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Fussball

Als Thomas Tuchel Julian Nagelsmann zum Trainer machte: Eine Aufgabe namens TSV 1909 Gersthofen

Als Trainer von Borussia Dortmund und der TSG Hoffenheim begegneten sich Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann schon in der Bundesliga.

Am Dienstag treffen Thomas Tuchel (46) und Julian Nagelsmann (33) mit ihren Klubs Paris Saint-Germain und RB Leipzig im Halbfinale der Champions League aufeinander (21 Uhr live auf DAZN). Die beiden Trainer kennen sich bestens, arbeiteten sie doch einst gemeinsam für den FC Augsburg II.

"Das ist schon krass", sagt Stephan Hain im Gespräch mit SPOX und Goal, lacht kurz und betont dann fast schon entschuldigend die Umgangssprachlichkeit seiner Aussage. Aber er hat ja recht: Das ist schon krass, es geht schließlich um die Landesliga-Bayern-Süd-Saison 2007/08 und das Champions-League-Finalturnier 2020.

Bei der Landesliga-Bayern-Süd-Saison 2007/08 war Hain 19 Jahre alt und landete mit dem FC Augsburg II unter dem Trainerduo Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann hinter dem TSV Buchbach, dem FC Ingolstadt II und dem TSV Rain/Lech auf einem beachtlichen vierten Tabellenplatz.

Nun, zwölf Jahre später, stürmt Hain in der 3. Liga für die SpVgg Unterhaching und seine beiden ehemaligen Trainer Tuchel und Nagelsmann stehen sich mit ihren neuen Klubs Paris Saint-Germain und RB Leipzig im Champions-League-Halbfinale gegenüber.

Wie Tuchel und Nagelsmann bei Augsburg II zusammenfanden

Tuchel hatte damals gerade das Traineramt beim FC Augsburg II übernommen, er war so alt wie Nagelsmann heute: 33. "Thomas war so voller Eifer dabei, als ob er selbst noch gespielt hätte", erinnert sich Hain. Das Ende seiner aktiven Spielerkarriere lag aber schon neun Jahre zurück: Nachdem Tuchel drei Saisons lang unter Trainer Ralf Rangnick für den SSV Ulm gespielt hatte, musste er mit 24 aufgrund einer Knorpelverletzung aufhören.

Anschließend arbeitete Tuchel als Jugendtrainer für den VfB Stuttgart, ehe er nach Augsburg wechselte. Dort trainierte er zunächst die U19. Bei einem Spiel gegen den Dorfklub SpVgg Ruhmannsfelden fiel ihm deren junger Stürmer Stephan Hain auf, nach seiner Beförderung zum Trainer der Reservemannschaft ließ er ebendiesen Hain verpflichten. "Er hat bei meinem Wechsel eine große Rolle gespielt", sagt Hain. "Er wusste genau, was er will. Ich fand es faszinierend, mit welcher Überzeugung er an alles herangegangen ist. Man hat ihm alles abgenommen."

Zeitgleich mit Hain kam ein 19-jähriger Innenverteidiger von der Reservemannschaft des TSV 1860 München: Julian Nagelsmann. "Ein super Typ", erinnert sich Hain. "Er hat eine coole, lockere Art, war um keinen Spruch verlegen und für jede Gaudi zu haben." Außerdem zu haben war Nagelsmann für: endloses Grübeln über den Fußball. "Er hat sich schon damals viele Gedanken über mögliche Verbesserungen auf und abseits des Platzes gemacht - nicht nur auf seine Person, sondern auf das ganze Team bezogen", erinnert sich Hain.

Nagelsmanns erste Scouting-Mission mit seiner Frau

Nach wenigen Wochen spielte Nagelsmann in diesem Team aber keine aktive Rolle mehr: Meniskus- und Knorpelschaden, Karriereende mit 20 Jahren - aber noch einen bis Sommer 2008 gültigen Vertrag. Was nun? Dann halt Trainer. Aber nur, weil es sein musste.

"Tuchel meinte nicht: 'Du wirst jetzt Trainer.' Es war eine pragmatische Entscheidung", sagte Nagelsmann 2015 im Interview mit SPOX und Goal. "Da mich der FCA weiterhin bezahlte, habe ich für Tuchel Gegner gesichtet. Die Alternative wäre eine Vertragsauflösung gewesen und das wollte ich nicht."

Seine erste Aufgabe trug den Namen TSV 1909 Gersthofen, Nagelsmann nahm sie gemeinsam mit seiner Freundin in Angriff. "Sie hat mit der Handkamera gefilmt, und ich habe parallel dazu Notizen gemacht. Zettel, Stift und Handkamera - mehr gab es nicht", erzählte Nagelsmann in Tuchels neulich erschienener Biografie. Doch das reichte, Tuchel gefiel Nagelsmanns Premieren-Analyse. "Er war angetan und erzählte mir, dass er von dem Gegner auch ein Spiel gesehen und ähnliche Dinge analysiert habe."

Augsburg II gewann im Oktober 2007 vor rund 600 Zuschauern dank zweier Tore von Hain jedenfalls mit 3:1 gegen Gersthofen und Nagelsmann fand für ihn selbst durchaus überraschend Gefallen an seiner neuen Aufgabe. "Ich hatte das überhaupt nicht gespürt in mir. Ich hatte nie im Sinn, Trainer zu werden", erzählte er. "Man kann schon sagen: Thomas hat mich konkret darauf gebracht."

Tuchel ist ein Alles-oder-nichts-Trainer

Ab der Rückrunde war Nagelsmann offiziell Tuchels Co-Trainer, trat aber nicht wirklich als solcher auf. "Er hat viel im Hintergrund gearbeitet, im Scouting und in der Gegneranalyse. Wir Spieler waren nicht so häufig mit ihm im Austausch. Man wusste nur, dass er Thomas ein bisschen unterstützt", sagt Hain.

In die alltägliche Trainingsarbeit sei Nagelsmann damals kaum involviert gewesen. Das war Tuchels Metier, Tuchels Leidenschaft. "Er war extrem perfektionistisch, hat fast jeden Pass vorgegeben. Das Training war sehr abwechslungsreich, er hat eigentlich keine Übung zweimal gemacht", erzählte Nagelsmann. Als er noch Tuchels Spieler war, schlief Nagelsmann nach eigener Aussage auf der kurzen Heimfahrt von Augsburg nach München regelmäßig im Zug ein. Nicht aus körperlicher Erschöpfung, sondern aus mentaler.

"Er verlangt schon nicht wenig von einem Spieler", erinnert sich auch Hain und so wie er es sagt, klingt es wie eine maßlose Untertreibung. Tuchel ist ein Alles-oder-nichts-Trainer, alles muss seiner Philosophie unterworfen werden, jeder muss zu 100 Prozent mitziehen. "Wenn man das macht, was er von einem verlangt, dann vertraut er auf dich", sagt Hain. "Wenn man aber nicht seinen Weg verfolgt, dann kriegt man Probleme mit ihm."

Über Mainz und Hoffenheim ins Champions-League-Halbfinale

Probleme, wie sie später bei Tuchels Tätigkeit bei Borussia Dortmund aufgetreten waren - und wie sie vielleicht auch bei einer längeren Zusammenarbeit mit Nagelsmann aufgetreten wären. Nagelsmann hatte schon damals eigene Vorstellungen vom Fußball. Tuchel hat ihn zwar auf die Idee gebracht, Trainer zu werden. Er hat ihn aber nicht auf seine Idee vom Fußball gebracht und das betont Nagelsmann immer wieder explizit: "Er war nicht mein Ziehvater, auch wenn ihn viele als solchen bezeichnen. Dafür war unser Verhältnis zu pragmatisch."

Nach nur einem halben Jahr endete ihre Zusammenarbeit bei Augsburg II. Tuchel übernahm die U19 des FSV Mainz 05 und ein Jahr später die Profimannschaft. Nagelsmann wurde zunächst Co-Trainer bei der U17 des TSV 1860 München, zog nach zwei Jahren in selber Rolle zur TSG Hoffenheim weiter, übernahm im Februar 2016 mit 29 Jahren die Profimannschaft, erreichte mit 33 Jahren als bisher jüngster Trainer aller Zeiten ein Champions-League-Halbfinale - und trifft dort auf seinen einstigen Chef Tuchel. Wie gesagt: krass.

Tuchels und Nagelsmanns Karriere seit der Zusammenarbeit

SaisonTuchelNagelsmann
2008/09FSV Mainz 05 U19TSV 1860 München U17 (Co-Trainer)
2009/10FSV Mainz 05TSV 1860 München U17 (Co-Trainer)
2010/11FSV Mainz 05TSG Hoffenheim U17 (Co-Trainer)
2011/12FSV Mainz 05TSG Hoffenheim U17
2012/13FSV Mainz 05TSG Hoffenheim U17 / TSG Hoffenheim (Co-Trainer)
2013/14FSV Mainz 05TSG Hoffenheim U19
2014/15-TSG Hoffenheim U19
2015/16Borussia DortmundTSG Hoffenheim U19 / TSG Hoffenheim
2016/17Borussia DortmundTSG Hoffenheim
2017/18-TSG Hoffenheim
2018/19Paris Saint-GermainTSG Hoffenheim
2019/20Paris Saint-GermainRB Leipzig
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