Fussball

Oscar Minambres' unglückliche Karriere: Vom Galactico zum Zigarettenverkäufer

Von Falko Blöding
Oscar Minambres war Teil der Galacticos bei Real Madrid.

Er spielte an der Seite Rauls und gewann die Champions League, doch mit 26 musste Oscar Minambres seine Karriere beenden. Nun verkauft er Zigaretten.

Mostoles ist keine Schönheit, jedenfalls nicht für spanische Verhältnisse. Rund 200.000 Menschen leben hier, knapp 20 Kilometer von Madrid entfernt. Es gibt viel Industrie, viele Einwohner pendeln zur Arbeit in die spanische Hauptstadt. Bekannt ist Mostoles vor allem durch seinen berühmtesten Sohn: Iker Casillas, der langjährige Kapitän von Real Madrid, wurde hier geboren.

In der Innenstadt gibt es ein Museum, ein Gemeindezentrum, das Teatro del Bosque und in den unzähligen verwinkelten Gassen auch viele Geschäfte. Kleine Cafes laden zum Verweilen ein und in Restaurants kann sich gestärkt werden. Und es gibt auch die typischen kleinen Tabakläden, in denen die Raucher ihre Zigaretten kaufen, mit den Verkäufern plauschen und über das Leben philosophieren.

Minambres sticht in Real Madrids Jugendabteilung heraus

Wer hier seine Sucht befriedigen muss und sich eine Schachtel Glimmstengel zulegen will, der genießt womöglich den Luxus, sie aus den Händen eines waschechten Champions-League-Siegers zu bekommen: Oscar Minambres betreibt hier ein Tabakgeschäft. Oscar wer?

Er spielte zu Zeiten der Galacticos für Real, teilte sich die Umkleidekabine mit Ronaldo, Raul, Zidane und Co. Minambres galt als großes Talent und kommender spanischer Nationalspieler. Dann streikte die Gesundheit - und der Anti-Raucher musste sich und seine Familie fortan mit dem Verkauf von Zigaretten über Wasser halten.

Minambres' traurige Geschichte beginnt gar nicht so traurig. Geboren in Fuenlabrada, einer Gemeinde im Speckgürtel Madrids, spricht sich sein fußballerisches Talent schnell bis zu seinem Lieblingsklub Real herum - und der kleine Oscar wechselt früh in die Jugendabteilung des spanischen Edelklubs. Auch dort sticht der wendige Flügelspieler Minambres heraus. Der zierliche Rechtsfuß mit den braunen Locken hat eine enge Ballführung, schlägt präzise Flanken und ist stark in der Rückwärtsbewegung.

Über die C-Mannschaft und die Reserve landet Minambres als Teenager im Jahr 2000 im Profikader der Blancos. Er debütiert in der Copa del Rey gegen Toledo, da ist er zarte 19 Jahre alt. Doch für ein Eigengewächs ist es zu jener Zeit bei Real kein Zuckerschlecken.

Vier Einsätze auf dem Weg zum Champions-League-Titel

Florentino Perez hat gerade das Zepter übernommen und mit der Verpflichtung von Luis Figo das Zeitalter der Galacticos eingeläutet. Im Sommer 2001 folgt der Kauf Zinedine Zidanes für die damalige Weltrekordablöse von 73,5 Millionen Euro. Größer, schillernder, erfolgreicher - Perez will Real umbauen. Schlagzeilen sollen her, sportlicher Erfolg sowieso. Koste es, was es wolle.

Der schüchterne Minambres trainiert mit den großen Stars, in der Saison 2001/02 darf er sich zeigen. Er feiert auch in LaLiga sein Debüt und bekommt in der Champions League Gelegenheiten, sich zu beweisen. Vier Partien absolviert er in der Königsklasse, drei davon über die vollen 90 Minuten. Bei den Siegen in der Zwischenrunde gegen Porto und Sparta Prag liefert er mit seinen punktgenauen Hereingaben jeweils eine Torvorlage. Als verlässlicher Backup für Michel Salgado auf der rechten Abwehrseite wird Minambres von Trainer Vicente del Bosque geschätzt.

In der Öffentlichkeit ist mit Blick auf den Real-Kader mittlerweile von "Zidanes y Pavones" die Rede. Eine Bezeichnung der erfolgreichen Personalstrategie, die auf eine Mischung aus teuren Superstars wie Zidane und gleichzeitig Eigengewächsen wie Francisco Pavon setzt. Neben Pavon ist zu jener Zeit vor allem der einheimische Minambres eine Identifikationsfigur.

Als es in der Champions League schließlich um die Entscheidung geht, setzt del Bosque aber auf die erfahrenen Recken. Minambres erlebt den Triumph im Glasgower Hampden Park, als Zidane dieses unfassbare Siegtor gegen Bayer Leverkusen gelingt, im schwarzen Anzug statt des weißen Trikots. Zur Siegerehrung darf er dennoch, bekommt von UEFA-Präsident Lennart Johannsson die Siegermedaille umgehängt.

Die Knie halten den Belastungen nicht stand

Ein großer Moment für Minambres, dessen Karriere in der Folgesaison richtig Fahrt aufnimmt. Immer häufiger kommt er zum Einsatz, absolviert 16 Einsätze für Real auf dem Weg zum Gewinn der spanischen Meisterschaft. Er ist nun 22 Jahre alt - und ein ungutes Gefühl beginnt, ihn zu beschleichen. Je härter und je öfter er trainiert und je häufiger er zum Einsatz kommt, umso mehr schmerzen seine Knie. Die Belastungen fordern ihren Tribut und Minambres realisiert allmählich, dass er zwar über das Talent für eine Profikarriere verfügen mag. Sein Körper aber wohl für diese Strapazen nicht gemacht ist.

Später, als er seine Laufbahn längst beendet hatte, sagte er in einem Interview mit LaLiga World: "Es war eine Mischung aus vielen Sachen. Der große Druck zeigte mir, wie hart ich arbeitete. Das Knie konnte den hohen Belastungen durch den Profifußball aber nicht standhalten."

Minambres konsultiert zahlreiche Ärzte, niemand kann ihm so recht helfen. In den folgenden drei Jahren kommt er noch auf insgesamt drei Einsätze für Reals Starensemble, zu dem mittlerweile auch David Beckham und Ronaldo zählen. "Wir waren eine überragende Mannschaft", schwärmte er in der Marca: "Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich mir eine Kabine mit Ronaldo, Zidane und Raul geteilt habe."

Er will sich durchbeißen, nicht aufgeben. Also probiert er es mit einer Leihe zu Espanyol. In der Saison 2004/05 ist das. Minambres absolviert fünf Einsätze, es sollten die letzten seiner Karriere sein. Nach zwei Jahren voller Schmerzen und Verzweiflung strebt Minambres einen letzten Versuch an: Er wechselt zu Hercules Alicante in die 3. Liga. Der Traum von einer titelreichen Laufbahn bei seinem Herzensklub Real ("Es gibt nichts Schöneres, als für den Verein zu spielen, den du liebst") ist ausgeträumt. Aber Minambres will unbedingt weiter kicken.

Minambres: "Ich habe keine Chance"

Er ist ein Bewegungsjunkie, die Zeit ohne regelmäßiges Training hat ihn mürbe gemacht - und sein vermeintlicher Neustart gibt ihm den Rest. Bei El Pais erinnerte er sich später: "Ich ging mit aller Begeisterung der Welt dorthin. Ich kam da an und nach dem ersten Training sah ich, dass mein Knie entzündet ist. Am zweiten Tag dasselbe und am dritten auch. Da musste ich mir eingestehen: So sehr ich es auch probiere, ich habe keine Chance."

Minambres schmeißt hin und beendet seine Karriere. Nach insgesamt 42 Profispielen und zwei großen Titelgewinnen, bei denen er immerhin eine Nebenrolle spielte. "Es war wirklich Pech, wegen einer Verletzung nicht weitermachen zu können. Mit 26 Jahren mit dem Fußball aufhören zu müssen, ist wirklich hart", sagte er.

Reichtümer hat er in seiner Zeit bei Real Madrid nicht angehäuft, dafür mit Immobilien-Investments einiges an Geld verloren. Sein teures Haus in Boadilla del Monte muss er verkaufen, weil das Geld nicht mehr reicht. Minambres braucht einen Job, er hat mittlerweile eine Frau und zwei kleine Kinder. Also erwirbt er die Lizenz eines Tabakverkäufers und übernimmt den Laden in Mostoles. Jeden Tag arbeitet er hier von acht Uhr morgens bis 20 Uhr am Abend.

Ins Fußballstadion geht Minambres nicht mehr

Eine pragmatische Entscheidung: "Ich wurde Zigarettenverkäufer, weil ich schnell einen neuen Job brauchte. Ich war immer gegen das Rauchen, aber irgendwie muss man ja Geld verdienen. Es ist kein Job, den ich mein ganzes Leben lang machen möchte, aber für den Moment ist es okay. Ich muss meine Familie unterstützen und mein eigenes Leben auf die Reihe kriegen. Die Zeit für etwas Neues wird auch kommen."

Mittlerweile hat er Abstand zum Profisport. "Ich habe es nie bereut, meine Schuhe an den Nagel gehängt zu haben. Es war klar, dass mein Knie das nicht mitmachen würde", sagt er. Heut spielt er in seiner Freizeit ab und zu Tennis und das auch weitgehend beschwerdefrei.

Ein Fußballstadion hat Minambres dagegen seit Jahren nicht mehr besucht. Ein paar Spiele schaut er sich im Fernsehen an, das ist es aber auch. Denn immer noch ist dieses "Was wäre wenn" in seinem Kopf: "Es tut weh, dass ich nicht weiß, wie weit ich es gebracht hätte."

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