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Fussball

BVB - Kommentar nach dem Europa-League-Debakel gegen die Rangers: Der Blick muss nach oben gehen

Der BVB in der Krise: Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc.

Die Mannschaft von Borussia Dortmund ist in den Jahren nach Jürgen Klopp trotz unterschiedlicher Besetzungen immer mehr von einem homogenen Kollektiv zu einer Ansammlung teurer Individualisten verkümmert. Die Verantwortung dafür tragen nicht die zahlreichen Trainer, sondern die Funktionäre des BVB. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Jochen Tittmar.

Man muss das Rückspiel kommende Woche in Glasgow gar nicht mehr zwingend abwarten: In der Europa League weit kommen oder sie gar gewinnen, wie es Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke als Ziel ausgegeben hatte, wird Borussia Dortmund nicht.

So wird am Saisonende die Bilanz so aussehen, dass man vorzeitig aus gleich drei Pokalwettbewerben ausgeschieden ist und sich in der Bundesliga wie im auf andere Weise mühsamen Vorjahr für die Champions League qualifiziert hat. Bedenkt man, dass in Deutschland nur der FC Bayern mehr Geld in seinen Kader steckt und welche Ansprüche der BVB an sich selbst hat, kann im Zeugnis dieser Spielzeit nicht viel mehr als ein "ausreichend" stehen.

Der Reflex, angesichts dieses Ergebnisses sofort auf den Trainer zu zeigen, wäre zwar natürlich, würde aber wie an anderer Stelle bereits skizziert zu kurz greifen. Schließlich ist die Mannschaft der Borussia trotz unterschiedlicher Kaderbesetzungen mittlerweile seit Jahren schon enorm wankelmütig und zu inkonstant, um das Besondere und Identitätsstiftende der Ära Jürgen Klopp auszustrahlen oder es gar zu wiederholen. Sie ist seit dessen Ausscheiden im Jahr 2015 immer mehr von einem homogenen Kollektiv zu einer Ansammlung teurer Individualisten verkümmert.

Somit muss der Blick hinsichtlich der Verantwortlichkeit für diesen Trainer überdauernden Zustand nach oben gerichtet werden, in die Chefetage des BVB. Watzke und Sportdirektor Michael Zorc sind seit sehr langer Zeit die Wortführer, mit Lizenzspielerchef Sebastian Kehl und dem externen Berater Matthias Sammer hat man die Runde vor drei Jahren um weitere Kompetenz vergrößert. Im Sommer kam noch Edin Terzic als Technischer Direktor hinzu.

BVB-Transferpolitik: Gute Einzelteile, aber kein Gesamtwerk

Seit Klopps Ausscheiden hat sich Dortmund in jeder Saison für die Königsklasse qualifiziert und somit den fest eingeplanten Cashflow am Leben gehalten. Zweimal gewann man seitdem den DFB-Pokal. Eklatante Misserfolge stehen somit nicht zu Buche, zumal gerade die Verdienste von Watzke und Zorc um den Verein vollkommen unbestritten sind.

Zorc als Verantwortlicher für die Kaderplanung hat dem BVB allein in den vergangenen fünf Jahren ein Plus von fast 200 Millionen Euro erwirtschaftet, gleich mehrere überragende Transfers getätigt und den Verein in Europa als erste Anlaufstelle für internationale Top-Talente etabliert. Doch auch wenn daraus in der langfristigen Bilanz kein finanzieller Schaden entstanden ist: Die Wahrheit über Dortmunds Transferpolitik ist eben auch, dass die vielen sehr guten Einzelteile nur selten ein belastbares Gesamtwerk darstellen, das zu mehr in der Lage ist, als den sportlichen Status Quo lediglich zu verwalten.

Gewiss, das etablierte Geschäftsmodell - junge, begehrte Talente früh an sich zu binden und sie später teuer zu verkaufen - hat sich als absolut tragfähig erwiesen und sollte nicht über Bord geworfen werden. Vieles von dem, was sich jedoch dahinter versteckt, wirft kein gutes Bild auf Zorcs Einkäufe.

BVB-Kader unausgegoren: Fehler im System

Die Transfers von Spielern wie beispielsweise Mario Götze (22 Mio.), Andre Schürrle (30 Mio.), Nico Schulz (25,5 Mio.), Thorgan Hazard (25,5 Mio.) oder Julian Brandt (25 Mio.) haben, wenn man alle Ausgaben addiert, an die 200 Millionen Euro verschlungen und kaum nennenswerten sportlichen Gegenwert erzeugt. Das gilt auch für Deals mit Profis, bei denen man zumindest in Sachen Ablösesumme wenig Verluste hinnehmen musste - siehe Maximilian Philipp (20 Mio.), Andrej Yarmolenko (25 Mio.), Leonardo Balerdi (15,5 Mio.) oder Ömer Toprak (12 Mio.).

So aber standen und stehen im Dortmunder Kader seit Jahren Spieler, die sich im Besitz des wohl besten Vertrags ihrer Karriere wähnen und im Schatten der wechselnden Superstar-Regie um Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembele, Marco Reus, Jadon Sancho, Erling Haaland oder Jude Bellingham ein recht gemütliches Dasein fristen können. Auch, weil sie und ihre dargebotenen Leistungen ohnehin nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit erzeugen wie die Akteure, die stets im medialen Fokus stehen.

Diesen Spielern soll hier nicht der sportliche Ehrgeiz abgesprochen werden. Es zeugt aber von einem Fehler im System, wenn der BVB Angestellte wie zuletzt Schulz, Roman Bürki oder Marius Wolf gleich mehrfach nicht losbekommt. Die Position solcher Profis ist schließlich bequem - warum sollten sie ihre gut dotierten Verträge frühzeitig aufgeben? Wo doch der Verein ohnehin fast dazu gezwungen ist, sie angesichts weiterer drohender Wertverluste auch ein nächstes Mal sportlich wieder einzuplanen.

Deshalb verkümmerte die Identität des BVB

Was aus dieser Gemengelage folgt: Die ambivalente Transferpolitik festigt den Charakter und natürlich auch die sportliche Qualität der zusammengestellten Mannschaften, die sich unabhängig von den jeweiligen Trainern und Spielern bereits seit langer Zeit mit dem Vorwurf mangelnder Mentalität und fehlender Kaderbreite herumschlagen müssen.

Dass Watzke und Zorc auch bei ihren Trainerentscheidungen zwischen Ballbesitztrainern wie Thomas Tuchel oder Lucien Favre und Pressingtrainern wie Peter Bosz oder Marco Rose hin- und herwechselten, lässt zudem eine fehlende übergeordnete Spielphilosophie erkennen. In Kombination mit den getätigten Transfers, die oftmals nicht stringent für die Spielidee des Trainers optimiert waren, ließ das die unter Klopp manifestierte Identität des Klubs immer stärker verblassen.

Unter dem Strich benötigt der aktuelle BVB-Kader im Sommer 2022 eine wesentliche personelle Auffrischungskur, um damit beginnen zu können, diesen Kreislauf zumindest einmal fürs Erste zu durchbrechen. Es wäre jedoch auch wünschenswert wie angebracht, wenn sich die Dortmunder Führungsriege trotz des dann gesprengten Duos Watzke/Zorc noch stärker in die Verantwortung nähme und tiefgreifende Schlüsse aus der jüngeren Vergangenheit zöge.

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