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Tennis

Wie werde ich vom Talent zum Star? Nervenzusammenbrüche des Grauens schaden nicht!

Andrea Petkovic spielte in diesem Jahr beim Showturnier in Berlin gegen Alexandra Vecic.

Laura Siegemund war mit ihrem Viertelfinal-Einzug aus Sicht des deutschen Damen-Tennis die positive Geschichte der French Open in Roland Garros. Insgesamt sieht die Situation aber düster aus - mit einem Silberstreifen am Horizont.

Was ist aus den Nachfolgerinnen der goldenen Generation um Angelique Kerber, Julia Görges, Sabine Lisicki und Andrea Petkovic geworden? Und was sind überhaupt die Schlüssel für eine Entwicklung vom Talent zum Star? SPOX blickt auf die Nachwuchsförderung im deutschen Damentennis mit besonderem Fokus auf die Porsche Talent und Junior Teams des DTB.

"Mir hat es gefallen, dass sie sofort ohne Respekt auf den Platz kam. Aber als ich dagegengehalten habe, da habe ich gemerkt, da war sie beeindruckt. Da hat sie große Augen bekommen, das war total süß. Aber da sind die Schläge wirklich schon mit der Top-Elite vergleichbar."

Andrea Petkovic sitzt am DTB-Bundesstützpunkt in Oberhaching mit Damen-Tennischefin Barbara Rittner, Bundestrainerin Jasmin Wöhr und Proficoach Benjamin Ebrahimzadeh zusammen. Sie hat an drei Tagen mit drei von Deutschlands größten Nachwuchshoffnungen trainiert und schildert ihre ganz persönlichen Eindrücke.

Nastasja Schunk? Von der Härte ihrer Schläge könnte sie schon mit den Großen mithalten. Bei Mara Guth lobt sie ihre Steigerung in der Intensität, bei Julia Middendorf zeigt sie sich beeindruckt, wie erwachsen die 16-Jährige auf sie wirkte. "Von weitem gegenüber dachte ich, ich spiele schon mit einer WTA-Spielerin."

Während Schunk (Nr. 90 in der Juniorinnen-Weltrangliste) und Middendorf (Nr. 94) es aufgrund ihrer Ranglistenposition nicht in die Nachwuchs-Konkurrenz der French Open schafften, war Guth (Nr. 56) mit dabei, schied allerdings in Runde zwei aus. Auch für Angelina Wirges (Nr. 79) und Eva Lys (Nr. 66) war früh Endstation, sodass nicht überraschend Alexandra Vecic die deutschen Fahnen hochhalten musste.

Alexandra Vecic: Zwei starke Grand Slams in Folge machen Mut

Vecic, die zu Beginn des Jahres bei den Juniorinnen das Halbfinale der Australian Open erreichte und zum ersten Mal so richtig aufhorchen ließ, steht im ITF Juniors Ranking klar am höchsten (8). Ihre Viertelfinal-Teilnahme in Paris war ein starkes Ergebnis, bedenkt man, dass sich die 18-Jährige eigentlich auf schnelleren Belägen wohler fühlt und dass sie in den vergangenen Monaten eine fünfwöchige verletzungsbedingte Zwangspause zu überstehen hatte.

Wohin Vecics Reise in den nächsten Jahren gehen wird? Es ist extrem schwer vorauszusagen. Vecic bringt alle spielerischen Voraussetzungen und das nötige Feuer mit, aber der Weg ist steinig.

Die Schweiz ist aktuell gesegnet mit vier Toptalenten bei den Junioren, das Finale in Roland Garros wurde sogar zu einem Schweizer Duell zwischen Dominic Stricker und Leandro Riedi, aber ob wirklich einer auch nur ein bisschen in die Fußstapfen von Roger Federer und Stan Wawrinka treten kann, ist dann doch eher unwahrscheinlich. Alessandro Greco, Leiter Spitzensport beim Schweizer Tennisverband, kam bei einer Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Durchbruchs beim Übergang der Junioren zu den Profis auf 0,5 Prozent. Eine brutale Zahl.

Erscheinungen wie die erst 16-jährige Coco Gauff, die jetzt schon mit der Weltelite mithält, als wäre es ein Kinderspiel, oder die 19-jährige Iga Swiatek, die auf atemberaubende Weise aus dem halben Nichts die French Open gewann und dabei mal eben Superstars wie Simona Halep vom Platz schoss, sind - Achtung Untertreibung - äußerst selten. Auch die erst 17-jährige Kanadierin Leyla Fernandez, die in Paris zwischenzeitlich Petra Kvitova herspielte, ist mit besonderem Talent gesegnet. Und selbst bei ihr muss man die nächsten Entwicklungsschritte abwarten.

Victoria Jimenez Kasintseva, eine 15-Jährige aus Andorra, gewann in Melbourne, schied in Paris aber früh aus. Es gibt 30, 40, 50 Mädchen - alle bringen mehr als genug Talent mit. Alle wollen nach oben - ohne Garantie auf den Durchbruch.

Die verlorene Generation: Ein Unglück kommt selten allein

Wer wissen will, wie es laufen kann, muss sich nur die Generation anschauen, die die Nachfolge von Angelique Kerber, Julia Görges, Sabine Lisicki und Andrea Petkovic hätte antreten sollen.

Keine deutsche Spielerin im Alterssegment zwischen 20 und 30 steht aktuell in den Top 100. Auch wenn es immer noch Kandidatinnen für einen etwas späteren Durchbruch gibt, Jule Niemeier oder Katharina Gerlach seien hier genannt, ist eine Lücke erkennbar.

Aber kann man hier wirklich jemandem einen Vorwurf für die fehlenden neuen Stars machen? "Es ist nicht so, dass wir zehn Jahre geschlafen oder uns ausgeruht haben, sondern die Lücke war eigentlich geschlossen und jetzt ist sie wieder aufgegangen", erklärt Rittner im Gespräch mit DAZN und SPOX.

Barbara Rittner: "Das ist einfach auch Pech"

Was Rittner meint: Dinah Pfizenmaier stand erste 70 der Welt mit Anfang 20 und hat sich schwer am Handgelenk verletzt. Annika Beck stand mit Anfang 20 erste 50 der Welt, hatte dann Rücken- und auch etwas mentale Probleme und hat ebenfalls aufgehört. Anna-Lena Friedsam war jung auf dem Sprung in die Top-20, ist jetzt mittlerweile zweimal an der Schulter operiert und kommt gerade zurück.

Antonia Lottner war mit 16 in Paris im Halbfinale in der Jugend, stand schon ganz früh in den Top 200 der Welt und hat den Sprung noch nicht geschafft. Und dann lagen die größten Hoffnungen wohl auf Carina Witthöft, die früh in den Top 50 zu finden war, Talent ohne Ende hat, nach einem frühen Hype mit dem Druck aber so gar nicht zurechtkam, womöglich teils falsche Prioritäten setzte und vielleicht, vielleicht auch nicht nach einer Pause noch einmal zurückkommen wird.

"Individuell beleuchtet ist es sehr, sehr unglücklich gelaufen, das ist einfach auch Pech", sagt Rittner deshalb.

Andrea Petkovic: "Ich habe das am Anfang auch nicht gerafft"

Viel ist allerdings auch steuerbar auf dem Weg nach vorne - und dabei geht es in den meisten Fällen um weit mehr als um das Trainieren einer technisch sauberen Vorhand. Es geht um Dinge wie Intensität. Darum zu verstehen, was Intensität überhaupt bedeutet. "Ich habe das am Anfang auch nicht gerafft. Man muss es spüren", erzählt Petkovic.

Erst als es bei einer Trainingseinheit in Australien Klick machte, war die Sache plötzlich klar. Es ist besser, eine Stunde intensiv zu trainieren als vier Stunden ohne die richtige Spannung. Solange du das nicht erlernt hast und es nicht Tag für Tag abrufen kannst, wird es schwer mit dem Sprung nach vorne.

"Bei den Mädels sieht man ein bisschen, dass sie noch fluktuieren. Sie spielen fünf Minuten unmenschlich und dann gehen fünf Minuten mal alle Bälle irgendwo hin", beschreibt es Petkovic. Man kann nur erahnen, wie viel die jungen Talente aus Trainingseinheiten und Gesprächen mit ihr ziehen können.

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