Cookie-Einstellungen
Leichtathletik

Gesa Krause im Interview: "Unsere Top-Athleten sind Zufallsprodukte"

Nach WM-Bronze in Doha richtet sich der Blick von Gesa Krause bereits wieder auf Tokio 2020.

Sie haben nach dem WM-Rennen gesagt, dass es auch wieder eine Willensleistung gewesen sei und Sie den Schmerz überlisten mussten. Was genau meinen Sie damit?

Krause: Es ist wirklich nahezu unmöglich zu beschreiben, was man in so einem Rennen spürt. Natürlich ist der Laufsport mit Schmerzen verbunden, weil er so anstrengend ist. Aber wenn ich jetzt an das Rennen denke, empfinde ich keinen Schmerz. Es war auch mit Sicherheit vom Gefühl nicht das härteste Rennen. Die Willensleistung besteht darin, dass ich mich im Kopf so klar dazu entschieden habe, dass ich diesen Erfolg mit allen Mitteln erreichen will, dass der Schmerz gar keine Chance bekommt. Vielleicht kann man es damit vergleichen, wenn man auf eine lebensverändernde Prüfung lernt. Dort läuft ein ähnlicher Prozess ab wie im Sport. Mit dem Ziel, dass ich am Ende zum Schlussspurt ansetze und mich nichts mehr aufhalten kann. Zu einer außergewöhnlichen Leistung gehört immer auch eine gewisse Aufopferung.

Sie haben den Schlussspurt angesprochen. Gerade dort können Sie häufig Ihre Qualität am Wassergraben ausspielen. Woher kommt diese Stärke?

Krause: Wenn ich mir meine ersten Überquerungen am Wassergraben nochmal auf Video anschaue, dann muss ich feststellen, dass es nicht von Anfang an meine Stärke war. Das sah jetzt nicht so toll aus. (lacht) Der entscheidende Faktor für den Wassergraben ist eine gute Technik, die in Fleisch und Blut übergeht. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, dass sich eine optimale Technik in meinem Gehirn so tief verankert hat, dass es mir im Rennen Sicherheit und ein gutes Gefühl gibt. Ich weiß immer, dass ich nach 2.800 Metern meine Stärke ausspielen kann. Allerdings muss ich auch erstmal bis zur 2.800-Meter-Marke kommen.

Krause: "Du kannst in Kenia im Prinzip gar nichts machen"

Sie wurden nach Ihrer Medaille als "WM-Heldin" gefeiert. Was denken Sie, wenn Sie so etwas lesen oder hören?

Krause: Generell ist Held oder Heldin ein mächtiger und großer Begriff. Ich finde, dass man nicht zu viel mit dem Begriff um sich werfen sollte, er hat schon eine gewisse Bedeutung. Egal, ob das im Sport ist als Anerkennung für große Leistungen, oder ob es im Alltag ist, wo es im Kleinen für mich auch Helden gibt. Jetzt in Katar war es auch der Tatsache geschuldet, dass ich absolut keine Medaillenkandidatin war im Vorfeld, auch wenn es Hoffnungen gab, und dass ich dann die erste Medaille fürs deutsche Team holen konnte. Das hat es ein Stück weit besonders gemacht.

Nach der WM-Medaille richtet sich der Blick wie schon angesprochen auf Tokio 2020. Wie sieht der Plan bis dahin aus?

Krause: Ich bin jetzt in Colorado, dann bin ich mal kurz für zehn Tage in Deutschland, um einen Haufen Termine abzuarbeiten. Danach geht es vor Weihnachten drei Wochen nach Kenia und nach Silvester direkt wieder nach Kenia. Im Anschluss werde ich die Hallensaison bestreiten, weil ich den Wettkampf brauche. Und danach geht es ein drittes Mal nach Kenia.

Was ist neben der Höhe die spezielle Herausforderung an Kenia?

Krause: Die Höhe ist auf jeden Fall schon mal ein Faktor. Wir sind auf 2.400 Metern Höhe, da tut im Endeffekt jeder Schritt weh und du freust dich jeden Abend auf dein Bett. Die Herausforderung besteht aber in erster Linie für die Psyche. Kenia hat wirklich eine tolle Natur, aber es gibt auch nichts weiter als Natur. Du kannst nicht mal in ein Cafe gehen, du kannst keine Freunde treffen, du kannst in Kenia im Prinzip gar nichts machen. Wenn du drei Wochen lang jeden Morgen aufstehst und absolut nichts anderes machst, außer zu trainieren, zu essen und zu schlafen, dann macht das was mit dir. Aber da muss man durch. Nach Kenia kommt noch ein Trainingslager in Südafrika und dann bin ich den Sommer vor Tokio in der Schweiz und in Italien. Mehr als anderthalb Monate werde ich bis zu den Olympischen Spielen nicht zuhause sein.

Krause: "Unsere Top-Athleten sind Zufallsprodukte"

Sie haben dank Ihrer Medaille sehr positive Erinnerungen an die WM in Katar, insgesamt war diese WM aber nicht förderlich für den Sport, wenn wir an das Gesamtbild denken, das abgegeben wurde. Wie haben Sie es persönlich erlebt?

Krause: Ich bin während der WM wirklich bombardiert worden mit Nachrichten und negativen Schlagzeilen. Jeder hat gefragt, ob es denn wirklich alles so schlimm sei, wie es den Eindruck macht. Ich persönlich muss sagen, dass ich ein sehr positives Erlebnis mit dieser WM verbinde und ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich kein so negatives Bild zeichnen kann, wie man vielleicht denkt. Was im Marathon und Gehen passiert ist, war ohne Zweifel unschön und sehr bedauerlich für die Athleten, wie die Wettkämpfe da durchgedrückt wurden. Aber auf der anderen Seite kann ich auch berichten, dass sich wirklich alle unglaublich bemüht haben, uns Athleten so optimale Bedingungen wie möglich zu schaffen. Ob die Vergabe der WM nach Katar grundsätzlich eine gute Entscheidung war, steht wieder auf einem anderen Blatt, darauf habe ich aber auch keinen Einfluss.

Unabhängig von der WM in Katar, wie sehen Sie denn aktuell den Zustand der deutschen Leichtathletik?

Krause: Es müsste sich auf jeden Fall einiges verändern. Wir erleben immer mehr, wie sich der Pool an Athleten ausdünnt. Einfach auch, weil generell immer weniger Kinder und Jugendliche Sport machen. Die Athleten, die dann übrigbleiben und in die Weltspitze vordringen, sind aber auch kein Produkt eines erfolgreichen Systems. Unsere Top-Athleten sind Zufallsprodukte, weil dort junge Talente in exzellente Trainerhände gekommen sind. Die Unterbezahlung der Trainer ist für mich eines der Hauptprobleme. Wie wollen wir erwarten, dass junge Talente optimal gefördert werden, wenn Trainer mit einem Honorar von 200 Euro abgespeist werden? Das kann nicht funktionieren.

Warum landen viele Kinder gar nicht mehr in der Leichtathletik?

Krause: Auch weil es von den Eltern nicht unterstützt wird, weil das falsche Bild vorherrscht, dass man dort ja eh nichts verdienen kann. Wir müssen dahin kommen, dass Sport als Berufsweg viel mehr akzeptiert wird. Ich denke zum Beispiel auch daran, dass wir die Talente, die wir haben, mehr fördern und fordern müssen. Sie müssen von klein auf in Konkurrenz- und Drucksituationen geschult werden. Es bringt nichts, wenn wir das immer umgehen, später müssen sie bereit dafür sein. Wir müssen insgesamt an ganz vielen Schrauben drehen.

Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung