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Fussball

Jan Kirchhoff vom KFC Uerdingen im Interview: "Ich war sehr egoistisch und kein guter Teamkollege"

 

Gibt es Dinge, bei denen der heutige Jan Kirchhoff über die Naivität des jungen Jan Kirchhoff lachen könnte?

Kirchhoff: Natürlich. Ich schüttle auch teilweise den Kopf vor meinem früheren Ich, wie ich damals aufgetreten bin oder wie engstirnig ich war. Letztlich ist das aber auch normal, dass man sich manchmal erwischt und denkt: Mein Gott, was habe ich mir denn dabei gedacht?

Welche Fehler haben Sie als junger Spieler und Mensch gemacht?

Kirchhoff: Gerade im Fußballbereich wird man als junger Spieler mit vielen Sachen teils überfrachtet. Wenn man Glück hat, hat man ein geordnetes Elternhaus und einen anständigen Berater, die auf einen achtgeben. Doch welcher 20-Jährige ist denn bereit, Millionen zu verdienen und damit richtig umzugehen? Da kann schnell das Familiengefüge auseinanderfallen, wenn der Sohn plötzlich der Meistverdienende ist. Natürlich habe ich auch mal zu viel Geld ausgegeben oder falsche Freunde gehabt. Es bringt aber nichts, zurückzublicken und kostet nur Energie. Deshalb lasse ich es lieber. (lacht)

Waren Sie damals leicht im Umgang?

Kirchhoff: Ich war sehr meinungsstark und verkopft, was nicht immer von Vorteil war. Wenn ich jemanden vor mir hatte, von dem ich dachte, er weiß, wovon er redet, dann war ich sehr folgewillig und habe das gerne angenommen. Ich hatte aber immer meine eigene Meinung und bin deshalb auch mit mehreren Trainern aneinandergeraten. Ich war generell sehr fordernd, auch zu Mitspielern. Wenn ein 23-Jähriger seine Mitspieler anbrüllt, dann kann das auch Probleme geben und einen nicht nur auszeichnen.

Nach dem zweiten halben Jahr ohne Klub wechselten Sie im Januar 2019 zum 1. FC Magdeburg in die 2. Liga. Der FCM stieg ab und Sie konnten sich nicht auf eine Weiterbeschäftigung einigen. Hatten Sie die Befürchtung, dass es anschließend wieder so kommen könnte wie zuvor und Sie keinen Verein finden?

Kirchhoff: Der Kontakt nach Uerdingen war schon relativ früh da. Mir lag ein Angebot vor und ich wusste, dass ich das machen kann, wenn ich möchte. Ich bin heute sehr glücklich beim KFC, habe damals aber erst einmal darauf gehofft, einen Verein in der 2. Liga zu finden. Es gab auch Kontakte, aber es wurde nichts spruchreich. Ich bekam dann tatsächlich Angst, dass ich zu lange warte und mich plötzlich in derselben Situation wiederfinde. Hier habe ich jetzt Planungssicherheit und fühle mich auch außerhalb des Fußballs einfach wohl.

Wie gut fühlt es sich an, dort wieder richtig gebraucht zu werden?

Kirchhoff: Anerkennung und - vielleicht noch etwas übergeordneter - Liebe braucht jeder Mensch. Ich habe mich durch meine Karriere hinweg immer gebraucht gefühlt, weil ich auch regelmäßig gespielt habe, wenn ich gesund war. Ich fühlte mich nie ungerecht behandelt oder außen vor. Für mich ist es momentan toll, gesund zu sein und Fußball spielen zu können, aber auch andere Interessen zu verfolgen und den Weitblick zu haben, was nach der Karriere kommen soll. Ich habe aktuell das Gefühl, mein Leben in der Hand zu halten und es so steuern zu können, wie ich es möchte - ohne Opfer der Umstände zu sein.

War die zweite vereinslose Zeit schwerer oder einfacher für Sie?

Kirchhoff: Einfacher, denn ich wusste ja, was auf mich zukommen und wie es sich anfühlen würde. Natürlich war damals das Karriereende ein Thema, weil ich mich mit der Frage auseinandersetzen musste, ob ich überhaupt noch einmal etwas finde. Es war eine Option, in die USA zu gehen. Dort hatte ich schon Probetrainings absolviert und mir die Vereinsgelände angeschaut. Ich habe mir dann eine Deadline gesetzt und gesagt, wenn bis Dezember nichts für das Januar-Transferfenster kommt, dann war's das. Dann hat zum Glück Magdeburg angerufen. Ich war aber immer irgendwie im Dunstkreis des Profifußballs. Der Kontakt ist nie abgerissen, so dass ich nicht das Gefühl hatte, es meldet sich gar niemand mehr.

Nur mal in der Theorie: Was hätten Sie denn mit sich angefangen, wenn Magdeburg nicht gekommen wäre?

Kirchhoff: Die erste Maßnahme wäre gewesen, ein Zuhause zu finden. Das hört sich komisch an, aber darum wäre es erst einmal wirklich gegangen. Ich habe meine Frau in England kennengelernt, sie studiert jetzt in München. Dort wollen wir auch nach der Karriere wohnen. Daher ging es bei meinem letzten Wechsel auch darum, eine gute Verbindung nach München zu haben. Zudem ist für mich seit langer Zeit klar, dass ich im Fußball bleiben und eine Laufbahn als Trainer einschlagen möchte. Ich will die Trainerscheine machen, im Jugendfußball beginnen und parallel dazu studieren. Ich weiß noch nicht genau was, aber rein aus Eitelkeit möchte ich den Bachelor-Abschluss machen. (lacht) Das ist mein Fünfjahresplan.

Mit der Trainerlaufbahn haben Sie ja bereits begonnen.

Kirchhoff: Richtig. Ich habe beim KFC in der Jugendabteilung gefragt, ob jemand Hilfe braucht. Dmitry Voronov, der sportliche Leiter, war zugleich Trainer der U14 und suchte noch einen Co-Trainer. Da habe ich direkt zugesagt. Im Dezember ist dann unser U17-Trainer zum Verband gewechselt, Dmitry hat die Position übernommen und jetzt betreuen wir zusammen die U14 und die U17. Ich möchte einfach ein Gefühl für diesen Job bekommen.

Und, wie ist es?

Kirchhoff: Teilweise macht es mehr Spaß, als selbst zu trainieren. (lacht) Ich spüre eine große Begeisterung und Energie. Ich darf das Training vorbereiten, gestalten und kann mich austoben. Es ist wirklich toll. Wenn ich es schaffe, stehe ich bei sechs bis acht Einheiten mit auf dem Platz. Bislang war ich zweimal bei den Spielen dabei, das geht leider nur sehr sporadisch.

Wenn Sie diesen Gedanken schon seit längerer Zeit in sich tragen: Haben Sie sich im Laufe Ihrer Karriere auch Notizen der Trainingsinhalte Ihrer Trainer gemacht wie zum Beispiel Nuri Sahin, der denselben Weg einschlagen möchte?

Kirchhoff: Teils schon, am meisten aber erst im Nachhinein. Als ich unter Thomas Tuchel und Pep Guardiola spielte, war ich vielleicht noch etwas zu jung. Ich erinnere mich aber an viele Inhalte, weil sie so intensiv und prägend waren, dass sie in Fleisch und Blut übergegangen sind. Meiner Erfahrung nach geht es nicht um das bloße Repertoire an Übungen, sondern man muss bei ihrer Anwendung schauen, was beispielsweise Ballbesitzbegrenzungen oder Spielfeldverkleinerungen wirklich verändern. Das dann auch coachen zu können ist letztlich wie alles im Leben Übungssache.

Hat sich unter Tuchel und Guardiola Ihr Interesse an Taktik und anderen fußballspezifischen Zusammenhängen vergrößert?

Kirchhoff: Klar, das ging bereits bei Thomas los. Er wurde mein A-Jugendtrainer zu der Zeit, als ich bereits Jugendnationalspieler war. Dann kam Thomas und auf einmal wurde ich innerhalb einer Sommervorbereitung so viel besser. Ich wusste immer, wie ich verteidigen soll oder wie wir Druck auf den Ball bekommen. Er ist ein unglaublich guter Analytiker. Ohne ihn wären wir niemals in der Lage gewesen, Bundesliga zu spielen. Er war der entscheidende Faktor, warum wir in der Liga geblieben sind und weshalb Mainz 05 wachsen konnte. Das war uns damals auch bewusst. Wir wussten: Wenn er nicht mehr hier sein sollte, dann wird es richtig eng.

Da Sie vorher ansprachen, mit Trainer aneinandergeraten zu sein - wie lief's diesbezüglich mit Tuchel?

Kirchhoff: Wir hatten unsere Auseinandersetzungen, uns gegenseitig aber sehr wertgeschätzt, so dass es nie persönlich wurde. Als ich dann in München unterschrieben hatte, war das letzte halbe Jahr nicht so einfach, auch nicht im Verein und in der Mannschaft. Damals habe ich viele Fehler gemacht. Ich war sehr egoistisch und kein ganz so guter Teamkollege, weil es in meinem Kopf einfach nur um mich ging und alles andere hintenanstand.

Hatte Sie das Angebot des FC Bayern 2013 eigentlich überrascht?

Kirchhoff: Nein, ich habe es sogar erwartet. Dass es Bayern München sein wird, vielleicht nicht so sehr, aber ich war ablösefrei, U21-Nationalspieler und habe guten Fußball gespielt. Ich konnte es mir im Grunde aussuchen, wohin ich wechseln möchte. Im Dezember rief mich dann mein Berater Roger Wittmann an. Er meinte, bei den Bayern wird es einen Trainerwechsel geben, sie suchen einen spielstarken Innenverteidiger und ob ich mir das ohne irgendwelche Garantien vorstellen könne. Ich wusste nicht, wer der neue Trainer sein wird.

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