Leichtathletik

Gesa Krause im Interview: "Unsere Top-Athleten sind Zufallsprodukte"

Nach WM-Bronze in Doha richtet sich der Blick von Gesa Krause bereits wieder auf Tokio 2020.

Gesa Krause holte bei der Leichtathletik-WM in Katar Ende September in neuer deutscher Rekordzeit die Bronzemdaille über 3000 Meter Hindernis. Im SPOX-Interview spricht Krause offen über 350 Tage Training am Stück und erklärt ihren Fahrplan auf dem Weg zur Mission Olympia-Medaille in Tokio 2020.

Außerdem wirft die 27-Jährige einen kritischen Blick auf die Situation der deutschen Leichtathletik und erklärt, was sich verändern müsste.

Frau Krause, wo erreiche ich Sie gerade?

Gesa Krause: Ich bin in Boulder, Colorado. Das ist 30 Minuten von Denver entfernt. Hier ist es jetzt 8 Uhr morgens.

Haben Sie heute schon trainiert?

Krause: (lacht) Ja, ich habe schon 1:45 Stunden hinter mir.

Sie hatten bis zur WM in Doha fast ein Jahr lang keinen einzigen freien Tag und jetzt geht es schon wieder weiter. Wie halten Sie diese Konsequenz durch?

Krause: Es stimmt, es waren wohl so an die 350 Tage am Stück bis zur WM. Es ist wichtig zu verstehen, dass es alles Teil eines Prozesses ist. Ich mache Sport, seit ich denken kann. Seit ich 16 Jahre alt bin, trainiere ich unter professionellen Bedingungen. Zweimal am Tag Training zu haben, ist etwas Normales für mich geworden. Ich regeneriere zum Beispiel besser bei einem lockeren Dauerlauf, als wenn ich mich auf die Couch schmeißen und den Körper ganz in den Ruhemodus fahren lassen würde. Mein Trainer hat mir jetzt im Trainingslager einen freien Tag in den Kalender geschrieben, worauf ich fragte, was ich denn da den ganzen Tag machen solle? Gerade wenn ich im Trainingsprozess bin, erfüllt mich meine tägliche Arbeit. Genau das möchte ich mit meinem Sport auch weitergeben: Ich liebe es, auch wenn es manchmal schwer ist. Aber welcher Mensch hat schon jeden Tag gleich große Lust, zur Arbeit zu fahren?

Wie war es direkt nach der WM in Katar?

Krause: Da habe ich nach dem Rennen erstmal die Laufschuhe für acht Tage in die Ecke gestellt. Mein Freund und ich waren danach im Urlaub auf Mykonos, dort habe ich wieder leicht angefangen und mich im Fitnessstudio aufs Laufband gestellt. Es tut mir einfach auch psychisch gut, ich brauche den Sport, um bei mir zu sein, zufrieden zu sein und mich auf das Leben konzentrieren zu können.

Krause: "Ich muss schon ein bisschen mehr Persönlichkeit mitbringen"

Bei der WM haben Sie sich mit der Bronzemedaille für die Schinderei und die vielen Opfer, die Sie bringen müssen, belohnt. Eine Garantie dafür gibt es aber nie. Was treibt Sie dennoch an, diesen harten Weg immer wieder zu gehen?

Krause: Ich sage immer: Wer Roulette spielt und nicht setzt, der kann auch nicht gewinnen. Im Sport gibt es keine Garantien und ich bin auch kein Mensch, der irgendwelche Garantien sucht. Nur wenn ich im Leben auch mal ein Risiko eingehe, habe ich die Chance, dass daraus ein Moment entsteht, der mich tief berührt. Ich weiß, dass natürlich ganz oft nur das finale Resultat gesehen wird, aber mein Leben kann nicht darauf basieren, dass sich die Arbeit nur lohnt, wenn ich am Ende eine Medaille um den Hals hängen habe. Das wäre zu einfach. Ich muss schon ein bisschen mehr Persönlichkeit mitbringen, sonst bin ich im Übrigen auch nicht in der Lage, große Erfolge zu feiern. Ich strebe natürlich nach dem größtmöglichen Erfolg, aber mein Trainer sagt immer: Der Weg ist das Ziel. Und so sehe ich es auch.

Gibt es andere Sportler oder Persönlichkeiten, die Sie inspirieren?

Krause: Ja, sicherlich, und nicht nur berühmte Sportler. Jeder erfolgreiche Mensch muss hart für seinen Erfolg arbeiten. Jeder Mensch hat seine ganz individuelle Geschichte. Und nie verläuft sie geradlinig, es gibt bei jedem Höhen und Tiefen. Ich finde es immer extrem spannend, neue erfolgreiche Menschen und ihre Geschichte kennenzulernen, ganz egal in welchem Bereich.

Glauben Sie, dass jeder Mensch versteht, wie viel Sie eigentlich für Ihren Erfolg investieren müssen?

Krause: Nein, es ist glaube ich sehr schwer, das von außen wirklich nachzuvollziehen. Ich versuche zwar, gerade auch durch meine Social-Media-Kanäle einen Einblick zu geben, aber es bleibt trotzdem schwer. Wenn ich Leuten erzähle, wie viel ich unterwegs bin, können sie zwar verstehen, dass ich nicht viel zuhause bin und dass das nicht so einfach ist, aber das war es dann auch schon. Es ist aber auch okay, ich werde nie alle Leute auf meine Seite ziehen können. Ich konzentriere mich viel lieber auf die unglaublich positive Resonanz, die ich bekomme, denn ich glaube, es kommt an, was ich zu vermitteln versuche.

Krause: "Ich bin keine programmierbare Maschine"

Wir haben darüber gesprochen, wie wenig Sie in Deutschland sind. Wie schwer fällt Ihnen der Alltag dann, wenn Sie mal zuhause sind?

Krause: Ich habe aktuell in Deutschland gar keinen richtigen Alltag. Es ist nicht schön, wenn du nur in deine Wohnung kommst, um die Koffer wieder zu packen und wieder aufzubrechen. Es ist manchmal schmerzlich, weil ich mich insgeheim danach sehne, dass sich das wieder ändert. Ich weiß aber auch, dass es sich wieder ändert. Ich betreibe einen Sport, den ich vielleicht bis Mitte 30 machen kann. Ich hoffe doch mal, dass ich danach ein etwas ruhigeres und stressfreieres Leben führen werde. (lacht) Aber jetzt zählt mein Sport. Meine Zeit ist jetzt. Das habe ich für mich so entschieden, deshalb ordne ich meinen Zielen wie jetzt der WM oder den Olympischen Spielen alles unter. Danach habe ich dann genug Zeit, um mich zu sammeln und zu entscheiden, wie es in den folgenden Jahren weitergehen soll. Ich bin einfach froh, dass ich so eine tolle Unterstützung durch meinen Freund und meine gesamte Familie habe, ohne sie wäre es sicher deutlich schwieriger.

Ihr dramatischer Sturz bei der WM 2017 in London war sicher einer der schwierigsten Momente in Ihrer Laufbahn. Wie blicken Sie heute auf dieses Erlebnis zurück?

Krause: London war ein Tiefpunkt, ganz klar. Ich hatte eine starke Saison und ausgerechnet im wichtigsten Rennen des Jahres habe ich meine bitterste Stunde erlebt. Es war einfach Pech. Ich hatte zuvor auch schon häufiger das Glück auf meiner Seite, aber an diesem Tag musste ich akzeptieren, dass es eben auch mal in die andere Richtung gehen kann. Ehrlich gesagt war das Jahr 2018 dann viel schwieriger für mich, weil es überhaupt nicht lief und ich nicht wusste, woran es liegt. Da jeden Tag trotzdem den Kopf oben zu behalten, zum Training zu gehen und das Blatt schließlich wieder zu wenden, war eine große Herausforderung.

Woran lag es denn, dass es nicht optimal lief?

Krause: Das ist eine Frage, die man sich natürlich immer stellt, für die es aber nicht immer eine Antwort gibt. Auch weil so viele Kleinigkeiten eine Rolle spielen können. Generell ist es ganz entscheidend für jeden Athleten zu lernen, dass er keine Maschine ist. Ich bin keine programmierbare Maschine und am Ende kommt sofort die Bestzeit heraus. Du kannst und musst im Training gewisse Parameter erreichen, aber du weißt dann trotzdem nicht, wie lange es dauert, bis es sich im Rennen auch niederschlägt. Da braucht es manchmal auch eine große Portion Geduld.

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