Cookie-Einstellungen
Tennis

Wie werde ich vom Talent zum Star? Nervenzusammenbrüche des Grauens schaden nicht!

Andrea Petkovic spielte in diesem Jahr beim Showturnier in Berlin gegen Alexandra Vecic.

 

Welche Talente haben den tiefen Glauben an sich?

Petkovic hatte zwar diesen Wow-Moment für sich, als sie wusste, dass sie wirklich mit den Besten mithalten kann und sich endgültig auch selbst überzeugt hatte. Das war in Tokio, als sie die damalige Fünf der Welt, Svetlana Kuznetsova, schlug. Sie weiß aber auch, dass man im Normalfall nicht mit einem großen Knall die Tür aufreißt. Es gilt Hürden zu überwinden, schrittweise und immer und immer wieder.

"Ich weiß noch, als ich angefangen habe, kleinere Turniere zu spielen, habe ich ganz oft in den ersten Runden verloren, und als ich mein erstes gewonnen habe, habe ich fünf hintereinander gewonnen. Und dann ging es weiter zu den etwas größeren Events, da habe ich wieder ganz oft in der ersten Runde verloren. Als ich das erste gewonnen habe, habe ich drei hintereinander gewonnen", sagt Petkovic.

Dieses immer Dranbleiben ist aber manchmal gar nicht so leicht zu vermitteln, räumt Rittner ein. "Da sehe ich einen kleinen Unterschied zu früher. Die Mädels heute haben manchmal diese Schwankungen auch in ihrer inneren Einstellung. Der tiefe Glaube ist so wichtig, aber ich habe das Gefühl, dass sie manchmal ein bisschen aufgeben oder zurückziehen."

Umso wichtiger sind Bestätigungen. Nastasja Schunk schlug im Sommer Anna-Lena Friedsam und konnte sich im Fernsehen anschauen, wie dieselbe Anna-Lena Friedsam bei den US Open gegen keine Geringere als Angelique Kerber mithalten konnte. So weit ist sie also nicht entfernt.

Andrea Petkovic: "Da geht es ums Überleben"

Wenn sie die nötige Härte und Stressresistenz entwickeln kann. Eine Härte, die Petkovic von ihren aus Serbien stammenden Eltern praktisch eingepflanzt bekam.

"Mein Vater hat ganz oft darauf bestanden, dass ich auch in Serbien Turniere spiele. Dort ist der Wettkampf ein ganz anderer. Da geht es ums Überleben. Wenn du da nicht Sportler wirst, kann das manchmal den Unterschied machen zwischen 'Ich kann meine Familie ernähren oder eben nicht'. Und er hat darauf bestanden, dass ich oft in Serbien nationale Turniere spiele. Am Anfang war ich noch ständig heulend auf dem Platz, aber irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt", so Petkovic.

Vater Petkovic also. Keine Talente-Diskussion kommt ohne eine Diskussion über die Rolle der Eltern aus. Oft sind sie Vater/Mutter auch Trainer/-in in Personalunion und verpassen den Zeitpunkt, an dem es besser wäre, loszulassen und die Coachingarbeit in externe Hände zu legen. Häufig ist auch der Beschützungsdrang zu groß, was die Entwicklung von Eigenverantwortung und einer starken Persönlichkeit verhindert.

"Ich war 14 Tage alleine in Antalya. Ich wusste nicht, wie ich heimkomme. Ich hatte kein Geld, aber ich habe irgendwie gespielt und mich zurechtgefunden", ist Petkovic froh, dass sie früh Stress ausgesetzt wurde und so eine harte Schale "antrainiert" wurde. Stress gezielt provozieren, die Talente aus der Komfortzone holen, ihnen nicht alles perfekt zurecht zu legen - auch das gehört zur Arbeit der Nachwuchstrainer.

Als Andrea Petkovic zu Matches gegen Laura Siegemund gezwungen wurde

Einmal, da wurde Petkovic früh in ihrer Entwicklung gezwungen, immer und immer wieder gegen Siegemund zu spielen. Das Problem dabei: Die junge Petko hasste das, mit der variantenreichen Spielweise Siegemunds kam sie nicht zurecht.

Petkovic wurde zum Durchdrehen genötigt, von Nervenausbrüchen des Grauens spricht sie heute. Aber irgendwann hatte sie es überwunden und war einen Schritt weiter, um eines Tages bereit zu sein, auf dem Court Philippe Chatrier in Paris zu stehen und nicht komplett überfordert zu sein.

Aber wer sind diejenigen, die bereit sind, diese Stresssituationen anzunehmen und einen Weg zu gehen, auf dem es auch mal dunkel wird? Wer sind diejenigen, die eine besondere Leidenschaft und Liebe für den Sport in sich tragen? Wer besitzt die Fähigkeit, jegliche Probleme abseits des Platzes komplett auszublenden, sobald er ins Rampenlicht tritt?

Barbara Rittner über ihre Bewunderung für Steffi Graf

Große Champions vereinen diese Fähigkeiten, ob sie Roger Federer oder Steffi Graf heißen. "Ich erinnere mich, dass ich Steffi bei den US Open mal gefragt habe, wie sie das alles aushält, da saß ihr Papa gerade im Gefängnis. Und sie meinte nur: 'Sobald ich den Tennisplatz betrete, bin ich frei. Da blende ich alles andere aus und dann mache ich das, was ich kann. Und da bin ich glücklich.' Mich hat das damals schockiert, weil mir das nicht so gelungen ist und ich beim Seitenwechsel auch mal schlechte Gedanken hatte", berichtet Rittner.

Ob Alexandra Vecic eines Tages ein großer Champion sein wird? Nochmal: Niemand kann hier eine sichere Prognose stellen. Geduld ist gefragt. Sehr viel Geduld. Ein Beispiel gefällig? Sofia Kenin ist nach ihrem Triumph in Melbourne und ihrer Final-Teilnahme in Paris eine der Spielerinnen der Stunde im Jahr 2020, aber im Juniorinnen-Alter war sie in den USA nur die Nummer vier, fünf oder sechs.

Mut machen sollte den deutschen Fans aber bei aller Ungewissheit eine selbstbewusste Antwort von Vecic auf die Frage, wo sie in zehn Jahren stehen will. "Natürlich würde ich gerne bis dahin ein paar Grand Slams gewinnen und ich würde mich gerne auf Rang eins der Weltrangliste sehen."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung