Fussball

Robin Dutt: Meine neue Welt

Von Interview: Stefan Rommel
Robin Dutt trat die Nachfolge von Matthias Sammer an
© Getty

 

SPOX: Kommen wir zu Ihrem neuen Tätigkeitsfeld. Ist es für Sie einfacher, schon bestehende, funktionierende Strukturen zu verbessern als etwas Neues aufzubauen, wo nichts oder nur wenig vorgegeben ist?

Dutt: Das kann man pauschal nicht beantworten. Wenn Dinge zu großen Teilen der eigenen Philosophie entsprechen, ist es sicherlich einfacher. Wenn man aber feststellen muss, dass die vorhandenen Standards und Strukturen nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen, wird es problematisch. Aber beim DFB sind die Teilgebiete so breit gefächert, dass es genügend Spielfelder gibt, in denen man die eigenen Ideen ausleben kann. Und andere, die man dankbar als bestellt ansehen kann.

SPOX: Welche sind das?

Dutt: In der Trainer- und Fußballlehrerausbildung gab es erst vor wenigen Jahren eine tiefgreifende Reform. Das muss man nicht als erste Baustelle anfassen, hier besteht derzeit kein Optimierungsbedarf.

SPOX: Und welche Spielfelder haben Sie für Ihre Ideen ausgemacht?

Dutt: Ich bin noch in der Bestandsaufnahme, aber bis zum Jahresende habe ich mir die fußball-inhaltliche Arbeit zur Aufgabe gemacht. Das hat sich letztlich auch nach einem Telefonat mit Matthias Sammer ergeben. Hier gilt es, Dinge auf den Prüfstand zu bringen und zu aktualisieren. Bevor wir über alles andere sprechen, müssen wir über Fußballinhalte sprechen. Die Spielauffassung in den U-Mannschaften muss so sein, dass von unten bis oben zur A-Nationalmannschaft alles aufeinander aufbaut.

SPOX: Wie definieren Sie dabei Ihre Aufgabe?

Dutt: Ich bin zuständig für die Steuerung der Cheftrainer. Aus unseren Trainersitzungen muss sich der Fußball entwickeln. Da müssen wir Altbewährtes nochmal bestätigen und neue Methoden entwickeln. Und das kommt dann von allen, nicht nur von mir. Es wird nicht so sein, dass die U-Mannschaften in Zukunft ein Robin-Dutt-Training abhalten. Meine Aufgabe ist es, das Wissen unserer Experten aus den verschiedenen Teilbereichen zu bündeln und in ein einheitliches Konzept zu bringen.

SPOX: Hockey-Nationaltrainer Markus Weise hat in der "FAZ" ein bemerkenswertes Interview gegeben.

Dutt: Das habe ich gelesen.

SPOX: Darin fordert er unter anderem "Sport als Staatsangelegenheit". Sie repräsentieren den größten Sportverband Deutschlands in gewichtiger Position. Ist es demnach auch Ihre Aufgabe, so eine Forderung in Ihrer Funktion als Politiker zu unterstützen?

Dutt: Da kann es keine zwei Meinungen geben und ich kann diese These nur hundertprozentig unterschreiben. Man hätte schon zu meiner Schulzeit das Fach Sport aufwerten und dafür das eine oder andere Fach etwas kleiner halten können. Das hätte unter Umständen mehr Nutzen gehabt. Der Sport spielt gesellschaftlich und in der Persönlichkeitsentwicklung eine große Rolle. Eine größere noch als früher. Unsere Kinder sind bewegungsärmer geworden, es gibt zu viele "Indoor-Freizeitaktivitäten". Der DFB hat da sehr viele gute Projekte und Ideen am Laufen.

SPOX: Welche?

Dutt: Es gibt zum Beispiel die Idee der Juniorcoaches an Schulen. Das sind Schüler aus älteren Jahrgängen, die eine Basisausbildung bekommen und mit Kindern dann Fußball spielt. Spielen, nicht unterrichten! So wird das Alibi des Lehrkraftmangels außer Kraft gesetzt. Es gibt ein paar interessante Ansätze des DFB, die weiter verfolgt werden.

SPOX: Es gibt eine Ausbildung für Spieler und für Trainer. Aber keine für Sportdirektoren. Dabei ist das einer der wichtigsten Posten in einem Verein oder Verband.

Dutt: Ich kann nicht beantworten, warum es keine Ausbildung dafür gibt. Vermutlich, weil es den Job an sich erst später gab und weil es den Sportdirektor auch nicht in jedem Land gibt. In England zum Beispiel ist der Trainer auch Sportdirektor. Es stellt sich die Frage, was wir ausbilden wollen und was gefordert ist. Der eine Klub benötigt einen Betriebswirt, der andere eine Art Trainerkompetenz auf der Position. Es dürfte schwierig sein, Ausbildungsinhalte zu definieren. Dafür sind die Aufgabenprofile zu individuell. Der Sportdirektor beim DFB wird immer ein anderes Aufgabenfeld haben als der im Verein.

SPOX: Und wie der Job letztlich genannt wird, ist auch egal?

Dutt: Das ist egal. Allerdings gibt man durch den Zusatz "Direktor" dem Ganzen eine gewisse Wertigkeit, die helfen kann, verschlossene Türen zu öffnen.

SPOX: Der DFB hat 366 Stützpunkte oder Leistungszentren über das ganze Land verteilt. Und trotzdem schlüpfen immer mal wieder Spieler durch, wie etwa Philipp Wollscheid, der eher zufällig den Sprung aus der vierten Liga in die Bundesliga geschafft hat oder Oliver Sorg, der jetzt in der U 21 spielt, davor aber kein einziges U-Spiel gemacht hat. Wie kann das passieren?

Dutt: Wir haben neulich mit der U 21 gegen Bosnien-Herzegowina 4:4 gespielt. Bosnien-Herzegowina hat zirka 4,5 Millionen Einwohner, Deutschland über 80 Millionen. Wir haben 26 oder 27 Stützpunktkoordinatoren. Teilen wir diese 80 Millionen jetzt dadurch, kommen wir pro Stützpunktkoordinator auf rund drei Millionen. Das bedeutet: Jeder Stützpunkt hat fast so viel Potenzial wie das gesamte Land Bosnien-Herzegowina. Wenn wir nur diese Talente zur Verfügung haben, schaffen wir es, dass sie gegen Deutschland 4:4 spielen. Wenn man aber so einen Luxus an Talenten besitzt wie wir, wird die Messlatte ungeheuer hoch angelegt. Erfüllt dann einer mal die Anforderungen nicht, fällt er aus dem Raster. Das heißt im Umkehrschluss: Es gibt nicht den einen klassischen Stil, auf dem man hoch kommt bis zur A-Nationalmannschaft. Sondern wir akzeptieren auch, dass es andere Werdegänge gibt. Den vom Musterschüler über den, der aus dem Leistungszentrum kommt, bis hin zum Quereinsteiger.

SPOX: Was ist die Schlussfolgerung daraus?

Dutt: Wir müssen jedem Stützpunktkoordinator klarmachen: "Nur du hast diese Talente. Aus denen müssen wir in zehn Jahren eine A-Nationalmannschaft stellen. Es reicht nicht, wenn du einen rausbringst. Du musst elf Nationalspieler formen!"

SPOX: Damit wird die Spitze noch weiter nach oben getrieben.

Dutt: Und wer sagt, wann die Spitze erreicht ist? Das schwierigste an der Talentförderung ist die Talentprognose. Wer kann heute schon sagen, was aus dem 14-Jährigen morgen wird? Es ist unwahrscheinlich schwierig, dass da gar keiner auch mal durchs Raster fällt. Es gibt kein Patentrezept. Das einzige, was man immer wieder sagen kann, ist: "Bilde so aus, als würden deine Spieler morgen in der A-Nationalmannschaft auflaufen."

SPOX: Verfolgen Sie, um diese Förderung zu gewährleisten, eine einheitliche Linie in Bezug auf die U-Trainer-Steuerung, sprich: Soll ein Trainer immer einer U-Mannschaft zugeteilt sein oder soll er mit einer Mannschaft mitlaufen, sie also beispielsweise von der U 15 bis zur U 17 betreuen?

Dutt: Das war eins der Themen, die wir besprochen haben. Meine feste Meinung ist, dass man das nicht pauschalisieren kann. Das müssen wir von Fall zu Fall entscheiden, ob ein Trainer eine Mannschaft abgibt oder mit ihr in die nächste Altersstufe wechselt. Das müssen wir von Mannschaft zu Mannschaft und von Jahr zu Jahr immer wieder neu überprüfen.

SPOX: Was in der Evaluierung aber mit erheblichem Aufwand verbunden sein wird.

Dutt: Das ist eine Sache, bei der ich nicht kompromissbereit bin: Guten Fußball erreicht man nur durch großen Aufwand. Auf und neben dem Platz. Wem der Aufwand zu groß ist, der hat in diesem Geschäft nichts zu suchen. Man muss fleißig sein und vielleicht auch unbequem, Dinge auch noch ein drittes Mal hinterfragen. Auch wenn es Zeit und Nerven kostet.

SPOX: Auf welches Teilgebiet der Ausbildung sollte man in naher Zukunft den Fokus legen?

Dutt: Man sollte auf gar keinen Fall nur eine Sache rauspicken. Der Fußball wird immer beeinflusst durch die vier großen Bausteine Taktik, Athletik, Technik und Persönlichkeit. Sobald wir einen Bereich zu sehr akzentuieren, werden wir einen anderen vernachlässigen müssen. Deutschland gehört auch deshalb zu den Positionen eins bis vier auf der Welt, weil wir in allen Bereichen ausbilden und darin auch gut sind. Spanien ist in jedem Bereich vielleicht noch einen Tick besser, weil sie zehn Jahre früher damit angefangen haben, diesen Stil zu entwickeln.

SPOX: Früher gab es noch deutsche Mannschaften, die fast ausschließlich dank Athletik und Kampf weit gekommen sind bei Turnieren.

Dutt: Das alleine reicht nicht mehr. Wir können nicht alles auf den Kampf konzentrieren, dann merken, dass es nicht genügt und plötzlich nur noch an der Technikausbildung feilen und dann wiederum feststellen, dass wir auf einmal zu viele Gegentore bekommen. Dann also wieder: Abwehrarbeit verstärken! Und plötzlich schießen wir keine Tore mehr... Wir müssen ausgewogen arbeiten.

SPOX: In den Niederlanden teilen sich einige Amateurklubs die Nachwuchszentren, weil der Unterhalt für einen einzelnen Verein schlicht zu teuer ist. Ist das auch ein denkbares Modell für den deutschen Mittelstand, die Regionalligen oder Oberligen?

Dutt: Wir sollten das Verbundsystem weiter stärken. Da gibt es den Verein, den DFB-Stützpunkt und den Landesverband, die im Verbund zusammenarbeiten. Idealerweise haben die Vereine dann auch noch Partnervereine. Dann kann zum Beispiel ein Spieler aus Ravensburg einmal pro Woche beim Training in Freiburg teilnehmen, obwohl er für Ravensburg spielberechtigt ist.

Seite 1: Dutt über seine neue Welt und die Medien

Seite 3: Dutt über die fehlenden Stürmer und Außenverteidiger

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