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Fussball

Hiddink liebt den alten Mann

Von Fatih Demireli
Ömer Erdogan erzielte aktuell in sechs Saisonspielen einen Treffer für Bursaspor
© Getty

Ömer Erdogan ist der Kapitän der türkischen Sensation Bursaspor. Als Abwehrchef führte der Türke sein Team zum Meistertitel. Die Belohnung war die erste Einladung zur Nationalmannschaft - und das mit 33 Jahren. Der neue Türkei-Trainer Guus Hiddink steht auf den Deutsch-Türken. Das Spiel in Berlin wird für Ömer eine Besonderheit.

Das Trainerleben in der Türkei ist nicht leicht. Fatih Terim, international als "Imperator" gefeiert, gab nach der verpatzten WM-Qualifikation im Oktober 2009 entnervt auf und die Erholung nach den nervenaufreibenden Strapazen hält immer noch an.

Sein Nachfolger ist bekanntlich Guus Hiddink. Die Erfahrung und die Erfolge, die der Niederländer in die Türkei mitgebracht hat, sind immens. Dennoch macht die Kritik am Bosporus auch vor Hiddink nicht Halt. Die Kaderzusammenstellung des Nationaltrainers ist ein großes Thema. In jeder Pressekonferenz muss Hiddink erklären, warum dieser oder jener Spieler nicht nominiert wurde. Keine zwei Meinungen gab es aber bei der Einladung von Ömer Erdogan.

Der Schmerz im Herzen

Kapitän des türkischen Meisters, Abwehrchef des Klubs, der die wenigsten Gegentore zuließ und sechs Saisontore als Verteidiger waren auch kein so schlechtes Argument, um den Leistungsträger Bursaspors erstmals für die Nationalelf zu nominieren. Die Frage hieß plötzlich nicht mehr, warum dieser Spieler nominiert wurde, sondern "warum erst jetzt?"

Die sinnvoll erscheinende Nominierung Erdogans bekommt beim zweiten Hinsehen, vor allem auf das Alter des Abwehrspielers, eine neue Bedeutung. In seinem ersten Länderspiel in Astana gegen Kasachstan zählte Ömer Erdogan vor rund einem Monat stolze 33 Jahre. "Jahrelang war das Thema Nationalmannschaft ein Schmerz in meinem Herzen. Die Einladung war wie ein Traum", sagt Erdogan mit etwas Abstand.

Traum vom Tor gegen Deutschland

Mit starken Vorstellungen in Kasachstan und gegen Belgien zahlte der Neuling das Vertrauen zurück. In Kasachstan hätte er sogar sein erstes Tor gemacht, wenn Arda Turan einen fast schon sicheren Kopfballtreffer Erdogans nicht noch über die Linie gedrückt hätte. "Er wollte sichergehen, ich bin ihm nicht sauer", sagt Erdogan.

Das Debüttor hat er ohnehin für das dritte Qualifikationsspiel in Deutschland vorgesehen: "Das wäre dann wohl unbeschreiblich. Ich würde das Tor meiner ganzen Familie widmen." Denn diese lebt größtenteils in Deutschland und wird in Berlin auf der Tribüne sitzen, wenn Erdogan in dem Land, indem er geboren wurde, sein nächstes Karrierehighlight feiern wird.

Erst St. Pauli, dann die Provinz

Der gebürtige Kasseler spielte in der Jugend für Hessen Kassel. Den ersten Schritt ins Profigeschäft wagte er 1998, als er in die 2. Liga zum FC St. Pauli ging. Nach dem verpassten Aufstieg mit dem Kiez-Klub begann eine Tour durch die türkische Provinz. Erzurumspor und Diyarbakirspor hießen die nächsten Stationen. In Erzurum, im Nordosten der Türkei, war er der "Deutsche", der integriert werden musste.

An diesen Tagen dachte er zwar schon an eine Rückkehr nach Deutschland, aber die Situation veränderte sich in Diyarbakir. Die starken Leistungen dort blieben den großen Klubs nicht verborgen. Galatasaray verpflichtete den damaligen Shootingstar und stach die Konkurrenz Fenerbahce und Besiktas aus.

An der Seite von Frank de Boer

Galatasaray, das 2003 tief in der Krise steckte und auf dem Transfermarkt einen Flop nach dem anderen landete, setzte nun große Hoffnungen in Erdogan. An der Seite von Frank de Boer und Klub-Legende Bülent Korkmaz sollte der Bursche, der deutsche Disziplin genoss, zum Stammspieler reifen und der wackeligen Abwehr endlich Stabilität verschaffen.

Doch Erdogan ließ sich anfangs von den Fehlern von Nebenmann de Boer anstecken. Das gesamte Team spielte wochenlang unterirdisch. Trainer Terim kam seiner Entlassung zuvor und trat zurück.

Das einzig Positive für Erdogan aus dieser Zeit: "Das Derby-Tor bei Fenerbahce war ein besonderer Moment", erinnert er sich. Galatasaray verlor zwar mit 1:2, aber Ömer wurde als einziger Spieler, der nicht versagte, von den Fans gefeiert.

Der Meistertitel

Am Saisonende leitete Galatasaray den Umbruch ein und auch Erdogan musste gehen. Wieder ging es zurück in die Provinz - diesmal zu Malatyaspor. Und wieder überzeugte er und wechselte diesmal zu Bursaspor. Der Verein aus der Kategorie "schlafender Riese" war genau das richtige für Erdogan. Auf Anhieb Stammspieler, wenige Zeit später sogar Kapitän - Ömer, der auch spielte, wenn er verletzt war, wurde zum Helden der fanatischen Zuschauer.

Dass Bursaspor in der vergangenen Saison Meister wurde, war auch ein Verdienst Erdogans. Als verlängerter Arm von Trainer Ertugrul Saglam war er maßgeblich am Sensationstitel beteiligt. Die Bilder, wie Erdogan wenige Minuten vor dem Abpfiff immer wieder zur Bank blickte, um die letzten Infos in Sachen Tabelle einzuholen, waren bemerkenswert. Auch wie er wenig später unter Tränen mit Frau und Kind den Titel feierte.

"Als hätte ich vorher nie auf dem Platz gestanden"

"Eine Meisterschaft mit Bursa ist viel wertvoller als mit Galatasaray", sagt er heute, "auch wenn ich damals mit Galatasaray Meister geworden wäre, hätte dieser Titel mit Bursa viel mehr Bedeutung für mich gehabt."

Das nächste Geschenk war die Einladung Hiddinks. Erdogan ließ die Nominierung nicht kalt. "Mehr als 300 Spiele in der ersten Liga zählen gar nichts mehr, wenn man plötzlich zum ersten Mal für die Türkei spielt. Das war, als hätte ich vorher nie auf dem Platz gestanden. Zum Glück haben wir so viele gute Fußballer in der Nationalelf. Alle haben mir geholfen."

"Hey Jungspund!"

Vor allem Hiddink kümmerte sich fast schon liebevoll um seinen Neuling. "Hey Jungspund, wie geht's", sagte der Niederländer bei der ersten Begegnung. "Das war schon eine Ehre für mich." Erdogans Einsatz gegen Deutschland gilt als sicher, auch wenn sich der Neue in Understatement übt und sagt, "dass der Trainer entscheidet".

Sein Nebenmann Servet Cetin spricht sich zur Sicherheit dennoch für Ömer aus. "Er spielt so, als wäre er Ewigkeiten in der Nationalmannschaft. Wir verständigen uns sehr gut."

Ein Kurz-Intermezzo beim "Milli Takim", der Nationalmannschaft, soll es für Ömer Erdogan auf jeden Fall nicht werden. "Es gibt genügend Beispiele wie Paolo Maldini oder Hakan Sükür. Sie haben auch sehr lange international gespielt. Ich fühle mich fit, vielleicht so fit wie noch nie." War ja auch nicht anders zu erwarten bei einem Jungspund.

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