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Fussball

Benedikt Höwedes: Der unwahrscheinlichste Weltmeister

Benedikt Höwedes mit dem WM-Pokal im Maracana-Stadion.

Den größten Erfolg seiner nun beendeten Karriere feierte Benedikt Höwedes bei der WM 2014. Als viel kritisierte Notlösung auf einer Position, die er zuvor kaum gespielt hatte.

Am 20. März 2014 war die WM-Teilnahme für Benedikt Höwedes ganz weit weg. "Es geht ihm beschissen", sagte Schalke-Coach Jens Keller. "Er will mit zur Weltmeisterschaft und hat dann innerhalb kürzester Zeit drei Muskelverletzungen."

Wegen zweier Muskelfaserrisse war Höwedes fast den gesamten Dezember ausgefallen und dann nochmal knapp drei Wochen bis Ende Februar. Nur rund einen Monat später erlitt der S04-Kapitän die schwerste Blessur, einen Muskelbündelriss. Prognostizierte Ausfalldauer: Mindestens sechs Wochen.

Wenig bis nichts sprach zu diesem Zeitpunkt dafür, dass Höwedes noch den Sprung in den WM-Kader schaffen würde, zumal Joachim Löw Fitness zur Grundvoraussetzung für eine Mitreise nach Brasilien gemacht hatte. Doch der damals 26-Jährige engagierte einen Privattrainer und kämpfte sich wieder heran, so dass er am letzten Bundesligaspieltag immerhin mit einem Kurzeinsatz belohnt wurde.

Genug für Löw, der ihn in sein vorläufiges, 30 Mann starkes Aufgebot berief. Doch bis zur Reduzierung auf 23 Mann Anfang Juni galt Höwedes als einer der ersten Streichkandidaten. "Ich hatte diese Gedanken nie", sagte Höwedes später, denn er habe im Trainingslager "alles aus sich herausgeholt". Am Ende schaffte der flexibel einsetzbare Defensivspieler den Sprung, obwohl auf seiner Position im Abwehrzentrum Mats Hummels, Jerome Boateng und Per Mertesacker klar die Nase vorne hatten.

Benedikt Höwedes: Jogi Löws Notlösung wird zum Masterplan

Doch der Bundestrainer hatte einen anderen Plan, den er im letzten WM-Testspiel beim 6:1 gegen Armenien der staunenden Öffentlichkeit präsentierte: Nachdem er die nominellen Linksverteidiger Marcel Schmelzer und Marcell Jansen schon vorher aussortiert hatte, setzte er auch die erwarteten Alternativen Erik Durm und Kevin Großkreutz auf die Bank. "Ich kann mir linke Verteidiger nicht schnitzen", hatte Löw schon Ende 2012 seine Skepsis deutlich gemacht.

Daher entschied er nach intensiven Diskussionen mit seinem Trainerstab und Chefscout Urs Siegenthaler, auch aufgrund der klimatischen Verhältnisse in Brasilien, den Schwerpunkt auf eine stabile Viererkette zu legen. Bis zum Achtelfinale setzte er auf die so genannte "Ochsenabwehr" mit gleich vier gelernten Innenverteidigern: Hummels und Mertesacker zentral, Boateng rechts und Höwedes auf der von ihm zuvor nur als Notnagel bei Schalke bespielten linken Seite.

"Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich meine größten Qualitäten als Innenverteidiger habe. Ich spiele auf einer Position, die ich nicht gelernt habe. Und trotzdem glaube ich, helfe ich der Mannschaft da schon weiter mit meiner defensiven Präsenz", meinte Höwedes, der aber auch zugab: "Ich habe Zeit gebraucht, um mich hineinzufinden."

Magaths Generalkritik an Höwedes: "Schwachpunkt"

Vor allem beim 2:2 gegen Ghana offenbarte er deutliche Probleme, weshalb ausgerechnet sein einstiger Trainer Felix Magath nach der Vorrunde zur Generalkritik ausholte. "Ein Schwachpunkt in unserem Spiel bleibt Benedikt Höwedes als linker Außenverteidiger. Von ihm, der als Fußballer keinen linken Fuß hat, werden in der Offensive keine Impulse kommen", erklärte er in seiner WM-Kolumne für das Hamburger Abendblatt. Daher riet Magath Löw dringend dazu, Höwedes aus der Startelf zu nehmen: "In den anstehenden K.o.-Spielen gegen weit stärkere Gegner werden wir dadurch ausrechenbar, weil uns in der Offensive eine zusätzliche Option fehlt. Das kann ein Problem werden."

Der U-21-Europameister von 2009 reagierte gelassen auf die verbale Breitseite aus der Heimat. "Dass mich sogenannte Experten oder auch Ex-Trainer kritisieren, lässt mich relativ kalt", erklärte er. "Für mich zählt allein das Vertrauen des Bundestrainers. Und angesichts dessen, angeblich ein Schwachpunkt zu sein, ist es dann ja nicht so schlecht gelaufen."

Zumal es Magath gewesen war, der Höwedes in seiner Zeit als Schalke-Coach von 2009 bis 2011 wegen der Konkurrenten Heiko Westermann, Marcelo Bordon und Carlos Zambrano immer wieder auf der Außenbahn verschoben hatte und ihn eigentlich sogar nach der ersten Saison für entbehrlich hielt. Die Ablöse von zehn Millionen Euro war mit dem VfL Wolfsburg bereits ausgehandelt, als Magath aufgrund der Verletzungen von Westermann und Zambrano doch noch einen Rückzieher machte.

Beckenbauers Lob: "Höwedes hat mir am meisten imponiert"

So wenig sich der aus der Knappenschmiede stammende Höwedes damals von Magaths teilweise höchst umstrittener Personalführung aus der Bahn bringen ließ, so wenig nahm er sich dessen vernichtendes Urteil zu Herzen. Vielmehr stabilisierte sich der Mann mit der klassischen Manndecker-Rückennummer 4 in den entscheidenden Partien auf höchstem Niveau, agierte fast fehlerlos und hielt vor allem dem in der Rückwärtsbewegung nicht sonderlich aktiven Mesut Özil auf der linken Flanke den Rücken frei. Neben Spielführer Phillip Lahm bestritt Höwedes als einziger deutscher Feldspieler bei der WM sämtliche Spielminuten, so dass sich ein noch renommierter Experte zu höchstem Lob veranlasst sah. "Wer mir am meisten imponiert hat, war Benedikt Höwedes, der auf einer für ihn völlig fremden Position gespielt hat. Das hat er mit Bravour bewältigt", sagte Franz Beckenbauer.

Am Ende durfte Höwedes wie der Kaiser den WM-Pokal in die Höhe strecken, allerdings erst nach einem dramatischen Finale gegen Argentinien. Unmittelbar vor der Pause wäre der Verteidiger sogar beinahe zum Matchwinner geworden, sein Kopfball nach einer Ecke von Toni Kroos traf aber nur den Pfosten. Stattdessen erzielte Mario Götze kurz vor Schluss das Siegtor - für Höwedes einer der emotionalsten Momente seiner jetzt beendeten Karriere.

"Mir schossen sofort die Tränen in die Augen", berichtete er später. "Ich musste mich zusammenreißen, dass ich nicht total in Tränen ausbreche und zu heulen anfange. Zum Glück war ich schnell bei den anderen, da konnte ich mich verstecken."

Der Triumph von Rio war für Höwedes die Krönung einer Entwicklung, die bis kurz vor der WM völlig unwahrscheinlich war und die Belohnung dafür, dass er die einzige echte Leerstelle in der deutschen Mannschaft, die auch bis heute nicht wirklich gefüllt ist, als Aushilfs-Linksverteidiger herausragend ausgefüllt hatte.

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