Lionel Messi: Rückkehr per Leihe zum FC Barcelona? Warum das für alle Beteiligten eine schlechte Idee ist

Von Thomas Hindle und Patrick Eisenacher
messi-inter-1200
© getty

Zuletzt kursierte das Gerücht, dass Lionel Messi während der MLS-Pause zurück nach Spanien zum FC Barcelona gehen könnte. Das ergibt jedoch keinen Sinn.

Anzeige
Cookie-Einstellungen

Im Februar 2012 erzielte Thierry Henry sein letztes Tor für Arsenal. Der Franzose köpfte in der 90. Minute zum 2:1 gegen Sunderland ein und sorgte damit für einen passenden Abschluss. Henry stand damals bei den New York Red Bulls unter Vertrag, kehrte aber noch einmal auf Leihbasis in die Premier League zurück. Bei seinem Comeback spielte es keine Rolle, dass der beste Torschütze Arsenals aller Zeiten bei seiner Rückkehr nur noch zwei weitere Treffer erzielen konnte.

Die Gunners brauchten Henry nicht wirklich und er hatte es auch nicht nötig, zu Arsenal zurückzukehren. Es wäre vielleicht sogar besser gewesen, wenn er in der MLS-Offseason bei einem anderen Klub mehr als die 98 Minuten, die er bei Arsenal bekam, gespielt hätte. Aber selbst in der kurzen Zeit wurde er erneut zum Fanliebling.

Jetzt hat Lionel Messi wohl die Möglichkeit, einen ähnlichen Weg wie Henry einzuschlagen. Da Inter Miami die MLS-Play-offs nicht mehr erreichen kann, hat Messi nun fast vier Monate Pause. Der Argentinier wird nun mit einer Sensations-Rückkehr zum FC Barcelona im Januar in Verbindung gebracht. Man kann das Olympiastadion - die vorübergehende sportliche Heimat von Barça - fast schon ausrasten hören, wenn man sich vorstellt, dass der Weltmeister dort ein Tor für Barça erzielt. Aber auch Klubs aus Saudi-Arabien wollen den Weltmeister angeblich per Kurzleihe holen.

Abgesehen von der bekanntesten Hürde - nämlich den massiven Finanz-Problemen der Blaugrana - wäre die romantisch erträumte Rückkehr von Messi zu den Katalanen nicht unbedingt sinnvoll - selbst wenn die Blaugrana mit KI-Fotos zuletzt Hoffnung machten. Alle beteiligten Parteien haben größere Probleme, die eine Feelgood-Geschichte wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes nicht nur unpraktisch, sondern geradezu lächerlich erscheinen lassen würden.

messi-inter-1200
© getty

Lionel Messi: Kopfschmerzen für Inter Miami

Das größte Hindernis ist, dass Messis Rückkehr nach Spanien ein massives Problem für seinen Verein Inter Miami werden würde. Die Mannschaft von Trainer Tata Martino hatte keine realistische Chance, die Play-offs zu erreichen - Messi hin oder her. Als der Argentinier zum Team kam, war es zwölf Punkte von den Play-off-Rängen entfernt und mit einigem Abstand Tabellenletzter.

Obwohl Messi zwei Monate lang kein Spiel mehr gemacht hatte (und seit dem WM-Finale wohl auch keines mehr richtig ernst genommen hatte), änderte sich alles blitzschnell, als der siebenfache Ballon-d'Or-Gewinner zu Inter kam. Messi erzielte in seinen ersten elf Spielen elf Tore und legte acht Assists auf. Dann holte er auch noch mit dem Team den Ligapokal. Doch als es wieder in der MLS zur Sache ging, konnte der Argentinier das Tempo nicht halten.

Das lag zum Teil an einer Verletzung, die er sich in der Länderspielpause im September zugezogen hatte. Messi machte am 7. September im Spiel gegen Ecuador der Oberschenkel zu schaffen. Danach verpasste er fünf der nächsten sechs Spiele von Inter Miami - in dieser Phase holten seine Teamkollegen nur fünf Punkte.

Einfach formuliert: Inter Miami ohne Messi ist eine weitaus schlechtere Mannschaft als Inter Miami mit Messi. Selbst wenn das Team in der kommenden Saison einige Neuzugänge verpflichten sollte - sowohl Luis Suárez als auch Luka Modrić wurden bereits ins Gespräch gebracht -, ist es ohne seinen Superstar nur die Hälfte wert.

Kurz gesagt: Inter Miami kann es nicht riskieren, dass sich Messi vor dem Beginn der Saison 2024 eine weitere Verletzung zuzieht. Und Messi ist besser dran, wenn er sich ein paar Monate lang ausruht, zumal seine Sommerpause durch seinen Umzug in die USA damals ohnehin kürzer ausfiel. Ihn zurück nach Europa gehen zu lassen, egal zu welchem Klub, ist nicht in Miamis Interesse.

lionel-messi-inter-miami-2023-24-main-img
© Getty Images

Lionel Messi, der Geschäftsmann

Messi gab in einem Interview vor seinem Wechsel in die MLS zu, dass er ursprünglich zum FC Barcelona zurückkehren wollte. Er behauptete, der Verein habe ihm monatelang bestätigt, dass er in der Lage wäre, einen Deal auszuhandeln - nur um dann in letzter Minute aufgrund finanzieller Probleme doch abzusagen.

Messi erklärte sogar, er wolle seine "eigene Entscheidung treffen" und die sei gegen Barça ausgefallen - bevor sich die Farce mit der gescheiterten Registrierung aus dem Jahr 2021 wiederholt. Er ist also ein Spieler, der die Geschichte abgehakt hat und seinen Weg weiter gegangen ist - selbst wenn er sich diesen Weg anders vorgestellt hatte.

Messis Entscheidung, in die USA zu gehen, hatte auch damit zu tun, dass er seine Zukunft über die Fußballkarriere hinaus im Blick hat. Mit seinen 36 Jahren ist Messi jetzt schon teils Geschäftsmann, teils Sportler. In seinem MLS-Vertrag ist Berichten zufolge eine Beteiligung am Verkauf von Apple-TV-Abonnements enthalten. Entscheidend ist, dass er sich zudem Anteile am Verein Inter Miami gesichert hat. Das ist zwar nicht dasselbe wie die Franchise-Rechte, die David Beckham 2007 von LA Galaxy übertragen wurden, aber es kommt dem schon sehr nahe.

Und obwohl Beckham die letzten Monate seiner Karriere in Paris verbrachte, spielt Messi nun in einer bekannteren und hochwertigeren Version der MLS. Er ist jetzt das Gesicht eines Vereins, der weltweit Aufmerksamkeit erregt; es besteht keine Notwendigkeit für ihn, nach Europa zurückzukehren.

Vielleicht wäre ein Auftritt in Gerard Piqués Online-Liga Kings League oder sogar ein Spiel mit den Barça-Legenden irgendwann einmal denkbar, um sich ein letztes Mal als Fußballer in Barcelona zu zeigen. Solange Messi aber noch Profi-Fußballer ist, ist er der MLS und Inter Miami verpflichtet.

messi-miami-1-1200
© getty

Lionel Messi: Medienzirkus rund um den FC Barcelona

Natürlich kann man verstehen, warum der FC Barcelona daran interessiert ist, Messi zurückzuholen, selbst wenn es nur für eine kurze Zeit wäre. Der Klub braucht gute PR, da er weiterhin in den Negreira-Schiedsrichter-Skandal verwickelt ist. Und einer seiner Anteilseigner hat sich geweigert, die im letzten Sommer vereinbarte Beteiligung in Höhe von 40 Millionen Euro zu zahlen.

Wenn es jemals einen Spieler gegeben hat, der dem Verein viel Geld einbringen könnte, dann ist es Messi. Allein durch die Trikot- und Ticketverkäufe sowie die Marketingmöglichkeiten könnte Barça finanziell enorm weit vorwärts kommen. Manchester United hat durch die Rückkehr von Cristiano Ronaldo im Jahr 2021 einen ähnlichen Schub erfahren.

Aber die Kehrseite der Medaille ist der Medienzirkus und die Ablenkung vom Wesentlichen, die ein Messi-Comeback unweigerlich mit sich bringen würde. Rund um Barça gibt es ganz besonders viel Medienrummel. Jeder Schritt und jedes Wort eines Spielers oder eines Offiziellen wird eine News. Jules Koundés Outfits beispielsweise werden von den spanischen Medien ausführlich analysiert; jeder einzelne Satz von Xavi auf den banalsten Pressekonferenzen wird zerpflückt; schlechte Ergebnisse werden aufgebauscht, während Siege denjenigen Auftrieb geben, die glauben, dass die Rückkehr an Europas Spitze unmittelbar bevorsteht.

Wenn dann auch noch das bekannteste Gesicht des Weltfußballs dazu kommt, kann das nicht gut gehen. Xavi ist zwar ein guter Trainer, der eine sehr gute Mannschaft betreut. Das verdient schon genug Aufmerksamkeit, ohne dass noch DIE Vereinslegende ins Spiel kommt. Barça wird bereits durch den Lärm abseits des Spielfelds gestört. Sie brauchen bei den Katalanen nicht noch weitere Nebengeräusche.

xavi
© getty

FC Barcelona braucht Lionel Messi sportlich nicht mehr

Im Großen und Ganzen sind die Blaugrana ohne Messi besser dran. Sie haben zwei Jahre gebraucht, um über seinen Abschied hinwegzukommen, haben sich von einigen Routiniers getrennt und gleichzeitig junge Spieler ins Team integriert. In dieser Phase feuerte man zudem Trainer Ronald Koeman, holte stattdessen Xavi, ging fast pleite, kaufte Top-Spieler, die man sich nicht leisten konnte, und benötigte noch ein weiteres Jahr, um zumindest in Spanien erfolgreich zu sein. Zyniker würden behaupten, dass der Gewinn der Meisterschaft in der letzten Saison nur aufgrund des Leistungseinbruchs von Real Madrid zustande kam.

Diese Mannschaft ist eine, die in gewisser Weise noch immer dabei ist, mit dem Verlust Messis klarzukommen. Aber ohne den Argentinier ist es gelungen, etwas Neues, Gutes aufzubauen. Xavi hat eine interessante, wenn auch noch nicht perfekte Mannschaft zusammengestellt, die eine echte Chance hat, dieses Jahr wieder die Meisterschaft zu gewinnen und vor allem in der Champions League weit zu kommen.

Zufälligerweise liegt die Stärke der Mannschaft genau dort, wo Messi spielen könnte. Das System von Xavi basiert auf vier Mittelfeldspielern. Wenn alle fit sind, muss er entweder auf İlkay Gündoğan, Pedri, Gavi oder João Félix verzichten. Die meisten Mannschaften wären froh, wenn sie diese Spieler überhaupt in ihrem Kader hätten.

Und wo genau könnte Messi dann spielen? Er ist sicherlich vielseitig einsetzbar, aber abgesehen von seiner unbestreitbaren Spielfreude bietet Messi mit mittlerweile 36 Jahren nicht mehr als jeder der vier anderen. Er ist zweifellos kreativer als sie, aber das allein reicht im Gegensatz zur MLS in LaLiga nicht aus.

Er ist nicht so aggressiv wie Gavi, läuft nicht so viel wie Pedri und dominiert nicht die Mitte des Platzes wie Gündoğan. Man könnte ihn für Félix bringen, aber der Portugiese hat in Katalonien schnell zu seiner Form gefunden. Xavi selbst hat erklärt, dass die Leihgabe von Atlético Madrid entscheidend für den Erfolg seiner Mannschaft ist. Barça würde also einen Spieler verpflichten, den sich der Klub nicht leisten kann - und das ohne die Garantie, dass es sportlich überhaupt noch funktioniert.

lionel-messi-barcelona-embed-img1
© Getty

Lionel Messi braucht eine Pause

Und wie wäre das Leihgeschäft für Messi selbst? Ein Großteil der Diskussionen über einen möglichen Deal drehte sich bislang nur darum, ob und wie Barcelona ihn umsetzen könnte oder was er für Inter Miami - und die MLS im Allgemeinen - bedeutet.

Aber nur wenige erkennen, dass es bei all den Diskussionen um einen 36-Jährigen geht, der körperlich nicht mehr sehr leistungsfähig ist. Oberschenkelverletzungen können jeden Fußballer in jedem Alter ärgern, aber ein Blick auf die Anzahl und die Art der Verletzungen bei Messi zeigt, dass er im Spätherbst seiner Karriere ist.

Messi verpasste 15 Spiele in der Saison 2021/22, acht in der Saison 2022/23 und sechs in drei Monaten bei Inter Miami. Er hat sich mit Muskelverletzungen in beiden Beinen herumgeschlagen. Trainer Martino erklärte, dass sein Star eben manchmal eine Pause braucht. Selbst, wenn das bei den Fans auf Enttäuschung stößt.

Das Ganze hat auch eine emotionale Seite. Messi mag im Januar 2024 seinen Urlaub nach der gewonnenen WM genossen haben - oder den Eindruck erweckt haben, dass er ein paar Monate später eine wunderbare Auszeit in Saudi-Arabien hatte -, aber er ist ein Spieler, der seit Jahren keine richtige Pause hatte. Er ist fußballerisch weiterhin top und in der MLS kann er auch zumindest fast jedes Spiel bestreiten. Aber zwischendurch wird er Zeit brauchen, um sich zu erholen.

Fußballer, Sportler im Allgemeinen, haben aber eigentlich keine Zeit zum Ausruhen. Die Spielpläne werden immer enger getaktet, die ständige Aufmerksamkeit, die die Superstars bekommen, bietet ihnen nicht viel Raum für Entspannung. Für den Durchschnittsfußballer ist das noch zu bewältigen. Aber wie muss es für einen der Größten aller Zeiten sein?

Messi hat jetzt drei Monate lang frei. Sein aktuelles Team hat sich nicht für die Play-offs qualifiziert, sein ehemaliger Verein kann es sich nicht leisten, ihn zu verpflichten - und will es vielleicht auch gar nicht. Die Zeit des Argentiniers in Barcelona ist vorbei - das muss die Fußballwelt endlich akzeptieren.

Artikel und Videos zum Thema