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Fussball

Der Prophet im eigenen Land

Von Für SPOX in Barcelona: Andreas Lehner
CL-Finale 2012: Philipp Lahm (r.) kümmert sich um den untröstlichen Bastian Schweinsteiger
© imago

Philipp Lahm bestreitet am Mittwoch sein erstes Spiel in Barcelona (20.30 Uhr im LIVE-TICKER). Dabei wollten ihn die Katalanen vor Beginn ihrer Ära unbedingt verpflichten. Lahm bekannte sich zum FC Bayern, ist dort jetzt Kapitän und hat entscheidenden Anteil an der Entwicklung seines Vereins. Nur eine Sache fehlt noch.

Der Kapitän blieb am längsten. Selbst in einer der schwersten Stunden in seinem Fußballerleben wurde Philipp Lahm seiner Vorbildfunktion gerecht. Als letzter Spieler einer geschlagenen Mannschaft verließ er den Postpalast im heimischen München, der sich für eine historische Sause geschmückt hatte.

Der FC Bayern hatte gerade das Champions-League-Finale 2012 gegen den FC Chelsea im eigenen Stadion verloren. Ein bitterer Abend für den gesamten Klub, der in den nächsten Tagen wie gelähmt von diesem Schock wirkte.

Auch Lahm wusste um die historische Chance. Den Pokal in seiner Heimatstadt zu gewinnen und die Mannschaft als Kapitän anzuführen, diese Möglichkeit bietet sich wohl kein zweites Mal in seiner Karriere.

Finale dahoam schnell abgehakt

Lahm lieferte wie schon in den Halbfinalspielen gegen Real Madrid eine bärenstarke Partie ab, er zitterte seinen Elfmeter gegen Petr Cech hinein, obwohl er einige Wochen zuvor im Estadio Santiago Bernabeu noch verschossen hatte. Trotzdem musste er zusehen, wie Frank Lampard und John Terry den Henkelpott in die Höhe reckten, nicht er. In seinem Stadion. In seiner Heimatstadt.

Lahm hat keinen Hang zum Pathos und zum Dramatischen, so konnte er die Niederlage relativ schnell verarbeiten. Nach dem Motto: So ist eben Fußball. Gleichwohl ist ihm bewusst, welch große Chance er und seine Mannschaft liegen gelassen haben und wie schwer es ist, ein Champions-League-Finale zu erreichen. Auch wenn das in dieser Saison beim FC Bayern bisher spielend leicht aussieht.

"...dann muss das Ding her"

Lahm weiß, ein Finale in der Königsklasse lässt sich nicht planen. Hier entscheiden Kleinigkeiten und manchmal auch Zufälle über Erfolg und Misserfolg. Dass der FC Bayern vor dem dritten Endspiel in vier Jahren steht, ist eine große Leistung, "aber das ist klar, dann muss das Ding her", sagt Lahm. In der Rückschau sind zweite Plätze nichts wert, es zählen nur Titel.

Vier deutsche Meisterschaften und drei DFB-Pokalsiege sind eine ordentliche Ausbeute, zur Krönung bedarf es aber eines internationalen Titels. Die Generation um Lahm und Bastian Schweinsteiger würde als unvollkommen gelten. Ähnlich wie die Generation um Klaus Augenthaler auf Vereinsebene, die reihenweise Meistertitel einfuhr, im Europapokal der Landesmeister aber immer kurz vor dem Triumph stolperte.

Mit dem Sieg in der Champions League würde auch das Gerede der Ehemaligen verstummen, die Lahm und Schweinsteiger von Zeit zu Zeit mangelnde Führungsstärke und Siegermentalität vorwerfen.

Das entscheidende Interview

Dabei hat Lahm bereits im November 2009 gezeigt, dass er durchaus in der Lage ist, Missstände klar anzusprechen und Verantwortung zu übernehmen. Mit einem Zeitungsinterview löste er ein Erdbeben an der Säbener Straße aus.

Damals noch Stellvertreter von Mark van Bommel, kritisierte Lahm die Konzeptlosigkeit des Vereins und prangerte die unstrukturierte Transferpolitik an. Außerdem positionierte er sich klar auf der Seite von Trainer Louis van Gaal, der damals stark in der Kritik stand und dessen Ablösung schon diskutiert wurde.

Van Gaal durfte seine Arbeit fortsetzen, etablierte eine klare Spielidee und führte die Mannschaft zum Double sowie ins Champions-League-Finale (0:2 gegen Inter). Auf dieser Grundlage ist der neue FC Bayern gebaut, der laut aktuellem Trainer Jupp Heynckes den "modernsten und zeitgemäßesten Fußball seiner Geschichte" spielt.

"Wir haben seit Jahren unser Spielsystem gefunden", sagt Lahm. "Wir haben eine Philosophie, wie man heute sagt." Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man Lahms kritische Interviewaussagen als Teil dieser Entwicklung betrachtet.

Harsche Reaktion des Vereins

Der Verein reagierte in der Öffentlichkeit harsch. Präsident Uli Hoeneß meinte, Lahm werde dieses Interview noch einmal bereuen und legte sich mit dessen Berater Roman Grill an, den er als Strippenzieher im Hintergrund entlarvt haben wollte.

Außerdem verdonnerte der Klub Lahm zu einer Rekordstrafe von 50.000 Euro. Im Rückblick gut investiertes Geld, nachdem Lahm mit seinen Anmerkungen intern zuvor kein Gehör gefunden hatte.

Lahm dürfte sich damals vorgekommen sein wie der Prophet im eigenen Land. Schließlich spielt der im Münchner Stadtteil Gern aufgewachsene Lahm schon seit 1995 für den FC Bayern. Bis auf seine Lehrzeit als Leihspieler beim VfB Stuttgart war er den Münchnern immer treu.

Absage an Barca

Und das obwohl die Großen der Branche bei ihm nach der WM 2006 Schlange standen. Lahm hatte damals schon einmal einen historischen Moment. Er erzielte im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica (4:2) in München das erste Tor des Turniers.

Manchester United und der FC Barcelona warben um ihn. Vor allem Barca wollte die Planstelle links hinten mit dem damals 22-Jährigen dauerhaft schließen. Berater Grill riet ihm zu diesem Schritt, Lahm lehnte ab. Er wollte zunächst mit seinem Klub etwas erreichen. Als er 2009 die Perspektive gefährdet sah, griff er ein.

Als ein Erweckungserlebnis diente auch die 0:4-Demütigung im Camp Nou beim FC Barcelona, als das Team von Jürgen Klinsmann Ex-Trainer Udo Lattek die Tränen in die Augen trieb. Lahm musste damals am Spieltag verletzt passen. Es ist also sein erster Auftritt in dieser Kathedrale des Fußballs, die vor einigen Jahren seine Heimat hätte werden können.

Wembley lockt

Lahm wird im November 30 Jahre alt. Er könnte der Kapitän einer Mannschaft werden, die unter dem neuen Trainer Pep Guardiola eine Ära im europäischen Fußball prägen soll. Kritische Interviews muss Lahm nicht mehr geben, seine Meinung wird im Klub sehr geschätzt.

Dass vor einer möglichen goldenen Zukunft die Gegenwart steht, mahnt Lahm auch vor dem Rückspiel in Barcelona an. "Ich war schon mal 4:0 vorne, vor nicht allzu langer Zeit", sagt der Kapitän in Anspielung auf das 4:4 der deutschen Nationalmannschaft im Oktober 2012 gegen Schweden.

Lahm hat genug vom Verspielen historischer Chancen. Wembley lockt. Er will am 25 Mai den Pokal von UEFA-Präsident Michel Platini in die Höhe stemmen und dann vielleicht auch wieder die Party als Letzter verlassen.

Philipp Lahm im Steckbrief

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