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Fussball

FC Bayern München greift bei Klub-WM an - Al Ahlys Ex-Coach Rene Weiler: "Viele Fans hatten mein Gesicht als Profilbild"

Rene Weiler arbeitete von August 2019 bis Oktober 2020 für Al Ahly Kairo.

Nach der missglückten Anreise - und einer noch missglückteren Krisenkommunikation der Bosse - greift der FC Bayern München um 19 Uhr (live auf DAZN und im Liveticker) in die Klub-WM ein. Im Halbfinale geht es gegen den ägyptischen Rekordmeister Al Ahly Kairo, der bis Oktober 2020 von Rene Weiler trainiert wurde. Im Interview mit SPOX und Goal spricht der Schweizer über kleine und mittelgroße Stars der Mannschaft und worauf sich die Münchner einstellen müssen.

Außerdem spricht Weiler (47), der von 2014 bis 2016 den 1. FC Nürnberg in der zweiten Bundesliga trainierte und 2017 RSC Anderlecht zur belgischen Meisterschaft führte, über plötzlichen Star-Ruhm und die Schattenseiten der Popularität in Kairo.

Weiler arbeitete von August 2019 bis Oktober 2020 für Al Ahly Kairo, führte den populärsten Klub der arabischen Welt zum 41. Meistertitel der Vereinsgeschichte und bis ins Halbfinale der African Champions League.

Auch, um während der Corona-Pandemie näher bei seiner Familie in der Schweiz sein zu können, nahm er eine Vertragsklausel in Anspruch und kündigte zum Oktober 2020 seinen Vertrag in Ägypten.

Herr Weiler, welchen Stellenwert hat die Klub-WM für Al Ahly?

Weiler: Klar ist: Wenn man so erfolgreich ist wie der FC Bayern oder Al Ahly, dann will man alle Titel gewinnen. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand der Klub-WM eine größere Bedeutung beimisst. Es war jedenfalls nie ein Thema, als ich selbst noch da war.

Wie war das Arbeiten für Sie in Ägypten?

Weiler: Sehr emotional. Kairo hat 25 Millionen Einwohner, die Straßen sind massiv überfüllt. Aber wenn wir oder der andere große Verein Zamalek gespielt haben, waren sie etwas weniger überfüllt, dann war weniger Chaos. Diese Klubs haben eine enorme Strahlkraft in der ganzen arabischen Welt. Fußball ist der Nationalsport Nummer eins in Ägypten, es interessieren sich alle Bevölkerungsschichten dafür, das ist kein Phänomen der Mittelschicht. Der Ägypter ist in Bezug auf Fußball unglaublich fanatisch und emotional. Und das Pendel schlägt ja immer nach beiden Seiten aus. Obwohl ich mich vorher informiert hatte, war ich doch überrascht über diese Wucht.

Rene Weiler: "Ich möchte auch noch leben"

Wie war das Leben in Kairo?

Weiler: Privatleben hat man als Fußballtrainer bei einem großen Verein ohnehin nie, aber das war noch einmal extremer. Ich war entweder im Fünfsternehotel oder auf dem Trainingsgelände. Ich war immer abgeschirmt, war vielleicht drei oder viermal überhaupt nur in Restaurants und auch dann in einem Separee. Mir hat das ehrlich gesagt nicht gefallen, es gab in den 14 Monaten praktisch nur Fußball für mich, das war sehr hart. Wir alle haben nur ein einziges Leben. Fußball ist darin für mich ein wichtiger Bestandteil, aber nicht der einzige. Neben all meinem Ehrgeiz, das beste Resultat erzielen zu wollen, möchte ich auch noch leben. Ich habe auch Familie und Kinder."

Können Sie ein Beispiel für den Fanatismus der Fans geben?

Weiler: Ich habe während meiner Zeit dort meine sozialen Kanäle nicht bespielt. Aber auf Facebook haben sich sehr viele Leute für mich ausgegeben und Seiten in meinem Namen bedient. Ein Profil hatte 150.000 Follower und die User dachten wirklich, dass ich hinter dem Profil stecken würde. Das war schlichtweg verrückt. Viele Fans hatten auf WhatsApp mein Gesicht als Profilbild. Das war einmalig, eine faszinierende Erfahrung, aber ich bin nicht unglücklich, dass sie vorbei ist.

Rene Weiler: "Die ägyptische Liga ist unglaublich hart"

Kommen wir zum Sport. Wie bewerten Sie die Qualität der Mannschaft?

Weiler: Es fällt keiner ab, aber es ist auch keiner wirklich überragend. Alle Spieler sind unglaublich athletisch. Die Spieler sind schnell, sie sind kräftig und auch technisch gut, weil sie schon als Kinder praktisch Tag und Nacht Fußball spielen. Wenn man vor Corona nachts durch die Straßen gefahren ist, waren die Bolzplätze voll. Gegen die Ägypter zu spielen, ist richtig unangenehm. Was ihnen fehlt, ist die taktische Ausbildung.

Wieso wird Al Ahlys Spieler Ahmed Ramadan Mohamed (23) auch Beckham genannt?

Weiler: Der spielt selten, hat schon zwei Kreuzbandrisse gehabt. Ist ein guter Spieler, ein lustiger Mensch und erreicht durch seine verspielte Art die Leute. Grundsätzlich sind alle Spieler aufgrund der Begeisterung, die der Fußball auslöst, zumindest in Ägypten kleinere bis größere Stars - und werden eben mit den absoluten Superstars des Fußballs verglichen.

Wie ist das Niveau der ägyptischen Liga?

Weiler: Die europäischen Spitzenligen sind besser, aber die ägyptische Liga ist unglaublich hart. Wenn du in Deutschland so spielen würdest, würden nur sehr wenige Spiele mit jeweils elf Spielern zu Ende gespielt werden. Die Bayern werden sehen und spüren, dass die Spieler von Al Ahly technisch gut sind. Die Ägypter werden sich in den Zweikämpfen aufreiben und alles geben. Aber ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass Ahly über 90 Minuten Paroli bieten könnte.

Würden Sie sich noch einmal auf ein solches Abenteuer einlassen?

Weiler: Ich habe bereits wieder mehrere Angebote erhalten. Aber ich würde in der Gegend nicht mehr arbeiten wollen. Es war eine einmalige Erfahrung. Es hat mich unheimlich gereizt, dort zu arbeiten und diese Herausforderung anzunehmen. Aber ich habe das jetzt einmal erlebt und es war spannend für mich als Mensch. Aber als Trainer wünsche ich mir eher wieder eine gute Herausforderung in Europa.

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