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Fussball

Kevin-Prince Boateng vom FC Barcelona im Interview: "Für Klopp würde ich sogar nach China wechseln"

Von Daniel Herzog
Boateng spielte bereits für Schalke und Dortmund.

Bevor Sie nach Tottenham gewechselt sind, waren Sie voll des Lobes für Ihren damaligen Hertha-Trainer Lucien Favre. Was zeichnet ihn aus?

Boateng: Seine Liebe zum Fußball und seine Visionen. Er war der erste Trainer, der den Tiki-Taka nach Deutschland gebracht hat. Es hat ihn gestört, wenn der Ball lang weggeschlagen wurde. Er wollte alles spielerisch lösen. Das hat mir sehr imponiert, aber zu diesem Zeitpunkt war ich quasi schon mit einem Bein in England.

Hat er Sie zum Bleiben bewegen wollen?

Boateng: Ich habe ihm damals gesagt, dass ich bleiben möchte. Darauf hat er, der seine Spieler siezt, geantwortet: 'Sind Sie verrückt? Sie müssen gehen, das ist Tottenham.' Er hat gesagt, dass ich diese Chance ergreifen sollte und dass Hertha zu klein für mich sei.

Würden Sie den Wechsel nach Tottenham im Nachhinein als Fehler bezeichnen?

Boateng: Nein, auf keinen Fall. Wäre ich nicht zu Tottenham gegangen, wäre ich nicht der Spieler, der ich heute bin. Ich habe dort ein Jahr lang nur Scheiße gebaut, aber rückblickend hat es mir geholfen. Ich habe gelernt, was es heißt, Fußballprofi zu sein und wie man sich richtig ernährt. Ich habe realisiert, dass man auch mal zuhause bleiben sollte, wenn alle anderen nachts um die Häuser ziehen.

Im Anschluss wurden Sie zu Borussia Dortmund ausgeliehen. Dort haben Sie mit Jürgen Klopp zusammengearbeitet. Was macht ihn so besonders?

Boateng: Er weiß ganz genau, was er sagen muss, damit du auf den Platz gehst und für ihn sterben würdest. Das hat er allen anderen voraus. Das hat man bei Dortmund gesehen und das sieht man jetzt bei Liverpool. Er gibt selbst den Spielern, die nicht spielen, das Gefühl, dass sie wichtig sind. Unter ihm herrscht ein besonderes Wir-Gefühl.

Und wie bewerten Sie ihn rein fachlich?

Boateng: Daran kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, das ist zu lange her. Der Fußball hat sich im Laufe der Jahre verändert, deshalb wird auch er sich verändert haben. Ich weiß nur, dass wir im Training immer Spaß hatten.

War Liverpool nie ein Thema für Sie, nachdem Jürgen Klopp dorthin gewechselt ist?

Boateng: Andersrum: Ich war nie ein Thema für Liverpool (lacht).

Hätten Sie es gerne gesehen, wenn Liverpool Interesse gezeigt hätte?

Boateng: Für Klopp würde ich sogar nach China wechseln.

Boateng über Ballack-Foul: "Zerstört dich"

Sie wären damals gerne in Dortmund geblieben. Woran ist ein fixer Wechsel gescheitert?

Boateng: Am Geld. Es hat dem BVB damals nur ein Tor für die Europapokal-Qualifikation gefehlt. Hätte Dortmund sich damals für Europa qualifiziert, hätten sie mich gekauft. Klopp hat mich persönlich angerufen und mir mitgeteilt, dass es nicht klappt. Darüber war ich sehr traurig und da hat der sonst so harte Prince auch mal geweint. Ich habe damals geahnt, dass in Dortmund etwas Großes entstehen kann, deshalb wollte ich bleiben. Aber es sollte eben nicht sein.

Dann ging es weiter nach Portsmouth. Dort wurden Sie aufgrund eines Fouls an Michael Ballack zum deutschen Staatsfeind Nummer eins. Was löst so etwas in einem Menschen aus?

Boateng: Diese Frage lässt sich ganz einfach beantworten: Es zerstört dich.

Und wie haben Sie diese Phase überstanden?

Boateng: Ich bin ein Fighter. Ich habe mir immer ins Gedächtnis gerufen, dass ich ein Weddinger Junge bin und mich nichts herunterziehen kann. Ich muss aber sagen, dass es mir eine Zeit lang richtig schlecht ging. Irgendwann kommt dann aber der Punkt, an dem es wieder besser wird. Ich habe versucht, Gas zu geben und die Sache irgendwie vergessen zu machen.

Hat Ihnen dabei auch die gute WM mit Ghana in Südafrika geholfen?

Boateng: Auf jeden Fall. In Südafrika herrschte eine sehr positive Stimmung. Außerdem habe ich gute Leistungen gezeigt, was auch der Presse nicht verborgen blieb. Das hat mich aus diesem kleinen Loch herausgezogen.

Bei der WM stand das Duell mit Ihrem Halbbruder Jerome an. Waren Sie aufgeregt?

Boateng: Ich habe in der Nacht vor dem Spiel nicht geschlafen. Ich konnte von meinem Hotel-Balkon das Stadion sehen. Dort saß ich die ganze Nacht, habe auf das Stadion geschaut und mir ausgemalt, wie die Partie ablaufen könnte. Ich wusste, dass ganz Deutschland und ganz Ghana auf dieses Spiel und auf die Bruder-Geschichte blicken wird und habe keine Ruhe gefunden. Das war ganz schlimm. Dann ist aber letztlich alles gut gegangen. Wir haben zwar knapp verloren, aber beide Mannschaften sind weitergekommen.

Kevin-Prince: "Jerome wird wieder eingeladen"

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Jerome?

Boateng: Ganz normal.

Haben Sie nach Jeromes Nationalmannschafts-Aus mit ihm Kontakt gehabt?

Boateng: Ja, wir haben geschrieben. Ich habe ihm gesagt, dass er sich keine Sorgen machen muss und dass er irgendwann wieder eingeladen wird.

Sie sind also zuversichtlich, dass seine Karriere im DFB-Team noch nicht vorbei ist?

Boateng: Ich glaube fest daran. Er ist einer der besten Innenverteidiger der Welt. Es wird die Phase kommen, in der man ihn wieder braucht.

Die Aussage von Joachim Löw klang allerdings recht endgültig.

Boateng: Wie oft gab es diese angebliche Endgültigkeit bereits in meiner Karriere? Ich bin auch immer wieder gekommen.

Nach der WM sind Sie zum AC Mailand gewechselt und haben sich dort mit vielen Weltklassespielern um einen Platz gestritten. Wie ist es Ihnen gelungen, sich durchzusetzen?

Boateng: Mein damaliger Berater hat mir gesagt: 'Guck Dir die Mannschaft an, da können alle Fußball spielen. Alle Spieler sind überragend. Du musst derjenige in diesem Team sein, der den Technikern den Rücken freihält, derjenige, der die harten Zweikämpfe sucht.' Bis dahin hatte ich mich eigentlich immer selbst als starken Techniker gesehen. Nach seinem Tipp habe ich mein Spiel umgestellt. Ich habe vollen Körpereinsatz gezeigt, die einfachen Bälle gespielt. Genau das hat bei Milan zu diesem Zeitpunkt gefehlt. Innerhalb von zwei Monaten war ich Publikumsliebling.

Hat es Sie nicht gestört, Ihr Spiel derart umstellen zu müssen?

Boateng: Am Anfang sicherlich. Ich war immer ein Spieler, der zwischendurch gerne mal etwas Spektakuläres macht. Das Spektakulärste, was ich bei Mailand gemacht habe, waren die Zweikämpfe. Aber die positiven Reaktionen der Zuschauer und die Tatsache, dass ich nach recht kurzer Zeit Stammspieler wurde, hat mir gezeigt, dass die Umstellung richtig war. Ich habe Spieler verdrängt, von denen man nie gedacht hätte, dass sie draußen sitzen würden. Im zweiten Jahr konnte ich dann auch wieder ein bisschen zaubern (lacht).

Und im dritten Jahr hat es nicht mehr funktioniert.

Boateng: Es gab einen riesigen Umbruch im Team. Legenden gingen, neue, junge Spieler kamen. Das hat nicht so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hatte. Ich war der bekannteste Spieler und habe die meiste Kritik abbekommen.

Wie haben Sie sich mit Zlatan Ibrahimovic verstanden?

Boateng: Sehr gut, er konnte Englisch. Als ich an meinem ersten Tag in die Kabine kam, hat er mich mit meinem Namen angesprochen. Da habe ich mir gedacht: 'Wow, er kennt meinen Namen.' Von dem Moment an haben wir uns gut verstanden. Zlatan ist ein Leader. Ich habe nie einen ehrgeizigeren Menschen kennengelernt. Wenn er im Training verliert, spricht er vier Tage lang kein Wort mit dir.

Boateng: Held? Buhmann? "Genau das hat mir gefallen"

Kommen Sie besser mit Leadertypen zurecht oder ziehen Sie Menschen vor, die Ihnen folgen?

Boateng: Wer folgt mir denn? Ich habe niemals von mir behauptet, ein Leader zu sein. Das behaupten vielleicht andere. Nur zu reden bringt nichts, man muss auf dem Platz Gas geben, dann folgt dir jeder.

Auf Schalke waren Sie ein Leader. Zumindest im ersten Jahr, danach lief es nicht mehr. Hätten Sie sich ein anderes Ende in Gelsenkirchen gewünscht?

Boateng: Ich habe mich bei Schalke wohlgefühlt. An einem Tag bist du der Held, einen Tag später der Buhmann. Genau das hat mir aber gefallen. Es gab immer Action. Im zweiten Jahr lief es fußballerisch nicht mehr und ich wurde plötzlich als Stinkstiefel dargestellt. Das war aber nicht so. Ich habe es akzeptiert, dass ich auf die Bank gesetzt wurde. Der Rest ist Geschichte und stand in der Zeitung.

Sie hatten nach Ihrem Engagement bei Schalke unter anderem Angebote aus den USA. Hätte die MLS Sie gereizt?

Boateng: Ich wollte eigentlich einfach nur weg, raus aus diesem Wirbelsturm. Ich bin eine Person, über die ständig in den Zeitungen berichtet wird. Es gab Überlegungen, Europa zu verlassen. Aber meine Frau hat gesagt, dass wir bleiben, weil ich noch so viel zu zeigen hätte. Ich war plötzlich vereinslos, das muss man sich mal überlegen. Und jetzt spiele ich bei Barcelona. Das ist unglaublich. Ich liebe meine Geschichte, weil sie zeigt, dass es immer weitergeht. Ich habe im Camp Nou das Trikot als Startelfspieler getragen. Wer kann das schon von sich behaupten?

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