Cookie-Einstellungen
Fussball

Zemans Schüler und die Serie B

Von Jochen Tittmar
Mit dieser Mannschaft zog die U 21 Italiens ins EM-Finale gegen Spanien ein
© getty

Italiens U 21 ist auf den ersten Blick merkwürdig zusammengesetzt: Die Defensive bilden Spieler, die ausschließlich in der zweiten italienischen Liga zum Einsatz kommen. Die Offensive ist dagegen geprägt von Trainerlegende Zdenek Zeman.

Gibt es etwa einen von der UEFA diktierten Dresscode, wenn sich ein Team bei der U-21-EM für das Halbfinale qualifiziert? Diese Frage wurde am Samstagabend in Petach Tikwa kurze Zeit auf der Pressetribüne diskutiert, als die Auswahl Italiens weit vor Spielbeginn den Rasen inspizierte. Die Azzurrini erschienen nämlich geschniegelt und gestriegelt in schwarzen Anzügen wie zu einem Bankettempfang. Jong Oranje gab die Antwort und gesellte sich wenig später im handelsüblichen Trainingsanzug dazu.

Es besteht also weiterhin freie Kleiderwahl, der Italiener mag's ja sowieso gerne mal etwas schicker. Zumal die Mannschaft von Trainer Devis Mangia auch die italienische Klub-Elite vertritt, wenn man der Vorschaumappe der UEFA Glauben schenkt. Der Kader Italiens weist darin beispielsweise Spieler von Juventus Turin, Inter und dem AC Milan aus. Dabei ist das nur die halbe Wahrheit, zumindest was die unter "Abwehrspieler" aufgelisteten Kicker angeht.

Italien: Wenigste Gegentreffer - nach Spanien

Die Startformation der U 21 Italiens, so wie sie gegen Holland letztlich nicht unverdient mit 1:0 gewann und nun wohl auch im Finale gegen Spanien antreten wird, hat eine bemerkenswerte Komposition: Die Viererkette besteht aus drei Spielern, die Inter in die zweite Liga verliehen hat. Hinzu kommt Linksverteidiger Vasco Regini, 2009 von Sampdoria ausgeliehen und derzeit beim FC Empoli ebenfalls in der Serie B tätig.

Italien, wenn auch Mangia in den Partien zuvor seine Formation immer mal wieder leicht veränderte, kassierte in dieser doch etwas kuriosen Zusammensetzung bislang ein Tor und liegt damit nur knapp hinter Endspielgegner Spanien (0 Gegentore).

Einzig Regini kam mit der ganz großen Spielpraxis nach Israel. Nachdem er 2010/2011 noch für Foggia durch die Lega Pro Prima Divisione tingelte (Italiens 3. Liga), riss er in Empoli nun 45 Saisonspiele ab - die meisten seiner Kollegen aus dem Defensivverbund.

Caldirola begann als Torhüter

Rechtsverteidiger Giulio Donati, einer der Inter-Angestellten, durfte diese Saison 27 Mal ran. Die Spielzeit verlief für ihn aber höchst unbefriedigend, mit US Grosseto stieg Donati sang- und klanglos aus der Serie B ab. Zuvor liehen ihn die Nerazzurri an Lecce und Padova aus.

Die Innenverteidigung bilden Matteo Bianchetti und Luca Caldirola. Letzterer erlernte das Fußballspielen einst wie sein Vater als Torhüter, durchlief ab seinem achten Lebensjahr alle Jugendteams bei Inter und verbrachte das vergangene Jahr in Cesena und Brescia. Bianchetti dagegen ging im Januar aus Mailand weg, schloss sich Hellas Verona an und absolvierte dort lediglich sechs Saisonspiele. Einen Monat später folgte beim 1:0-Sieg über Deutschland das Debüt für die U 21.

Zum Vergleich: Hollands Viererkette vom Samstag hatte 123 Saisonspiele in der Eredivisie auf dem Buckel und in dieser Formation auch bereits in der A-Nationalmannschaft zusammengespielt.

Zeman-Effekt vor allem bei Insigne

Im Gegensatz zu den vier Abwehr-Jungs stellt Italien in der Offensive vier Spieler, die allesamt nicht nur eine tragende Rolle bei Erstligisten spielen, sondern deren Aufschwung ihrer noch jungen Karrieren auf einen gemeinsamen Nenner zurückzuführen ist: Trainerlegende Zdenek Zeman.

Zdenek Zemans Welt: Nikotin, Tore, Provokation

An Lorenzo Insignes Werdegang hat der Tscheche, der im Februar beim AS Rom vorzeitig entlassen wurde, wohl den größten Anteil. Als Insigne bei seinem Heimatverein SSC Neapel mehr und mehr stagnierte und auch ein Leihgeschäft mit Pro Cavese keine Besserung brachte, ging er mit 19 Jahren nach Foggia. Dort traf er auf Zeman, schoss plötzlich 19 Tore und bereitete kaum weniger vor.

Insigne folgte Zeman in die Serie B, als der Coach 2011 bei Delfino Pescara anheuerte. Dort stieß Insigne auf seine jetzigen Teamkollegen in der U 21, Marco Verratti und den von Juventus in die Abruzzen verliehenen Stürmer Ciro Immobile - alle drei waren damals noch in keiner Weise für höhere Aufgaben vorgesehen.

"Er hat mich wahnsinnig unterstützt"

Doch Zeman übertrug wie gewohnt sein ultra-offensives 4-3-3 auf das Team, ließ trainieren wie ein Berseker und sicherte dem Klub, der im Vorjahr als Liganeuling einen soliden 13. Rang belegte, den ersten Aufstieg in die Serie A seit 19 Jahren. 90 Tore und damit 27 mehr als der zweitbeste Sturm aus Reggina schoss Pescara, Insigne (18) und Immobile (28) steuerten 46 im Alleingang bei. Besonders bemerkenswert auch Immobiles Entwicklung unter Zeman, traf er doch das Tor in den beiden Spielzeiten zuvor ganze zwei Mal...

Verrattis Saison dagegen war so gut, dass ihn Carlo Ancelotti anschließend nach Paris holte und er mit einer Ablösesumme von rund zehn Millionen Euro zum teuersten Spieler mutierte, der jemals die Serie B verließ.

Der Vierte im Bunde der Zeman-Schüler ist Alessandro Florenzi, im rechten Mittelfeld beim AS Rom zu Hause. "Er hat mich wahnsinnig unterstützt. Allein nur durch die Tatsache, dass er mich wirklich hat spielen lassen. Für mich war er derjenige, der am meisten an mich geglaubt hat. Daher war es sowohl für den Verein, als auch für mich persönlich schon sehr schade, dass er entlassen wurde", sagt Florenzi im Gespräch mit SPOX über seinen Mentor.

Zemans Jungs: Nesta, Signori...

Florenzi war von der Roma an den FC Crotone ausgeliehen, als Zeman in Pescara coachte. Da fiel dem Italo-Tschechen der 22-Jährige auf, Florenzi schoss damals elf Saisontore. Also holte ihn Zeman sofort wieder in die Hauptstadt zurück und ließ ihn in 22 seiner 23 Ligaspiele teils auch anstelle von Daniele De Rossi auflaufen. Bereits im November stand Florenzi das erste Mal im Kader der A-Nationalelf.

Auch Insigne und Verratti schnupperten bereits bei Cesare Prandelli hinein. Doch niemand aus diesem Zeman-Quartett konnte bislang an die grandiose Form unter dem mittlerweile 66-jährigen Altmeister anknüpfen - auch wenn man dazu sagen muss, dass gerade junge Spieler häufiger Schwankungen unterliegen.

Doch ohne den Zeman-Effekt, der Italien bereits Größen wie Alessandro Nesta, Toto Schillaci, Giuseppe Signori oder Marco Delvecchio einbrachte, wären Insigne und Co. vielleicht für immer in den Niederungen des Calcio verschwunden.

Italien: Der EM-Kader der U 21 im Überblick

Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung