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Fussball

Kevin-Prince Boateng vom FC Barcelona im Interview: "Für Klopp würde ich sogar nach China wechseln"

Von Daniel Herzog
Boateng spielte bereits für Schalke und Dortmund.

Sie wurden von Barcelona als Mittelstürmer verpflichtet, können aber zwischen defensivem Mittelfeld und Angriff jede Position spielen. Ist diese Flexibilität eher Fluch oder Segen?

Boateng: Am Ende ist es eher zum Fluch geworden. Zunächst fand ich es positiv, mehrere Positionen zu lernen. Während meiner Zeit bei Schalke 04 habe ich mal auf der Sechs gespielt, mal als Zehner, mal ganz vorne oder auf den Außenbahnen. In beinahe jedem Spiel hatte ich eine andere Position, auf der jeweils andere Eigenschaften gefragt sind. Es ist nicht immer einfach, so schnell umzudenken.

Sie zeichnet Ihre hohe Spielintelligenz aus. Wie haben Sie sich diese angeeignet?

Boateng: Die habe ich vom lieben Gott geschenkt bekommen. Ich war nie der Schnellste oder der beste Techniker. Das konnte ich dank meiner Spielintelligenz ausgleichen.

Und welche Position spielen Sie am liebsten?

Boateng: Die Zehn ist meine Lieblingsposition. Aber mittlerweile spielt kaum noch eine Mannschaft mit echtem Spielmacher.

Haben Sie sich vor Ihrem Wechsel Barcelona-Spiele angeschaut, um zu analysieren, wie Sie sich in diesem Spielsystem zu verhalten haben?

Boateng: Nein, das würde ich nicht sagen. Das hat man in der DNA. Wenn man auf dem Platz steht, lernt man ganz schnell, was verlangt wird. Man braucht bei einem neuen Verein ungefähr zwei Wochen, um zu verstehen, wie die Philosophie aussieht. Einen Tag nach meinem Wechsel habe ich mein Debüt gegeben und muss zugeben, dass das schwierig war.

Hat es Ihnen geholfen, dass Sie Ihre ersten Schritte auf dem Bolzplatz gemacht haben?

Boateng: Auf jeden Fall. Ich habe immer gesagt, dass die besten Spieler von der Straße kommen. Die wissen ganz genau, worum es beim Fußball geht. Andere wichtige Aspekte wie eine taktische Ausbildung kommen erst danach. Aber nach oben kommst du, wenn du weißt, wie du mit dem Ball umzugehen hast.

Gibt es die typischen Straßenfußballer heutzutage überhaupt noch?

Boateng: Die findet man jedenfalls nicht mehr so oft. Heutzutage werden die guten Spieler mit sieben oder acht Jahren von der Straße geholt und in die Jugendleistungszentren gesteckt. Dort werden sie wie Profis auf die Zukunft vorbereitet.

Bewerten Sie diese Entwicklung als positiv?

Boateng: Das kommt auf den jeweiligen Spieler an. Manch einer braucht die Straße, um sich zu entwickeln, für einen anderen ist es vorteilhaft, früh professionell ausgebildet zu werden. Für mich persönlich war es sicherlich hilfreich, auf der Straße gelernt zu haben. Vielleicht wäre aus mir nichts geworden, wenn ich früh in eine Fußball-Akademie gekommen wäre.

Es hat aber auch dazu geführt, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere Probleme mit der Disziplin hatten.

Boateng: Die Disziplin war schon da, aber ich fand es damals cool, sie ein bisschen nach hinten zu schieben. Vielleicht hätte mir die Akademie als Person weitergeholfen. Fußballerisch bin ich der Meinung, dass die Straße der beste Ort für meine Ausbildung war.

Boateng: In Mailand gelernt, Profi zu sein

In der F-Jugend haben Sie als Libero angefangen. Wie hat man sich das vorzustellen?

Boateng: Ich war der einzige Libero, der den Ball hochgenommen und per Fallrückzieher nach vorne geschossen hat (lacht). Daran kann ich mich noch erinnern. Mein Trainer hat damals gesagt, dass der technisch stärkste Spieler hinten spielen soll. Das habe ich nicht verstanden. Ich stand hinten rum, war Kapitän und habe die Bälle nach vorne gehauen.

Ihre Trainer in der E-Jugend hatten eine ähnliche Philosophie wie sie bei Ajax Amsterdam gepflegt wird. Inwiefern hat Ihnen das weitergeholfen?

Boateng: Das hat mir sehr weitergeholfen. Schönen Gruß an Dennis-Hoy Ettisch und Frank Friedrich an dieser Stelle. Das waren zwei überragende Trainer, die alle Spieler hervorragend ausgebildet haben. Die haben sich viel von der Ajax-Schule abgeschaut. Wir hatten sogar ähnliche Trikots wie Ajax, rot-weiß gestreift. Obwohl die Vereinsfarbe der Reinickendorfer Füchse grün war.

Welche Zeit in Ihrer Karriere war die prägendste?

Boateng: Die Jahre in Mailand. Dort habe ich gelernt, was es heißt, Profi zu sein, was es heißt, ein Mann zu sein und was es heißt, Familienvater zu sein. Das haben mir meine damaligen Mitspieler beigebracht. Da zog man nicht mehr nach dem Training miteinander um die Häuser. Jeder fuhr zurück zu seiner Familie.

Das war zu Beginn Ihrer Laufbahn noch anders?

Boateng: Natürlich, da haben die Kumpels noch beim Training vorbeigeschaut und danach hat man gefeiert, dass man bei den Profis mitmachen durfte.

Waren Sie ein Vorbild für Ihre Kumpels, weil Sie gezeigt haben: Man kann es aus Berlin-Wedding herausschaffen, wenn man hart an sich arbeitet?

Boateng: Ja, das haben meine Freunde mir gesagt. Auch diejenigen, mit denen ich heute noch Kontakt habe, sagen: 'Du hast gezeigt, dass man es von der Straße nach ganz oben schaffen kann.' Dafür sind sie mir bis heute noch dankbar. Viele meiner Kumpel haben mittlerweile selbst Kinder und sagen ihnen: 'Mit dem Boateng habe ich früher im Park zusammengekickt. Gib also Gas, dann kommst Du hier auch raus.'"

Boateng: "... als ich Ronaldinho nach Wedding gebracht habe"

Erfüllt einen das mit Stolz?

Boateng: Sehr. Der schönste Moment für mich war, als ich Ronaldinho an die Panke nach Wedding gebracht habe. Ich war unheimlich stolz, diese Legende in die Nachbarschaft gebracht zu haben. Da habe ich gedacht: Jetzt habe ich es wirklich geschafft.

Was ist Ronaldinho für ein Typ?

Boateng: Wir hatten viel Spaß zusammen. Er nimmt das Leben nicht so ernst und lacht immer. Mit ihm kann man sich nicht streiten. Es gibt ganz wenige Spieler, die auf der ganzen Welt geliebt werden. Er gehört neben Zinedine Zidane, Andrea Pirlo oder dem brasilianischen Ronaldo zu diesen Spielern. Er hat Fußball auf einem anderen Level gespielt.

In Mailand haben Sie Ronaldinho am Ende seiner Karriere erlebt. Sie haben damals gesagt, dass er mit seinen 32 Jahren nicht mehr trainieren muss. Wie meinten Sie das?

Boateng: Ronaldinho hätte zwei Monate nicht trainieren müssen und hätte im Anschluss das Champions-League-Finale im Alleingang gewonnen. Vielleicht hätte er damals mehr trainieren können. Er wollte das aber nicht - und war trotzdem der Beste.

Bei Hertha BSC sind Sie Niko Kovac begegnet, der ebenfalls aus Wedding stammt. Verbindet die Herkunft?

Boateng: Wir haben uns sofort super verstanden. Niko hat mich anfangs zur Seite genommen und mir erklärt, wie man sich im Profi-Business zu verhalten hat. Wenn ich im Training zu viel mit der Hacke gespielt habe, hat er mich auch mal ordentlich weggegrätscht.

War das hilfreich?

Boateng: Definitiv. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Er hat mich ab und zu auf den Boden geholt, wenn ich mich wie der Coolste gefühlt habe, weil ich Fußballprofi bin.

War Kovac also auch ein Grund für Ihren Wechsel zu Eintracht Frankfurt?

Boateng: Er war der einzige Grund. Ich fand die Eintracht schon immer cool. Ich hatte immer eine Verbindung zu Frankfurt. Gegen die Eintracht habe ich mein erstes Bundesligaspiel und mein erstes Bundesligator gemacht. Mein letztes Spiel bevor ich nach England gewechselt bin, war ebenfalls gegen Frankfurt. Auch in diesem Spiel habe ich getroffen. Deshalb habe ich gesagt: 'Das passt irgendwie.' Niko hat mich angerufen und ich habe sofort zugesagt.

Haben Sie sich in Frankfurt oder in Mailand wohler gefühlt?

Boateng: Das ist schwer zu vergleichen. Frankfurt liegt in Deutschland, in meiner Heimat. Insgesamt hatte ich in Mailand aber die beste Zeit. Ich möchte nach meiner Karriere dort leben. Aber Frankfurt hat mir ebenfalls viel gegeben. Das war ein tolles Jahr, alles lief perfekt. Es gab überhaupt keinen Ärger. Es war wichtig und schön für mich, ohne Probleme aus Deutschland wegzugehen.

Ansonsten hatten Sie fast überall Probleme. Woran lag das?

Boateng: Ich habe viele Fehler in meinem Leben gemacht, dazu stehe ich. Daraus habe ich aber gelernt. Das ist das Wichtigste. Ich schaue aber nicht mehr zurück, sondern nur noch nach vorne. Ich weiß mittlerweile, wann ich meinen Mund halten sollte. Wenn man das nicht lernt, ist man ein Holzkopf.

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