Fussball

"Ich habe schlichtweg keine Message"

Jürgen Klopp besitzt beim FC Liverpool einen Vertrag bis ins Jahr 2022

SPOX: Welche Rolle spielt für Sie der Zufallsfaktor im Spiel?

Klopp: Wir arbeiten mit hohen Wahrscheinlichkeiten und wollen die Situationen so wahrscheinlich wie möglich lösen. Mehr können wir nicht tun. Im Fußball macht man das eine Loch zu und das andere automatisch auf. Wir haben keine 70 Prinzipien, die wir an die Spieler weitergeben, sondern nur ein paar. Das erscheint ihnen auch logisch und umsetzbar.

SPOX: Wie bekommt man bei den Spielern Konstanz in die Gewohnheit für die Abläufe?

Klopp: Fußball ist nie gleich, jedes Spiel ruft unterschiedliche Aufgaben für die Spieler hervor. Mal kannst du hohes Angriffspressing spielen und mal eben nicht. Man muss nur auf alles vorbereitet sein und braucht dafür generelle Abläufe. Es ist ein ständiges Erinnern mit Variationen. Gerade die Arbeit gegen den Ball ist über Wiederholungen erlernbar. Es gibt auch Spieler, die das schon sehr in sich tragen und denen es deshalb leichter fällt. Sie sollen Bauchentscheidungen treffen. Das Spiel ist zu schnell, um großartig darüber nachzudenken. Idealerweise reagierst du, bevor etwas passiert ist.

SPOX: Wie bewerten Sie den Fakt, dass sich der Ballbesitz Ihrer Mannschaften über die Jahre immer mehr vergrößert hat?

Klopp: Er ist massiv größer geworden. Manchester City hat in dieser Saison nur marginal mehr Ballbesitz als wir. Würde man nach den Unterschieden zwischen beiden Mannschaften fragen, hieße es wohl nicht: City hat ein kleines bisschen mehr Ballbesitz.

SPOX: Sondern?

Klopp: Es hieße: ManCity ist fußballerischer Ansatz, Liverpool ist Gegenpressing. Unser eigener fußballerischer Ansatz wird in meinen Augen häufig unterschätzt. Schon in Mainz sind wir nicht deshalb aufgestiegen, weil wir nur besser verteidigt haben als der Rest der Liga. Wir haben auch dort unterschiedliche Systeme spielen lassen. Am Ende hat es sich aber meist darauf reduziert: Die pressen nur. Aber was soll's? Es kann ein schlimmeres Image geben. Wir haben es dennoch nie so empfunden und es wird auch der Wahrheit nicht ganz gerecht.

SPOX: Was ist die Wahrheit für Sie?

Klopp: Wir behaupten nicht, Gegenpressing zu spielen, sei der einzig richtige Weg. Es hat sich für uns nur als sehr sinnvoll erwiesen und bleibt auch ein wichtiger Teil des Spiels. Am liebsten hätten wir aber in jedem Spiel 90 Prozent Ballbesitz. Was wir letztlich machen, ist jeden Tag Probleme zu lösen. Heute kennen wir die Probleme noch nicht, die wir im März haben werden. Selbst wenn wir den besten Fußball spielen, den wir spielen können, sind in dieser Liga mindestens fünf andere Mannschaften, die genauso gut spielen können. Es geht darum, wer wie in den entscheidenden Momenten reagiert.

SPOX: Wie reagieren Sie persönlich denn eigentlich auf all den Hype, der Sie nicht erst seit Ihrem Start in England begleitet?

Klopp: Ich bin daran gewöhnt, musste aber lernen, dass Dinge, die ich sage, größer gemacht werden als sie sind. Mich hat der Hype noch nie interessiert. Ich weiß, dass es mittlerweile wohl dazu gehört, aber eigentlich würde ich sehr gerne kein Teil davon sein. Mich stört es, wenn man etwas im positiven wie negativen Sinne überhöht. Innerhalb des Trainingsgeländes lebt das niemand und nur das interessiert mich wirklich. Ich habe hier in vielen Bereichen eine gewisse Anonymität und man lässt mich deutlich mehr in Ruhe als in Deutschland. Darüber bin ich riesig froh und das tut mir auch wirklich gut.

SPOX: Mussten Sie sich dazu in irgendeiner Weise verändern?

Klopp: Nein. Mein Trainerteam und ich, wir konnten und können auch in Liverpool so bleiben, wie wir sind und vorher waren. Wir mussten uns nicht verändern. Mein Tag ist mittlerweile länger geworden, aber ich kümmere mich auch gerne um viele Belange selbst. Ich war schon immer klar in dem, was ich wollte, ohne etwas zu fordern, was ich nicht bekommen kann. Es gibt hier sicherlich strukturelle Besonderheiten. Wir sind aber nicht angekommen und haben gemeint, das sei alles Quatsch und müsste lieber so sein, wie wir es aus Deutschland gewohnt waren. Wir haben uns mit den Gegebenheiten auseinandergesetzt und festgestellt, dass auch viele Dinge sehr sinnvoll sind.

SPOX: Dass Sie eines Tages ein Buch über sich und Ihre Erfahrungen im Fußball schreiben werden, kann man aber getrost vergessen, oder?

Klopp: Korrekt. Ich habe schlichtweg keine Message. Das ist auch keine Koketterie. Ich versuche einfach, mit den Gegebenheiten umzugehen und zusammen mit meinen Kollegen im Klub eine Atmosphäre zu kreieren, in der sich jeder wohlfühlt und Lust auf eine gemeinsame Zukunft hat. Ich habe aber keine Ahnung, wohin das letztlich führt - aber dafür große Lust auf den Weg dorthin.

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