte er. "Ich habe in dem Augenblick einfach meinen Kopf verloren. Nachgeahmt hatte er in seiner Jubel-Orgie die alte Wrestling-Ikone Ultimate Warrior: "Ich war ein Riesenfan. Ich habe ihn geliebt." Geiler Typ. Jubeln weiterhin ausdrücklich erlaubt - nur halt nächstes Mal mit Maske.

Mike Tyson des Tages: Youness Baalla

Im Schwergewichtskampf zwischen dem Marokkaner Youness Baalla und dem Neuseeländer David Nyika wäre es um ein Haar ein bisschen blutig geworden. Aus dem Nichts schnappte Baalla plötzlich nach Nyikas Ohr, genau wie Tyson dereinst gegen Evander Holyfield. Wo Tyson damals aber disqualifiziert worden war, kam Baalla mit einem strengen Blick des Ringrichters davon. Wahrscheinlich, weil er ob seines Mundschutzes nicht richtig zielen konnte und das gegnerische Ohr verfehlte. Noch kurioser: Für Nyika war es nicht das erste Mal. "Ich bin bei den Commonwealth Games schon mal in die Brust gebissen worden", verriet der, "aber komm schon, Mann - das sind die Olympischen Spiele!"

Sprüche des Tages

"Shit happens. Aber der Shit war nicht so schlimm." (Jessica von Bredow-Werndl über ihr Pferd Dalera, das mitten in der Dressur ein paar Pferdeäpfel in den Sand abgelassen hatte)

"In diesem ganzen Schutt und Dreck glänzt dieses Gold dann schon wie so ein paar Sonnenstrahlen." (Ricarda Funks Vater Thorsten Funk über den ihren vom Hochwasser verwüsteten Heimatlandkreis Ahrweiler)

"In unserer WG wird in den nächsten Tagen das Gejammer sicher noch größer, und die Themen werden bestimmt auch nicht intellektueller." (Timo Boll nach seinem Aus im Einzel)

"Es ist natürlich frustrierend, wenn man zur Meisterschaft fährt und das Gefühl hat, man ist beim DTM-Rennen am Start, aber die Gegner sind mit dem Formel-1-Wagen da." (Gewichtheber Simon Brandhuber mit klarer Ansage zum Thema Doping)

"Das ist hier halt kein Wald-und-Wiesen-Verein, sondern Olympia." (Boxerin Nadine Apetz nach ihrer Auftaktniederlage im Weltergewicht)

"Bis heute beim Einschwimmen hätte ich gedacht, dass es so schnell werden kann wie noch nie." (Marco Koch nach seinem Aus im Vorlauf über 200 Meter Brust)

Zahlen des Tages

1: So viele Schwimmbecken mit 50m-Bahnen gibt es in Alaska. Nicht gerade ideale Bedingungen für Lydia Jacoby. Das konnte die 17-Jährige aber nicht aufhalten: Jacoby trainierte eben auch auf der alles andere als idealen Kurzbahn - und schwamm am Dienstag in Tokio über die 100 Meter Brust völlig überraschend zu Gold.

10: Die deutsche Platzierung im Medaillenspiegel. Sieht doch gleich deutlich besser aus.

14: So oft hat die deutsche Dressur-Equipe nun schon Mannschaftsgold geholt.

43: So alt wäre Timo Boll bei den Olympischen Spielen in Paris in drei Jahren.

50: Siege in Folge der amerikanischen Basketballerinnen bei Olympischen Spielen. Das 81:72 gegen Nigeria war der erste einstellige Sieg seit 2004 in Athen.

52,98: So viele Punkte Vorsprung hatten die Chinesinnen Yuxi Chen und Jiaqi Zhang bei ihrem Sieg im Synchronspringen vom Turm auf die Amerikanerinnen Parratto/Schnell. Zum Vergleich: Deren Vorsprung auf Rang acht betrug 32,82 Punkte.

72: von 339 Goldmedaillen sind vergeben.

2008: In diesem Jahr standen sich die beiden Starting Pitcher Yukiko Ueno (39) und Cat Osterman (38) schon einmal gegenüber, nämlich im Spiel um Softball-Gold in Peking. Damals gewann Japan gegen die USA - genau wie diesmal.

64.000: Die Einwohnerzahl von Bermuda. Mit Triathletin Flora Duffy (33) hat das Inselterritorium endlich seine erste Olympiasiegerin.

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