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Fussball

"Özil? Tasci haben wir mehr gebraucht!"

Von Interview: Fatih Demireli
Serdar Tasci und Mesut Özil hätten auch für die Türkei spielen können
© Getty

Erdal Keser ist der Chef des türkischen Verbands in Europa. Der frühere BVB-Profi leitet das Scoutingsystem. Dem 49-Jährigen hat es die Türkei zu verdanken, dass Spieler wie Hamit und Halil Altintop oder Nuri Sahin nicht für Deutschland spielen. Nach einer langen Pause ist Keser wieder im Amt. Im SPOX-Interview spricht der ehemalige Nationalspieler der Türkei über das Länderspiel und erklärt, warum die Türkei auf Serdar Tasci stand und nicht auf Mesut Özil.

SPOX: Herr Keser, das Gesprächsthema Nummer eins der Türken in Deutschland in diesen Tagen ist nicht schwer zu erraten. Alle reden vom Länderspiel Deutschland gegen die Türkei. Wie ist die Vorfreude bei Ihnen?

Erdal Keser: Die Spannung steigt von Tag zu Tag. Es war schon immer eine einzigartige Atmosphäre, wenn sich Deutschland und die Türkei gegenüber standen - auch in den Stadien. Meistens waren die Stadien zur Hälfte deutsch, zur Hälfte türkisch. Ich kann mich an das Spiel in München vor ein paar Jahren erinnern: 60, vielleicht sogar 70 Prozent der Zuschauer waren Türken. Das hat sogar mich überrascht - und auch die Deutschen.

SPOX: Steht jetzt Berlin vor einer Invasion?

Keser: Ich glaube schon. Ich weiß aber nicht, ob es wirklich so extrem sein wird, wie damals in München. Wir sind in ganz Europa immer sehr zahlreich vertreten. Ob wir in Deutschland, Belgien oder in der Schweiz spielen, spielt keine Rolle.

SPOX: Beide Mannschaften sind mit je zwei Siegen in die Qualifikation gestartet. Sie kennen beide Teams sehr gut. Was ist zu erwarten?

Keser: Das Spiel ist schon sehr richtungsweisend. Der Sieger in Berlin wird sich zum dritten Platz einen Abstand verschaffen, was nicht unwichtig ist. Die nächsten Aufgaben wird der Sieger sicher befreiter angehen als der Verlierer.

SPOX: Deutschland war bei der WM 2010 Halbfinalist und die Nachwehen des langen Turniers scheinen noch anzudauern. Stichwort: FC Bayern. Die Türkei war hingegen nicht dabei. Ist das ein Vorteil, weil die Mannschaft frischer ist?

Keser: Im Nachhinein wäre es mir lieber, wenn die Türkei auch dabei gewesen wäre. Diese Ausrede darf aber nicht zählen und die Türkei darf sich jetzt nicht sicher fühlen. Der FC Bayern ist auch im vergangenen Jahr schlecht gestartet.

SPOX: Was hat sich bei der Türkei getan, seit Guus Hiddink da ist?

Keser: Ich kann das aus der Ferne leider nicht genau sagen, aber Hiddink ist jedem in der Fußball-Welt ein Begriff. Wenn man die besten Trainer der Welt aufzählt, ist er immer dabei. Er hatte überall Erfolg und ich hoffe, er kann das in der Türkei fortsetzen.

SPOX: Nicht für die Türkei, sondern für Deutschland am Start ist Mesut Özil. Wie sehen Sie es als Privatmann aber auch als Verbandsfunktionär, dass Özil für Deutschland spielt?

Keser: Diese Spieler haben selbst entschieden - und das war ihr totales Recht. Wir haben uns ebenfalls bemüht, haben Mesut Özil und Serdar Tasci gefragt, ob sie für die Türkei spielen wollen. Die Entscheidung fiel nun mal für Deutschland aus. Wir haben das akzeptiert und ihnen viel Glück gewünscht. Bei dem einen war es wohl die richtige Entscheidung. Bei dem anderen bin ich der Meinung, dass es für ihn vielleicht besser gewesen wäre, sich für die Türkei zu entscheiden.

SPOX: Die Rede ist von Serdar Tasci.

Keser: Ja, er wäre in der Türkei in einer besseren Situation als beim DFB. Hier kommt er nicht zur Geltung und wir hätten ihn auf dieser Position vielmehr gebraucht als Mesut Özil. Der türkische Fußball hat genug Spielmacher-Typen. Dagegen haben wir im Defensivbereich Defizite. Und da hätten wir Serdar Tasci sehr gut gebrauchen können.

SPOX: Er wurde nun für das Türkei-Spiel nicht nominiert...

Keser: ...und auch bei der WM 2010 hatte es mich schon überrascht, dass ein Arne Friedrich, den man ja eher als rechter Verteidiger sieht, ihm vorgezogen wurde. Für Serdar war das sehr deprimierend. Das hat man ihm aus dem Gesicht ablesen können.

SPOX: In Ihrer ersten Amtszeit haben sich die Altintop-Brüder, Yildiray Bastürk oder Nuri Sahin für die Türkei entschieden. Jetzt geht es in die andere Richtung. Die Türkei steht seit Jahren mit dem DFB in einem Wettbewerb um die türkischen Talente in Deutschland. Aktuell scheint der DFB die Nase vorne zu haben, oder?

Keser: Wir arbeiten mit dem DFB eigentlich eher miteinander als gegeneinander.

SPOX: Wie kann man das verstehen?

Keser: Deutschland braucht ganz andere Typen als wir. Der DFB benötigt Spielmacher, Fummelkönige, von denen es in der Türkei eine Menge gibt. Diese Spielertypen aus Deutschland und Europa benötigen wir nicht. Wir brauchen dagegen die Spieler, die es in Deutschland wie Sand am Meer gibt: Abwehrspieler, defensive Mittelfeldspieler, robuste Zweikämpfer. Deutschland und wir stören uns gegenseitig eigentlich gar nicht.

SPOX: Das heißt, dass die Türkei Freiburgs Ömer Toprak für sich gewinnen will, aber einen talentierten Offensiven dafür nicht.

Keser: Ömer Toprak ist für uns ein sehr wichtiger Spieler. Wir bauen in Zukunft auf ihn und er hat auch schon geäußert, dass er gerne für uns spielen würde. Ich bin seit einem Jahr wieder im Amt und inzwischen ist es so, dass sich die meisten wieder für die Türkei entscheiden.

SPOX: Wie ist Ihr Verhältnis zum DFB?

Keser: Ich hatte schon immer sehr gute Kontakte zum DFB. Ob es die Ausbilder sind oder die Jugendtrainer, wir verstehen was vom Geschäft. Wenn ich erkenne, dass ein Spieler beim DFB besser aufgehoben ist, dann würde ich auch zurückziehen. Ich glaube, das gleiche würde der DFB auch tun. Im Endeffekt wollen wir doch nur gute Fußballer hervorbringen. Andernfalls schadet man ihnen nur.

SPOX: In der Türkei wird das Thema Staatsbürgerschaft vorgeschoben, wenn ein junger Türke sich für einen anderen Verband entscheidet. Wie sehr spielt das eine Rolle?

Keser: Die Jugendlichen haben ein gesetzliches Recht, die doppelte Staatsbürgerschaft bis zu ihrem 21. Lebensjahr zu behalten. Erst danach müssen sie entscheiden, welche sie behalten. Viele wissen von ihrem Recht aber nicht und geben unwissentlich ihren Pass ab. Das ist aber ein Problem, das wir nur in Deutschland haben. Alle anderen Länder in Europa erlauben die doppelte Staatsbürgerschaft - nur Deutschland nicht. Das ist sogar ein Thema für die EU.

SPOX: Welche Kriterien spielen dann eine Rolle bei der Entscheidung?

Keser: Es ist eine Frage des Gefühls. Wohin fühlt sich der Spieler hingezogen? Entscheidend ist auch, welcher Verband sich mehr um den Spieler bemüht. Wenn wir diese Leute nicht sichten, dann haben sie das Recht, woanders zu spielen. Viele sagen uns später: "Ich wollte für mein Vaterland spielen, aber ihr habt mich ja nie gefragt." Genau das dürfen wir uns nicht nachsagen lassen.

SPOX: Die Entscheidung ist dennoch nicht einfach. Viele sind hin- und hergerissen und reden in den deutschen Medien anders als beispielsweise in den türkischen Medien. Selbst ein Mesut Özil hat das gemacht.

Keser: Die Jungs haben ihr Herz natürlich geteilt. Man muss die Spieler verstehen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Und das ist nicht nur im Sport so, sondern auch im Alltag. Wer aber eine Entscheidung trifft, muss dahinter stehen. Wissen Sie, was mich nervt?

SPOX: Ich bin ganz Ohr...

Keser: Wenn ein Spieler ein Tor schießt, dann muss er sich auch freuen und keine Show abziehen und so tun, als wäre er traurig, ein Tor gegen sein Vaterland erzielt zu haben. Wie Lukas Podolski damals gegen Polen. Das sind scheinheilige Aktionen, die nicht zum Fußball gehören. Du entscheidest dich, schießt ein Tor, super - du darfst jubeln!

SPOX: Nuri Sahin ist derzeit wohl der formstärkste Bundesliga-Spieler. Bei Guus Hiddink sitzt er auf der Tribüne. Schreckt das einen jungen Türken nicht ab?

Keser: Ja, aber Nuri hat schon mit 17 in der A-Nationalmannschaft gespielt und ist schon seit fünf Jahren dabei. Manchmal denkt man, dass er ein alter Knacker ist, aber der Nuri ist erst 22 Jahre jung. Er wird noch eine sehr starke Zeit bei uns haben. Ich stimme zu, dass er in einer sehr guten Form ist, aber nur weil er ein oder zwei Mal nicht gespielt hat, heißt es nicht, dass er nie spielen wird. Er ist für uns ein sehr wichtiger Spieler - trotz seines jungen Alters.

SPOX: Dann führen wir das Beispiel Halil Altintop an. Gestandener Bundesliga-Spieler, spielt aber auch kaum eine Rolle. Auf der anderen Seite wechselt Mesut Özil zu Real Madrid, weil er für Deutschland stark aufspielt. Wenn ich 18 Jahre alt wäre und mich für eine Nationalmannschaft entscheiden müsste, würde ich jetzt grübeln.

Keser: Es gibt aber auch viele andere Beispiele. Ich denke an einen Erdal Kilicarslan, der damals beim FC Bayern gespielt hat und Rekord-Jugendnationalspieler beim DFB wurde. Ganz oben kam er aber nie zum Zuge. Bei der U 21 ist für viele Schluss.

SPOX: Baris Özbek hatte sich vor Monaten bei SPOX über den DFB beschwert, weil ihm ähnliches widerfahren ist.

Keser: Eben. Der Özbek wünscht sich lieber heute als morgen für die Türkei zu spielen. Seinen jungen Bruder, Ufuk Özbek, habe ich übrigens schon mit 16 Jahren zu unserem Verband gebracht. Warum hat er sich so entschieden? Weil ich mich um ihn gekümmert habe.

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