Fussball

Josip Ilicic lässt Atalanta Bergamo träumen: Die Oma ist erwacht

Er verlor seinen Vater im Bosnienkrieg, litt zu Beginn seiner Karriere an Selbstzweifeln und dachte vor zwei Jahren, er würde sterben. Am Dienstagabend verewigte sich Josip Ilicic im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals beim FC Valencia mit vier Toren für Atalanta Bergamo in den Geschichtsbüchern des europäischen Fußballs.

Stolz hielt er sie in die Kamera, den Spielball und die Man-of-the-Match-Trophäe. Man schießt schließlich nicht alle Tage vier Tore in einem Spiel. Schon gar nicht in der Champions League. Josip Ilicic katapulierte sich beim 4:3-Sieg von Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia, gleichbedeutend mit dem historischen Einzug ins Viertelfinale, in einen erlauchten Kreis der Königsklasse.

Vor dem 60-fachen slowenischen Nationalspieler schafften nur 14 Akteure einen Viererpack in einer Partie. Mit seinem denkwürdigen Auftritt vor leeren Rängen im Estadio Mestalla löste er sogar Zlatan Ibrahimovic als ältesten Spieler ab, dem dieses Kunststück gelang. Da war es Ilicic im Nachhinein herzlich egal, zwei der vier Tore vom Elfmeterpunkt aus verwandelt zu haben. "Es ist die beste Saison meiner Karriere. Je älter ich werde, desto besser werde ich", stellte der 32-Jährige fest.

Es waren bereits seine Pflichtspieltore 18, 19, 20 und 21 in dieser Saison. Allein in der Serie A stehen ihm 15 zu Buche. 15, die allesamt aus dem Spiel heraus entstanden. Nur Ciro Immobile (27/Lazio), Cristiano Ronaldo (21/Juventus), Romelu Lukaku (17/Inter) und Joao Pedro (16/Cagliari) sind treffsicherer als der 1,90 Meter große Linksfuß.

Von einer schweren Kindheit und einem verrückten Sommer

Es gab Zeiten, da hätte ihm kaum jemand eine solche Entwicklung zugetraut. Er selbst wohl am wenigsten. Mit Anfang 20 spielte er noch bei Interblock Ljubljana, stieg mit dem Verein nach einer schwachen Saison aber in die zweite slowenische Liga ab und wurde, obwohl er zu den besten Spielern gehörte, zum Sündenbock deklariert und in die Reservemannschaft verbannt.

Von Enttäuschung und Selbstzweifeln geplagt spielte der talentierte Offensivmann zu jener Zeit mit dem Gedanken, seine Schuhe an den Nagel zu hängen. Ein Gedanke, der schnell verflog, als sich ihm die Möglichkeit bot, bei NK Maribor zu unterschreiben. Für 80.000 Euro sicherte sich der erfolgreichste Verein des Landes die Dienste von Ilicic. Der Deal sollte sich prompt auszahlen, obwohl der Anfang Juli 2010 verpflichtete Neuzugang lediglich acht Wochen blieb. Ilicic überzeugte in der Europa-League-Qualifikation gegen US Palermo nämlich so sehr, dass die Italiener ihn Ende August 2010 kurzerhand für 2,3 Millionen Euro unter Vertrag nahmen.

Es war ein verrückter Sommer, der das Leben von Ilicic für immer veränderte. Er bekam nicht nur die Möglichkeit, in einer europäischen Topliga zu spielen. Er war fortan finanziell abgesichert, wovon er während seiner Jugend nur zu träumen wagte. Da ging es für ihn eher darum, zu überleben. Ilicic kam am 29. Januar 1988 in der vom Krieg heimgesuchten Stadt Prijedor in Bosnien-Herzegowina zur Welt. Sein Vater starb, als er ein Jahr alt war, Berichten zufolge wurde er ermordet. Daraufhin flüchtete die Familie in die slowenische Stadt Kranj, wo Ilicic mit seiner Mutter Ana und seinem Bruder Igor seine restliche Jugend verbrachte - und allen voran dank Igor die Liebe zum Fußball entdeckte.

Josip Ilicic: Einer für die Galerie

Triglav Kranj hieß sein erster Verein, über NK Britof und SC Bonifika ging es in die Hauptstadt Ljubljana zu Interblock. Schon damals zeichnete er sich durch seine feine Technik aus, die ihn gepaart mit der Robustheit und Dynamik zu einem besonderen Spieler machten, der mal auf den offensiven Außen oder aber im Zentrum zum Einsatz kam. Bei Palermo, seinem ersten Klub in Italien, musste er zunächst auf dem rechten Flügel ran, erreichte seine Bestform allerdings erst, als Javier Pastore den Verein verließ und ihm die Position des klassischen Spielmachers überließ. Eine ähnliche Rolle nahm er auch beim AC Florenz, seiner zweiten von drei Stationen, ein.

Heute, in Bergamo, ist er meist neben Papu Gomez und/oder Duvan Zapata in der Spitze zu finden. Meist halbrechts orientiert, bekleidet er fast schon die Rolle der hängenden Spitze, weil er viele Bälle festmacht und verteilt. Trotz seiner Größe müsste man Ilicic aber in erster Linie als Spieler für die Galerie bezeichnen, der für Unvorhergesehnes und Mut steht. Bis auf Ronaldo gibt kaum ein Spieler in Italien so viele Torschüsse pro Spiel ab wie er, selbst mit dem vermeintlich schwächeren Rechten versucht Ilicic es immer wieder. Einige seiner Versuche gehen daneben, aber wenn der Ball mal sein Ziel findet, dann in vielen Fällen sehenswert. Wie beim 7:0 gegen den FC Turin am 25. Januar, als er von der Mittellinie aus traf.

"Was, wenn ich morgen nicht mehr da bin?"

"Für mich ist es ein Privileg, Fußball zu spielen. Ich schätze und genieße es mehr als früher", erklärte Ilicic Ende 2018 dem Corriere dello Sport. Ein halbes Jahr zuvor hatte ihn eine schwere Lymphknotenentzündung im Hals heimgesucht, die ihn zu einem einwöchigen Krankenhaus-Aufenthalt zwang. "Andere Menschen lagen deshalb schon im Koma. Mir ging es schrecklich und ich kam wirklich an einen Punkt, an dem ich Angst bekam", berichtete er. "Ich dachte mir vor dem Einschlafen: Was, wenn ich morgen nicht mehr da bin? Was, wenn ich morgen meine Familie nicht mehr sehe?"

Er sah sie wieder. Und schätzte sie nach eigenen Aussagen mehr als jemals zuvor: "Ich rege mich nicht mehr so schnell über Dinge auf. Ich bin froh, da und gesund zu sein." Das gilt offensichtlich auch für den Fußball. Als Ilicic 2017 von Florenz nach Bergamo wechselte, galt er als trainingsfaul. Seine Mitspieler verpassten ihm den Spitznamen "Oma", weil er ständig über Müdigkeit klagte.

"Er wirkt immer geschlaucht, wenn er ins Training kommt. Wenn man ihn dann fragt, wie es ihm geht, antwortet er immer mit 'schlecht, schlecht' und schaut griesgrämig drein", verriet Atalanta-Trainer Gian Piero Gasperini in Ilicics erster Saison in Bergamo auf einer Pressekonferenz. Das hat sich schlagartig geändert. In Valencia können sie seit Dienstagabend ein Lied davon singen.

Die Bilanz von Josip Ilicic in dieser Saison

SpielminutenToreVorlagenPassquoteZweikampfquote
205321581,97 %51,61 %
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