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Tennis

History! Murray gewinnt Wimbledon!

Von Stefan Petri/ Cliff Schmit
Andy Murray steht zum zweiten Mal in Folge im Wimbledon-Finale
© getty

Was für ein Finaltag in Wimbledon! Zum ersten Mal seit 1936 gewinnt ein Brite das wichtigste Grand-Slam-Turnier des Jahres. Andy Murray setzt sich in drei unglaublich intensiven Sätzen mit 6:4, 7:5, 6:4 gegen Novak Djokovic durch. Great Britain rastet aus!

"Ich weiß, wie sehr ihr euch nach einem britischen Wimbledonsieger gesehnt habt", rief Murray dem Publikum zu: "Ich hoffe, ihr habt es genossen. Dieser Pokal ist für mein ganzes Team, aber speziell für Coach Ivan Lendl, der hier schon als Spieler so gerne gewonnen hätte." Über die letzten Ballwechsel sagte Murray später: "Das waren die härtesten Punkte in meinem Leben."

Djokovic gab sich als gewohnt fairer Verlierer. "Andy, du hast es einfach verdient, hier zu gewinnen", sagte er und richtete sich ebenfalls an die Zuschauer: "Ich weiß, was das für euch alle, für das ganze Land bedeutet."

Matchverlauf: Novak Djokovic, bei den Buchmachern vor dem Finale Favorit, kam nicht gut ins Match und musste im ersten Spiel gleich drei Breakbälle abwehren, zwei Spiele später nutzte Murray seinen insgesamt siebten Breakball zur 2:1-Führung - da waren schon 19 Minuten gespielt. Der Djoker schaffte zwar prompt das Re-Break, hatte aber sonst kaum Chancen gegen das Service von Murray. Ein weiteres Break zum 5:3 sicherte dem Schotten den ersten Satz.

Im zweiten Satz war die Nummer Eins der Welt dann viel besser im Spiel, ging die Rallyes von der Grundlinie mit und zog auf 4:1 davon. Aber mit einem Doppelfehler gab er seinen Vorsprung wieder aus der Hand und hatte überdies mit den Challenges kein Glück. Beim Stand von 5:5 hatte er keine Möglichkeit mehr, das Hawkeye aufzurufen und ließ sich dadurch aus der Ruhe bringen. Er gab sein Service ab, Murray servierte souverän zur 2:0-Satzführung.

Als er sofort das Break schaffte und mit 2:0 führte, sah er schon wie der sichere Sieger aus - nur um vier Spiele in Folge abzugeben. Aber er kämpfte sich zurück und schaffte wieder das Break zum 5:4. Bei eigenem Aufschlag und 40:0 war die Trophäe zum Greifen nahe, aber jetzt packte Djokovic sein bestes Tennis aus, wehrte sie mit fantastischen Schlägen ab und hatte seinerseits zwei Breakchancen. Aber am Ende reichte es nicht. Als der Serbe beim vierten Championship Point seine Rückhand ins Netz setzte, war der erste britische Wimbledon-Triumph seit 1937 perfekt.

Auf dem Papier war es in nur drei Sätzen eine klare Angelegenheit, die 3:09 Stunden auf dem Centre Court bei Temperaturen von 30 Grad verlangten beiden Spielern aber alles ab. Während die Leistung von Djokovic wie ein Pendel zwischen Welt- und Kreisklasse schwankte, hielt Murray im gesamten Match sein konstant hohes Niveau und war am Ende der verdiente Sieger.

Statistik:

  • Murray war an diesem Tag der klar bessere Aufschläger. Er servierte mit bis zu 210 km/h und machte neben neun Assen weitere 15 freie Punkte über sein Service. Djokovic, der gegen Del Potro mit 22 Assen noch eine neue Bestmarke aufgestellt hatte, hatte lediglich vier Asse vorzuweisen und machte insgesamt nur 52 Prozent aller Punkte bei eigenem Aufschlag - in einem Grand-Slam-Finale viel zu wenig.
  • Auch von der Grundlinie war Murray viel konstanter. Eine Bilanz von 36 Winnern bei nur 21 Unforced Errors reichte gegen einen Djokovic, der im ersten Satz 17 Fehler machte und am Ende ein für ihn völlig untypisches Winner/Fehler-Verhältnis von 31:40 vorwies.
  • Gerade die Rückhand, sonst oft ein Paradeschlag beim Djoker, funktionierte heute nicht. Er setzte sie insgesamt 27 Mal ohne Not ins Aus und machte mit ihr im zweiten Satz keinen einzigen direkten Punkt.
  • Am Netz zeigte sich ein ähnliches Muster, der Weltranglistenerste spielte viel zu inkonsequent: Die Volley-Stopps waren zu lang, die Schmetterbälle zu unplatziert. Nur 30 von 52 möglichen Punkten machte er vorne, bei Murray waren es 26 von möglichen 37.

Taktik:

  • Wenn Murray und Djokovic aufeinandertreffen, gibt es für die Zuschauer immer wieder enorme Rallyes von 30 oder mehr Schlägen zu bestaunen - so war es auch heute. Beide waren konstant unterwegs und bewiesen ihre Qualitäten als riesige Shotmaker.
  • Murray hielt den Ball oft mit einer unglaublichen Ruhe im Spiel und ließ Djokovic Druck machen. Der Serbe sah sich der Aufgabe, den Ball aus dem Cross-Duell dann longline zu beschleunigen und den Punkt zu machen, überfordert. Zu Beginn setzte er die Vorhand longline zu oft neben die Linie, dazu verpasste er mit dem zweiten Schlag oft den Punktgewinn ins offene Feld, weil er nicht präzise agierte.
  • Die Nummer eins der Welt musste gegen die unfassbar gute Verteidigung mehr auf Variation setzen und streute im Vergleich zu Murray öfter extreme Winkel ein. Der Schotte wirkte zwischen den Ballwechseln oft ausgepowert, wirkt aber im Ballwechsel nie gehetzt und kam an fast alles heran, wodurch Djokovic noch mehr Risiko gehen musste. Dabei kam beim "Gastgeber" sogar hin und wieder der Vorhand-Slice zum Einsatz.
  • Insgesamt hatte Murray einfach zu oft die bessere Lösung parat. Er punktete häufig durch Bälle gegen die Laufrichtung, während seinem Gegner diese Variante abging. Stattdessen endeten seine Versuche zu oft damit, dass er Murray in den Schläger spielte.
  • Beide verzichteten in den ersten beiden Sätzen kurioserweise fast vollkommen auf Stopps. Offenbar hatten sie zu viel Respekt vor der Schnelligkeit des Gegners - und die Volley-Stopps von Djokovic brachten ihm zunächst überhaupt nichts ein. Erst im Dritten arbeitete Djokovic mehr mit dem Stopp, um Murray so richtig zu hetzen. Zunächst mit großem Erfolg, dann roch die Nummer zwei der Welt aber den Braten und punktete mehrmals sensationell mit Passierbällen aus dem Lauf.
  • Beide servierten vornehmlich auf die Rückhandseite des Gegners. In engen Situationen packte Murray jedoch auf der Einstand-Seite immer wieder den Slice-Aufschlag nach außen aus und trieb den Djoker so weit aus dem Feld.
  • Mit seinem Schuhwerk hatte der Serbe an diesem Nachmittag erstaunlicherweise immer wieder Probleme. Er ist so ziemlich der einzige Spieler auf der Tour, der auf jedem Belag an den Ball heranrutschen kann. Diesmal rutschte er aber auch mehrfach weg und verschaffte Murray leichte Punkte.
  • Die Zuschauer waren verständlicherweise völlig aus dem Häuschen: Schon vor dem Spiel gab es Standing Ovations für Murray, Stuhlschiedsrichter Mo Lahyani musste die Menge mehrfach zur Ordnung rufen. Dabei blieben sie aber immer fair: Als Djokovic einmal am Netz stolperte und am Boden lag, gab es auch für ihn aufmunternden Beifall. Sprechchöre bei 5:4, Einstand feierten beide Akteure. Nach dem vierten Championship Point gab es dann kein Halten mehr.

Ballwechsel des Matches: Der Punkt, der Murray am Ende den Titel bescherte, war zwar der wichtigste, aber vergleichsweise unspektakulär. Der Ballwechsel zuvor hatte es allerdings in sich. Djokovic war nach einer ganz starken Vorhand cross - Vorhand longline - Kombination drauf und dran, sich seinen dritten Breakball zu sichern, den Mondball von Murray schmetterte er aber direkt in dessen Schläger. Ein weiterer Cross-Volley geriet ihm zu lang, Murray stürmte heran und zog eine Vorhand longline derart durch, dass er diese nur noch mit dem Rahmen erreichen konnte. Es war nur einer von vielen fantastischen Punkten im letzten Aufschlagspiel des Turniers.

Seite 2: Der Triumph von Andy Murray im Re-Live

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