Fussball

FC Bayern München nach dem Sieg bei Olympiakos Piräus: Mehr Krise als davor

Joshua Kimmich (l.) und Robert Lewandowski: Die totale Zufriedenheit nach einem Dreier in der CL sieht anders aus.

Der FC Bayern München hat zwar mit 3:2 bei Olympiakos Piräus gewonnen und somit den dritten Sieg im dritten Champions-League-Spiel der Saison eingefahren, zufrieden war danach aber keiner. Zu viele Problemfelder plagen den Verein aktuell.

"Wir sind hier ja in Griechenland", erkannte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge bei der Bankettrede nach diesem 3:2-Sieg bei Olympiakos Piräus in Athen/Griechenland. "Und hier in Griechenland ist der Marathonlauf erfunden worden. Was wir heute auf dem Platz erlebt haben, war ein bisschen wie ein Marathonlauf mit Hürden."

Ein Marathonlauf mit Hürden auf einem Fußballplatz - eine bahnbrechende Neuheit. Und nicht die einzige, die der FC Bayern im Rahmen dieser Dienstreise kreierte. Ähnlich neuartig und ungewöhnlich ist ein Sieg, der einen Verein von einer drohenden Krise nicht distanziert, sondern ihr näherbringt. So geschehen am Dienstagabend.

Hasan Salihamidzic: "Alles muss besser werden"

Nach dem schlechtesten Start in eine Bundesligasaison seit neun Jahren und zuletzt zwei sieglosen Spielen gegen die TSG Hoffenheim (1:2) und beim FC Augsburg (2:2) gewann der FC Bayern zwar bei Olympiakos und steht in seiner Champions-League-Gruppe als Tabellenführer bei der Optimalausbeute von neun Punkten. Der Satz aber, der von diesem Abend hängen bleibt, lautet so: "Alles muss besser werden!"

Gesprochen wurde er von Sportdirektor Hasan Salihamidzic, was den Satz gleich noch interessanter macht. Geht es um den FC Bayern, sieht Salihamidzic nämlich alles tendenziell eher positiver als negativer - wie etwa nach dem Spiel in Augsburg. Diesmal aber nicht, diesmal redete er sich förmlich in Rage. "Wir waren einfach nicht da", sagte Salihamidzic noch. "Man wird verrückt, wenn man so ein Spiel anschaut."

FC Bayern: Konzeptlos vom Aufbau bis zum Abschluss

Was war passiert? Der FC Bayern hatte zwar erneut und wie zumeist mehr Ballbesitz als der Gegner, jedoch kaum zusammenhängende Offensivaktionen. Das fängt mit dem Spielaufbau an: zu ideenlos und kurioserweise trotzdem zu fehleranfällig. Trainer Niko Kovac kritisierte "viele Abspielfehler, viele Annahmefehler und Konzentrationsfehler", darüber hinaus hätte die Mannschaft "wieder sehr langsam gespielt".

Im Mittelfeld stimmte die Staffelung nicht, weswegen die beiden Spielmacher Thiago und Philippe Coutinho erschreckend wirkungslos blieben. "Es ist alles nicht so flüssig. Wir kriegen die Kontrolle nicht im Mittelfeld", sagte Salihamidzic. "Wir müssen in der Lage sein, den Ball besser laufen zu lassen und uns in der Spielanlage steigern." Die Angreifer definieren sich unterdessen über Einzelaktionen und so waren die drei Tore hauptsächlich individueller Klasse (sowie Glück) geschuldet: der Abstauber von Robert Lewandowski zum 1:1, sein Gestocher zum 2:1 und Corentin Tolissos Kunstschuss zum 3:1.

Gefallen sind die drei Tore übrigens erst nach der 25. Minute. Der Minute, in der Kovac Thomas Müller (erstmals nach sechs Pflichtspielen wieder in der Startelf) von der rechten Seite ins Zentrum stellte und Coutinho dafür auf den Flügel schob. "Das war sicherlich ein guter Schachzug von uns", lobte sich Kovac dafür danach fast schon etwas aufdringlich selbst. Am allgemeinen Spielgeschehen (siehe: "Alles muss besser werden!") hatte aber auch dieser vermeintliche Schachzug nichts geändert - Müller bemühte sich fortan eben andernorts.

Javi Martinez und Lucas Hernandez verletzt ausgewechselt

Und damit vom Problemfeld Offensive zum Problemfeld Defensive. Hier ist die Lage sogar noch dramatischer und zwar in zweierlei Hinsicht: Einerseits wird nicht gut verteidigt, andererseits werden die Verteidiger immer weniger. Wie man damit umgehen solle, wurde David Alaba schon bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gefragt, insbesondere in Hinsicht auf den langfristigen Ausfall von Niklas Süle. "Wir wollen wieder einen Rhythmus kriegen mit einer Viererkette, die über einen längeren Zeitraum zusammenspielt", antwortete Alaba.

Nach diesem Spiel bei Olympiakos geht es jedoch weniger um irgendeinen Rhythmus einer eingespielten Viererkette, sondern darum, genügend einsatzfähige Spieler für eine vollständige Besetzung einer Viererkette zu finden. Bereits zur Halbzeit musste der potenzielle Innenverteidiger Javi Martinez mit muskulären Problemen ausgewechselt werden. Kurz nach Wiederanpfiff erwischte es Lucas Hernandez, der sich wohl einen Bänderanriss im Knöchel zuzog und laut Salihamidzic "einige Wochen" ausfallen wird.

FC Bayern: Im fünften Pflichtspiel in Folge zwei Gegentore

Überzeugt hatte Hernandez bis dahin übrigens nicht. Nachdem er schon beim späten 2:2 in Augsburg zu spät gekommen war, verschätzte er sich vor dem 0:1 bei Olympiakos ebenfalls, kurz darauf erzielte er beinahe ein Eigentor. Es waren nur die sichtbarsten Fehler des generell fehlerhaften Defensivverhaltens aller Beteiligten. Joshua Kimmich etwa scheint das wilde Positionsgetausche nicht optimal zu bekommen: Ihn zieht es oftmals arg weit weg von seinem Posten rechts hinten, was in arg großen Löchern ebendort resultiert. All das führte dazu, dass der FC Bayern im fünften Pflichtspiel in Folge zwei Gegentore kassierte, was es zuletzt 1987 gab und laut Alaba "mehr als nerven" würde.

"Das gemeinsame Verteidigen passt im Moment nicht. Jeder hat schon auf einem anderen Niveau gespielt", sagte Manuel Neuer, der Kommunikationsprobleme als Grund ausschloss. "Die sprechen die gleiche Sprache", erkannte Neuer und meinte damit natürlich die beiden französischen Innenverteidiger Hernandez und Benjamin Pavard, im Sommer für zusammengerechnet 115 Millionen Euro verpflichtet.

Sprachlich wird sich Pavard künftig umstellen müssen, denn der letzte nicht verletzte Innenverteidiger Jerome Boateng kommuniziert muttersprachlich in Deutsch. Gemeinsam mit ihm wird er die Innenverteidigung beim anstehenden Bundesligaspiel gegen Union Berlin bilden. Dann soll es wieder einen Sieg geben, der sich auch wie ein Sieg anfühlt. Salihamidzic übrigens erinnerte - nachdem alle Problemfelder durchgesprochen waren - irgendwann noch: "Frustriert bin ich nicht, wir haben ja gewonnen." Wie ein Sieger wirkte er in diesem Moment aber nicht.

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