Fussball

Julian Nagelsmann von RB Leipzig im Interview: "Mein Coaching kann ohne Zuschauer beängstigend sein"

Von Benni Zander
Julian Nagelsmann im Training von RB Leipzig.

Julian Nagelsmann (32), Trainer von RB Leipzig, ist für sein emotionales Coaching bekannt. Dass er dieses beim Restart der Bundesliga aufgrund der fehlenden Zuschauer ein wenig umstellen muss, ist ihm durchaus bewusst. "Es steht auf jeden Fall auf meiner Agenda, weil mein Coaching ohne Zuschauer durchaus etwas beängstigend sein kann."

Im Interview mit SPOX und DAZN spricht der RB-Coach außerdem über die Verlängerung mit Lukas Klostermann, einem "sehr wichtigen Spieler" sowie die Ausgangslage in der Bundesliga. Das Feature mit Julian Nagelsmann gibt es ab sofort auf DAZN.

Zudem äußert er sich zu den speziellen Vorbereitungsbedingungen im Quarantäne-Trainingslager und den Ängsten der Spieler vor einer möglichen Infektion.

Herr Nagelsmann, vor wenigen Tagen hat Lukas Klostermann seinen Vertrag in Leipzig verlängert. Sie dürften sehr zufrieden sein.

Julian Nagelsmann: Ich bin sehr glücklich, seine Verlängerung ist ein ganz wichtiges Zeichen. Es gab einige Vereine, die ihn gerne verpflichtet hätten. Lukas kann als Links-, Rechts-, Halbverteidiger und Innenverteidiger spielen - er ist unglaublich variabel.

Was genau zeichnet ihn aus?

Nagelsmann: Lukas ist ein sehr wichtiger Spieler für uns, auf dem Platz und in der Kabine, mit dem Herz am rechten Fleck. Er ist kein Lautsprecher, aber wichtig fürs Gefüge, ein ehrlicher Arbeiter ohne große Allüren. Das alles macht ihn interessant für andere Vereine. Deshalb sind wir froh, dass er bis 2024 hier bleibt und den Weg mit weitergeht. Neben seinen defensiven Qualitäten sind sein Tempo, seine Zweikampfstärke und seine Kopfballstärke entscheidend. Er hat sich in der Vergangenheit enorm weiterentwickelt, ist etwa in der Spieleröffnung besser geworden. Und trotzdem hat er noch weitere Potenziale, die er ausschöpfen kann. Mit seinem Tempo kann er seine Gegenspieler beispielsweise noch mutiger andribbeln. Er weiß, dass ich ihm bei diesen Dingen noch helfen und ein paar Prozentpunkte herauskitzeln kann. Er hat wohl auch deshalb verlängert, weil er noch persönliche Entwicklungschancen sieht und wir uns auch als Mannschaft noch verbessern wollen, speziell in unseren Ballbesitzphasen, die bei Leipzig in den vergangenen Jahren nicht so sehr im Fokus standen.

Nagelsmann: "Keine Mannschaft wird bei einhundert Prozent sein"

Hätten Sie sich aus Trainersicht über eine zusätzliche Woche der Vorbereitung nach dem Lockdown gefreut?

Nagelsmann: Aus Trainersicht ist eine lange Vorbereitung immer schön. Trotzdem hatte auch jeder Klub die Option, von Juli bis März durchzutrainieren. Die Champions-League- und Europa-League-Klubs vielleicht nicht, aber alle anderen konnten ja durchtrainieren. Natürlich spielt die körperliche Fitness mit rein, es gibt Unterschiede von zwei, drei Tagen und es war ja nicht so, dass ein Verein sechs Wochen lang Mannschaftstraining absolvieren durfte und der andere nur drei Tage. Und keine Mannschaft wird am Samstag bei einhundert Prozent sein. Weil es jedem so geht, ist die Chancengleichheit aus meiner Sicht gegeben. Die DFL hat ein tolles Konzept vorgelegt, an das wir uns alle halten sollen. Deshalb sind wir froh, dass es so schnell wie möglich wieder losgeht.

Wie steht es nach dieser völlig ungewohnten Zeit um die spezielle Herausforderung für Sie als Trainer?

Nagelsmann: Die Zeit während des Lockdowns fand ich gar nicht ganz so herausfordernd. Mit 28 Jahren eine Bundesligamannschaft auf einem Abstiegsplatz zu übernehmen, fand ich aus psychologischer Sicht herausfordernder. Wir müssen die Jungs nun darauf vorbereiten, dass die große emotionale Komponente - die Fans - ab sofort nicht da sein wird. Das ist ebenso eine besondere Situation wie das lange Training in Kleingruppen der letzten Wochen. Aber wir fangen ja nicht bei Null an, sondern hatten viele inhaltliche Sitzungen und davor viele Spiele, in denen wir uns in eine Richtung entwickeln konnten. Aber auch da gilt: Es betrifft alle, jeder hat praktisch dieselbe Situation und muss aus Trainersicht versuchen, als Menschenfänger zu fungieren.

Gibt oder gab es Bedenken einzelner Spieler?

Nagelsmann: Jetzt nicht mehr, aber am Anfang der Pandemie schon. Da haben einige Spieler das Gespräch gesucht und gefragt, wie gefährlich es ist. Es gab viel gefährliches Halbwissen, keiner wusste, was stimmt und was vielleicht nicht stimmt. Es ist deshalb schon ein Ritt auf der Rasierklinge, den Spielern seine eigene Meinung und ein ehrliches Abbild mitzugeben. Du willst nichts schönreden, aber auch nichts dramatisieren. Die medizinische Abteilung konnte die Bedenken der Spieler etwas mildern. Es ist grundsätzlich gut, wenn man ein wenig Sorgen hat. Dann geht man in solchen Situationen vielleicht ein bisschen disziplinierter durchs Leben und hält sich eher an Vorgaben.

Julian Nagelmanns Bilanz bei RB Leipzig

WettbewerbSpieleSUNTorePunkte pro Spiel
Bundesliga25148362:262,00
DFB-Pokal320110:62,00
Champions League852114:82,13
Gesamt362110586:402,03

RB Leipzig: Quarantäne-Trainingslager? "Nicht im Gefängnis"

Jetzt steht das Quarantäne-Trainingslager an. Wie muss man sich das vorstellen?

Nagelsmann: Im Grunde wie ein Sommertrainingslager. Wir werden versuchen, uns auf die Spiele vorzubereiten. Also nicht nur auf das Freiburg-Spiel, sondern auch auf die Partien danach. Aber an sich ist das wie im Trainingslager im Sommer: Es wird eine normale Trainingswoche, die Spieler schlafen hier. Es gibt kein Bespaßungsprogramm, die Jungs können und sollen sich selbst beschäftigen. Wir haben hier Billard, Dart, Playstation und einen Fernseher auf dem Zimmer. Wir sind also nicht im Gefängnis. Wir haben vielleicht einen Tick mehr Besprechungen, aber es wird nicht jeden Abend eine Gesprächsrunde oder einen Kinoabend geben. Die Jungs sind alt genug, sich auch mal zwei, drei Stunden selbst zu beschäftigen.

Wie sehen Sie die Befürchtungen um ein deutlich erhöhtes Verletzungsrisiko der Spieler, gerade bei diesem Kaltstart?

Nagelsmann: Auch das könnte vielleicht eher ein Problem werden für Teams, die es nicht gewohnt sind, Englische Wochen zu spielen. Auch wir konnten nur Kleingruppentraining machen, das war aber mehr als nur ein bisschen La Paloma mit Ballhochhalten. Da konnte man sich auch bewegen und Meter machen. Es ist nicht wie ein Mannschaftstraining oder wie ein normales Spiel, das ist klar. Aber die Jungs werden jetzt nicht völlig aus der kalten Hose starten. Wir werden die Belastungssteuerung unter der Woche ein wenig anpassen müssen. Aber das bekommen die anderen Mannschaften mit ihren Trainerteams auch hin. Im Fußball gibt es immer ein gewisses Verletzungsrisiko, es verletzen sich auch an normalen Spieltagen immer ein, zwei Spieler. Wir sollten also nicht jede Verletzung - so sie denn unglücklicherweise auftritt - der kurzen Vorbereitungszeit zuschieben.

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