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Fussball

VfB-Ultra Clemens Knödler im Interview: "Im Moment erleben wir einen endgültigen Verrat am Fußball"

Die Cannstatter Kurve sorgte für eines der kreativsten Banner in der Causa Hopp.

Wie schwierig ist es, wenn wir über die Integrität des Wettbewerbs reden? Man könnte ja auch sagen, dass wir uns in einer absoluten Ausnahmesituation auf der Welt befinden und wir es nun eben vorübergehend akzeptieren müssen, dass keine hundertprozentige Chancengleichheit vorhanden ist.

Knödler: Mit der Fairness ist es ja grundsätzlich so eine Sache. Ich diskutiere gerne darüber, ob es denn jetzt fair ist, dass Leipzig dank Red Bull in der Bundesliga spielt. Aber was sich gerade abzeichnet und was wir am Beispiel Dresden sehen, hat mit Fairness wirklich gar nichts mehr zu tun. Ich habe auch den Eindruck, dass der Solidaritätsgedanke zu Beginn der Coronakrise, der damals so großgeschrieben wurde, keine Rolle mehr spielt. Jeder schaut nur auf sich. Ich möchte mal den Aufschrei in Stuttgart erleben, wenn es beim VfB einen Coronafall gibt und die Mannschaft 14 Tage in Quarantäne muss. Spätestens dann wird in Stuttgart das große Klagen beginnen und alle werden den Abbruch fordern, weil es ja so unfair sei. Aus meiner Sicht darf die Saison nicht gewertet werden und es geht nächste Saison wieder von vorne los.

Auch wenn der sportliche Wert fragwürdig ist, könnten die Geisterspiele interessante Erkenntnisse liefern. Mentalcoach Holger Fischer hat im Interview erklärt, dass sich Qualität jetzt viel mehr durchsetzen wird und dass wir sehen, welche Spieler intrinsisch motiviert sind und welche nicht. Gibt es Aspekte an den Geisterspielen, die Sie spannend finden?

Knödler: Ich finde es interessant zu sehen, welchen Anteil wir Fans wirklich spielen. Wie ist es für einen kleineren Verein nach Stuttgart zu kommen und nicht das Stadion gegen sich zu haben? Was macht die Heimkurve wirklich aus? In Stuttgart hatten wir ja schon häufiger die Diskussion, dass die Spieler durch das teils kritische Publikum gehemmt würden und das Stadion gar nicht mehr hilfreich sei in manchen Spielen. Wie abhängig sind manche Teams wiederum von der Atmosphäre? Das finde ich spannend, auch wenn wir natürlich nie genau wissen werden, wie die Spiele mit Fans gelaufen wären.

Clemens Knödler: "Dafür ist der Profifußball viel zu sehr von Geld und Gier zerfressen"

Können Sie es noch hören, wenn manche immer noch warnen, dass sich die Fans jetzt vor dem Stadion versammeln könnten?

Knödler: Es ärgert mich nicht. Es zeigt für mich einfach nur die Unwissenheit aller Leute, die glauben, dass das zum Problem werden könnte. Ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, dass schon davon gesprochen wurde, dass Spiele gegen die jeweilige Mannschaft gewertet werden, sollten Fans auftauchen. Warum macht man so ein Fass auf, das ja im Zweifel noch für einen Anreiz sorgt? Wenn das so ist, kaufen wir uns HSV-Trikots, stellen uns vor ihr Stadion und schreien ein bisschen herum. (lacht) Das ist ja blanker Unsinn und wirklich total sinnfrei.

Die Verantwortlichen haben in letzter Zeit viel von Demut gesprochen. Konkret wurde aber bislang niemand mit Ansätzen für eine wirkliche Veränderung. Würden Sie sich da mehr konkrete Ansagen wünschen?

Knödler: Ich würde es mir lieber nicht wünschen, weil ich es dann noch unehrlicher fände, wenn ich jetzt wieder 22 Spieler auf dem Platz herumrennen sehe. Ich kann sogar verstehen, dass aktuell der totale Fokus darauf liegt, die Sache unter Einhaltung aller Vorschriften durchzuziehen. Aber es wird eine Zeit nach Corona geben und dann wird der Profifußball Antworten liefern müssen. Wir Fans haben über die Jahre oft genug den Zeigefinger gehoben und mehr als genug Denkanstöße und Input gegeben. Man wird sich das ganz genau anschauen. Aber ich sage auch ehrlich: Mir fehlt der Glaube, dass sich wirklich grundlegend etwas verändern wird. Dafür müsste an viel zu vielen Schrauben gedreht werden und dafür ist der Profifußball viel zu sehr von Geld und Gier zerfressen. Ganz Europa führt einen Salary Cap ein und die Spieler verdienen am Ende nur noch ein Drittel? Dafür reicht meine Fantasie nicht aus.

Gerade bei den TV-Geldern gibt es ein Lieblingsargument: Wenn die Einnahmen dort nicht so steigen würden, könnte Bayern ja nicht mehr die Champions League gewinnen.

Knödler: Natürlich ist mir auch sportlicher Erfolg wichtig. Der VfB ist 1992 Meister geworden, damals bin ich Fan geworden. Ich kann mich ja nicht vom Erfolg völlig loslösen. Aber: Erstens fehlt mir beim VfB oft genug das Vertrauen, dass der Verein mit dem Geld, das irgendwie reinkommt, überhaupt die richtigen Leute holt. Und zweitens ist das nicht alles. Ich will eine Mannschaft auf dem Feld sehen, die mit Herz bei der Sache ist. Die sich auch ihrer Verantwortung bewusst ist, dass 50.000 Fans da sind, um sie spielen zu sehen. Um nach einer harten Arbeitswoche Spaß und Ablenkung zu genießen. Um ehrlichen Fußball zu sehen. Das muss in erster Linie da sein. Und wenn dann noch der Erfolg dazukommt, ist es wunderbar. Aber in dieser Reihenfolge.

Clemens Knödler: "Mir ist es vollkommen egal, was Daniel Didavi macht"

Macht es was mit Ihnen, wenn mit Daniel Didavi einer der momentan größten VfB-Stars für einen Shitstorm sorgt, weil er wirre Posts absetzt und sich als Folge als Verschwörungstheoretiker-Versteher beschimpfen lassen muss?

Knödler: Ganz ehrlich: Mir ist es vollkommen egal, was Daniel Didavi macht. Es ist seine Meinung. Meine ist eine komplett andere. Er hat auch vor einiger Zeit gesagt, dass sich alle Fans, die ein Problem mit dem Profifußball haben, einen anderen Sport suchen sollen. Er soll machen, was er will.

Abschließend: Was ist denn die Konsequenz der Ultras, wenn es irgendwann wieder normal weitergeht und die Cannstatter Kurve wieder voll besetzt sein darf?

Knödler: Darüber findet aktuell bei uns und sicherlich auch bei vielen anderen bereits eine intensive und harte Diskussion statt. Im Moment erleben wir einen endgültigen Verrat am Fußball. Das ist unsere Position. Und wenn man das Wort endgültig benutzt, muss das auch gewisse Konsequenzen haben. Ich kann mir vorstellen, dass einige Fans aktuell sagen werden: Es ist genug, wir können das nicht mehr mit dem vereinen, wofür wir stehen wollen, das war's. Es geht sicherlich auch darum: Nehmen wir den Kampf auch nach diesem erneuten Schlag ins Gesicht nochmals auf und leisten auch in Zukunft Widerstand oder werfen wir die Flinte ins Korn und akzeptieren, dass dieses Business schlicht und ergreifend am Arsch ist? Das wird aber jeder für sich entscheiden müssen, egal ob Ultra oder nicht.

Bislang muss man ja schon sagen, dass die Fans nahezu alles mit sich haben machen lassen, wenn man zum Beispiel an die Zuschauerzahlen denkt. Der VfB hat in den schlimmsten Krisen das Stadion voll, 1988 im UEFA-Cup gegen Groningen waren keine 10.000 Fans da. Und Trikots werden auch gekauft, egal wie teuer sie sind.

Knödler: Das stimmt. Wir müssen ja auch einfach sehen, dass wir Fans selbst Teil des Business geworden sind. Ich wage es auch, die These aufzustellen, dass das Stadion auch wegen der Kurve so voll ist. Weil die Menschen Freude haben, daran teilzuhaben. Aber wenn wir Fans Teil des Geschäfts sind, ist es auch unsere Aufgabe, nicht abzustumpfen und alles zu akzeptieren. Wir haben eine gewisse Verantwortung und auch Macht, die müssen wir auch einsetzen. Wenn es die Ultras eines Tages nicht mehr gibt, gibt es keine so offensive und starke Opposition mehr. Dann ist der Volkssport Fußball wohl endgültig kaputt und der moderne Fußball setzt sich final durch. Deshalb haben wir auch noch den Willen weiterzumachen und als Ultras die aus unserer Sicht wichtigen Werte des Fußballs zu verteidigen.

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