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Fussball

DFB-Elf: Die fatalen Folgen der "Bierhoffisierung" des deutschen Fußballs

Hatte sein Wirken negative Auswirkungen auf die Nationalmannschaft? Neben Bundestrainer Joachim Löw steht auch Manager Oliver Bierhoff in der Kritik.

Nach dem Debakel gegen Spanien steht Bundestrainer Joachim Löw massiv in der Kritik. Doch genauso viel Verantwortung für die Fehlentwicklungen der jüngeren Vergangenheit trägt sein treuester Weggefährte. Die Fußball-Kolumne.

Als der deutsche Fußball im Sommer 2004 am Boden lag, da gehörte Oliver Bierhoff zu den Gesichtern des Aufbruchs. Zusammen mit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw trat der Ex-Nationalspieler nur ein Jahr nach seinem Karriereende die schwere Aufgabe an, den deutschen Fußball wieder zurück in die Weltspitze zu führen.

Bierhoff, der erste Nationalmannschaftsmanager der Geschichte des Verbandes, optimierte die Reiselogistik, den Betreuerstab, die Medienarbeit und das Marketing, hatte aber auch in sportlichen Fragen ein großes Mitspracherecht.

Allerdings führte die Arbeit des ehemaligen DFB-Kapitäns auch immer mehr zu einer Entkoppelung der Mannschaft von Fans und Öffentlichkeit.

Schon nach dem Aus im EM-Halbfinale 2016 schrieb der Spiegel, diese Entfremdung habe "mehr als gedacht mit der 'Bierhoffisierung' des deutschen Fußballs zu tun, dieses Glattbügeln, Disziplinieren und Entemotionalisieren von allem, was irgendwie noch einen Hauch von Authentizität und Echtheit ausstrahlt. Und was die Inszenierung stören könnte".

DFB-Team: Oliver Bierhoff - Gut gemeint ist nicht immer gut

Richtig heftig wurde der Gegenwind dann nach der WM-Blamage 2018, als Bierhoff ebenso wie Löw reumütig Besserung gelobte und den enttäuschten Anhängern einige öffentliche Trainingseinheiten spendierte. Dass die Corona-Pandemie diese neue Nähe zur Nationalelf komplett hinfällig machte, passt gleichwohl ins Bild der vergangenen zwei Jahre.

Denn fast alles, was Bierhoff zuletzt anpackte, ging irgendwie schief. Etwa der ökologisch komplett sinnfreie 200-Kilometer-Flug des Nationalteams im September zwischen Stuttgart und Basel. Diesen würde er heute nicht mehr machen, sagt Bierhoff inzwischen, es sei ihm nur um die optimale Behandlung der Spieler gegangen.

Gut gemeint ist aber nicht immer gut gemacht. Das haben die vergangenen zwei Wochen exemplarisch gezeigt, in denen sich fast alle gut gemeinten Botschaften Bierhoffs in ihr Gegenteil verkehrten.

So beschwerte er sich auf der ersten Pressekonferenz über die "dunklen Wolken" über der Nationalmannschaft, die nach dem 0:6-Desaster in Spanien sogar zu einem veritablen Orkansturm geworden sind. Oder "Regenmacher" Bierhoff erklärte in einem Interview, man habe das Zeug zum EM-Titel - was ihm nach dem verpatzten Härtetest in Sevilla nun hämisch als Realitätsverlust vorgehalten wird.

Am gravierendsten aber war die von ihm angestoßene Debatte um den Bundestrainer vor (!) dem Spanien-Spiel. "Natürlich weiß auch Jogi, dass er jetzt einen gewissen Kredit verspielt hat und dass er da Ergebnisse bringen muss", sagte Bierhoff der FAZ. "Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit."

Löw in der Kritik: "Komplettversagen der Führung"

Diese bis Dienstag viel diskutierte Jobgarantie auf Zeit ist nach der höchsten DFB-Niederlage seit 89 Jahren allerdings bereits hinfällig, denn nach der Schmach gegen die Spanier steht Löw massiv in der Kritik und wird selbst von ihm lange wohl gesonnenen Medien zum Rücktritt aufgefordert.

In allen Umfragen spricht sich auch die übergroße Mehrheit der Befragten für eine sofortige Trennung vom "ewigen" Bundestrainer aus und sogar in der Liga hört man hinter vorgehaltener Hand wenig Schmeichelhaftes. So spricht etwa ein erfolgreicher früherer Bundesliga-Trainer von einem "Komplettversagen der gesamten sportlichen Führung".

Größtmöglicher Schaden für den deutschen Fußball

Doch nicht nur auf dem Platz hat die Nationalmannschaft in der Länderspielpause den beinahe größtmöglichen Schaden für den deutschen Fußball produziert. Auch die unkontrollierte Ausbreitung von Corona-Infektionen bei fast allen Nationalteams auf ihren weltweiten Reisen hat die Bundesliga in die Bredouille gebracht.

DFL-Boss Christian Seifert bezeichnete die Abstellungen in der Pandemie daher im kicker als unakzeptabel für die nationalen Ligen. "Es sollte Einigkeit darüber herrschen, dass Länderspiel-Reisen nicht den Spielbetrieb im gesamten Profifußball gefährden dürfen", schrieb Seifert, obwohl er selbst Mitglied im DFB-Präsidium ist.

Doch Seifert weiß, dass gerade die Kritiker nicht unterscheiden zwischen erfolgreichem Hygienekonzept im Liga-Alltag und dem Corona-Desaster bei Länderspielen, sondern Vorfälle wie bei der deutschen Nations-League-Partie gegen die Ukraine als weiteren Beleg für die generelle Abgehobenheit des gesamten Profigeschäfts sehen.

Das Spiel am Samstag in Leipzig hatte bekanntlich trotz der Infektionswelle bei den Gästen, stattgefunden. Als bei den Ukrainern nachträglich sogar zwei aktiv Corona-infizierte Spieler auf dem Spielfeld nachgewiesen wurden, zeigte sich Löw überrascht. Als ob es Corona erst seit gestern gäbe.

DFB versteckt sich hinter Gesundheitsämtern und TV-Verträgen

Doch der DFB hätte als Gastgeber die Macht und den Einfluss gehabt, dieses Spiel mit dem Feuer zu unterbinden, im Zweifel sogar auf Kosten einer Niederlage am grünen Tisch. Doch offensichtlich fehlt dort das generelle Verständnis, dass solche Entscheidungen das ohnehin arg ramponierte Image des Verbandes noch weiter nach unten ziehen.

Das zeigte die nachgeschobene offizielle Erklärung, in der sich der DFB hinter der Zuständigkeit der Gesundheitsämter und gültigen Verträgen mit TV-Sendern versteckte. Formal richtig, aber arg technokratisch und drückebergerisch.

Auch wenn Bierhoff in der Erklärung nicht explizit zu Wort kommt, so trägt er auch hier Mitverantwortung. Denn sein Aufgabengebiet hat sich im Verlauf der vergangenen Jahre sukzessive erweitert und in der neuen DFB-Struktur ist er als "Superminister" einer von zwei Vorständen neben Generalsekretär Friedrich Curtius.

Letzterer ist allerdings politisch aufgrund seines Zerwürfnisses mit Präsident Fritz Keller geschwächt und obendrein nach einem Sturz von einer Leiter seit nunmehr sechs Wochen krankgeschrieben.

Bierhoff ist also aktuell der mächtigste Hauptamtliche im mit über sieben Millionen Mitgliedern größten Fachverband der Welt. Dadurch steht der Direktor Nationalmannschaften und Akademie aber mindestens für alles Sportliche in der Mithaftung, von den explodierenden Kosten des Akademie-Neubaus (150 Millionen statt ursprünglich 77 Millionen Euro) über die anhaltende Negativentwicklung im Nachwuchsbereich bis eben hin zum Absturz der Nationalmannschaft.

DFB-Team: Wer kontrolliert und korrigiert Jogi Löw?

Ein riesiges Aufgabenfeld, weshalb Kritiker inzwischen Bierhoffs permanente Anwesenheit bei Länderspielen hinterfragen, schließlich habe er doch eigentlich in der Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise mehr als genug zu tun. Gleichzeitig sei er aber so beschäftigt mit all seinen Verpflichtungen, dass niemand mehr Löws Arbeit wirklich kontrolliere und korrigiere.

Auch jetzt rechnen Beobachter damit, dass sich der Bundestrainer wie schon in der Vergangenheit monatelang aus der Öffentlichkeit zurückziehen und die Krise einfach aussitzen werde. "Zurück zur Austern-Strategie", nannte das die Süddeutsche Zeitung.

Dass es wohl doch nicht dazu kommt, liegt nicht am eigentlich für die Bundestrainer-Personalie zuständigen Bierhoff, der Löw schon unmittelbar nach dem Abpfiff in Spanien sein vollstes Vertrauen aussprach.

Vielmehr will die Mehrheit im 19-köpfigen DFB-Präsidium, dass sich am Freitag zu einer Telefonkonferenz zusammenschaltete, vom Bundestrainer zeitnah eine detaillierte und nachvollziehbare Analyse für die Probleme der Nationalmannschaft vorgelegt bekommen.

Diese soll Bierhoff nach Angaben der Bild am 4. Dezember bei der nächsten Sitzung präsentieren und außerdem die "Löw-Krise" stellvertretend erklären. Dafür soll er sich schon in den kommenden Tagen mit der sportlichen Führung um den Bundestrainer treffen.

Ähnliches geschah schon nach dem historischen WM-Vorrundenaus vor zwei Jahren, danach durfte Löw weitermachen. So dürfte es auch diesmal ausgehen, da ein gutes halbes Jahr vor der EM-Endrunde mit der Gruppenphase im eigenen Land Zeit und Alternativen fehlen. Allerdings: "Einen Freifahrtschein für Jogi Löw gibt es nicht", zitiert die Bild einen Zeilnehmer der DFB-Sitzung.

DFB-Elf: Für Ralf Rangnick müsste Bierhoff Macht abgeben

Als einzig prominenter Kandidat anstelle von Löw stünde Ralf Rangnick zur Verfügung und wäre angeblich auch interessiert. Allerdings würde der Ex-Sportchef von Hoffenheim und RB Leipzig wohl tatsächlich auf einen kompletten Neuanfang drängen und von Bierhoff die alleinige sportliche Kompetenz im Bereich der DFB-Auswahl einfordern.

Unwahrscheinlich, dass der dazu bereit wäre, Macht abzugeben und in den Hintergrund zu rücken. Lieber bindet Bierhoff offenbar sein Schicksal an Löw, auch wenn er trotz Vertrags bis 2024 damit Gefahr läuft, bei einem frühzeitigen Scheitern bei der EM zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten den DFB verlassen zu müssen.

Doch vielleicht öffnet sich ja in dem Fall eine Hintertür. Denn nach Ansicht der Frankfurter Rundschau wäre Bierhoff "mit seinem Netzwerk sicher auch kein schlechter Mann als Nachfolger für DFL-Boss Christian Seifert".

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