Fussball

Robin Dutt: Meine neue Welt

Von Interview: Stefan Rommel
Robin Dutt trat die Nachfolge von Matthias Sammer an
© Getty

 

SPOX: Eines Ihrer Themen wird unweigerlich auch sein, sich mit anderen Verbänden auseinanderzusetzen, wenn es darum geht, Spieler mit Migrationshintergrund für Deutschland zu gewinnen. Wie wollen Sie das heikle Thema handhaben?

Dutt: Indem ich mich mit dem jeweiligen Spieler persönlich austausche. Man darf nicht egoistisch denken und sagen: "Ich hätte den Spieler gerne für mich." Es gibt immer zwei Beweggründe für einen Spieler: Der eine ist die Emotionalität, der andere die sportliche Perspektive. Die sind bei jedem anders ausgeprägt. Es macht überhaupt keinen Sinn, dem Spieler alles zu versprechen, nur damit er für Deutschland spielt. Wir haben schon Spieler eingebürgert und die haben dann ein Spiel oder gar keins gemacht für Deutschland. Ich erinnere an Sean Dundee oder Paolo Rink.

SPOX: Ein schmaler Grat.

Dutt: Um die, die hier aufgewachsen sind und sich auch zu einem großen Teil als Deutsche fühlen und für Deutschland spielen wollen, werden wir kämpfen. Aber wenn sich einer nicht richtig entscheiden kann, muss man ihn auch nicht fesseln. Wir sind multikulturell geworden, der Sportdirektor hat einen indischen Vater. Ich fühle mich aber als Deutscher, meine einzige Muttersprache ist deutsch. Man muss die Überzeugung haben. Die muss nicht immer mit Symbolen verbunden sein.

SPOX: Sie meinen unter anderem die Hymnen-Debatte.

Dutt: Du musst gerne für dieses Land spielen. Und nicht, weil's sportlich grad mal so reinpasst. Das finde ich sehr wichtig.

SPOX: Waren Sie überrascht, dass ein Spieler wie Samed Yesil mit gerade mal 18 Jahren von Leverkusen nach Liverpool wechselt?

Dutt: Das gehört jetzt wohl auch zu meinen Aufgaben, bei Statements zu solchen Dingen diplomatisch zu sein: Das obliegt der Hoheit des Vereins.

SPOX: Und wenn Sie nicht diplomatisch antworten?

Dutt: Ich hätte mir grundsätzlich gewünscht, dass ein U-19-Nationalspieler hier vor der Haustüre bei einem deutschen Verein spielt. Natürlich kann er sich auch im Ausland entwickeln. Aber von mir aus hätte er ruhig in der Bundesliga spielen können.

SPOX: Aus welchen Komponenten setzt sich das Anforderungsprofil eines Profis heute zusammen?

Dutt: Ganz wichtig geworden ist die Persönlichkeitsstruktur. Die mentalen Anforderungen an den Spieler sind sehr hoch geworden, das Spiel ist taktisch komplexer geworden. So komplex, dass es manchmal für den ‚normalen' Zuschauer nicht immer nachzuvollziehen ist. Das Spiel ist athletischer geworden, es werden mehr Spiele absolviert. Gerade auf Nationalspielern liegt ein enormer medialer Fokus. Deshalb ist eine gewachsene Persönlichkeitsstruktur unheimlich wichtig.

SPOX: Das kann ja aber nicht alles sein.

Dutt: Ich persönlich bleibe dabei, dass die Technikausbildung der Hauptschwerpunkt sein muss. Andere Dinge sind leichter zu kaschieren als eine fehlende oder unzureichende Technik. Ein langsamer Spieler kann seine Schnelligkeitsdefizite durch Antizipationsfähigkeit kompensieren. Ein Spieler, der nicht ausdauernd ist, kann das durch ökonomische Spielweise kompensieren. Ein Spieler, der individualtaktisch nicht so gut ist, kann durch Kampfgeist einiges wettmachen. Aber bei der guten Defensivorganisation und dem guten Pressingverhalten der Mannschaften heute musst du den Ball auf engem Raum und bei Raum- und Gegnerdruck beherrschen können. Sonst wird das auf dem höchsten Niveau nicht reichen.

SPOX: Wieso gibt es im Weltfußball allgemein und in Deutschland im Speziellen so einen Mangel an guten Außenverteidigern?

Dutt: Weil sich Spielpositionen vermischt haben und dies im Zuge der verbesserten spielerischen Ausbildung der letzten 20 Jahre dazu geführt hat, dass sich die Positionen immer mehr angenähert haben. Der Manndecker von früher ist heute schon fast der Spielmacher. Die Innenverteidiger heute müssen auch Liberoqualitäten von früher haben. Außenverteidiger und Sechser müssen spielstark sein. Wir reden von Außenverteidigern. Aber sind das überhaupt noch Verteidiger? Maximal noch zur Hälfte, die andere Hälfte ist ein Rechtsaußen. Philipp Lahm ist eine Mischung aus Manni Kaltz und Rüdiger Abramczik.

SPOX: Bei den Stürmern gibt es zumindest in Deutschland ein ähnlich gelagertes Problem.

Dutt: Das ist eine Mangelposition. Wir sind noch nicht so weit wie die Spanier, die Torres draußen lassen können und dann mit Fabregas im Zentrum spielen. Das ist ein Trend, aber der wird wieder einen Gegentrend auslösen. Die grundsätzliche Frage, wie man den Problemen Herr werden kann, stellen sich die Trainer natürlich auch.

SPOX: Was sind die Lösungsansätze?

Dutt: Wir spielen derzeit in einem 4-2-3-1, in den U-Mannschaften ebenfalls. Sollen wir da jetzt auf ein 4-4-2 umstellen? Das würde bedeuten, dass wir einen Ausbildungsplatz mehr auf der Position des Angreifers einfordern. Damit wird rechnerisch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wieder mehr Stürmer ausgebildet werden. Aber dann stellt man vielleicht irgendwann fest, dass dadurch der klassische Spielmacher zu kurz kommt und fehlt. Der hat eine Zeit lang im deutschen Fußball gefehlt, das hat man erkannt und gehandelt. Dann hat sich ein neuer Typ entwickelt mit Mesut Özil an der Spitze. Der ist 24, kann also noch zehn Jahre A-Nationalmannschaft spielen. Und dahinter gibt es Reus, Götze, Holtby, die alle in ihren Klubs schon international spielen. So wird es mit den Außenverteidigern und den Stürmern auch sein. Nur dauert das jetzt eben eine Weile, bis man die Früchte ernten kann.

Seite 1: Dutt über seine neue Welt und die Medien

Seite 2: Dutt über das Nachwuchskonzept und die Hauptaufgaben

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