Cookie-Einstellungen
Fussball

Keine Lust auf Running Gag

Von SPOX
Mit dieser Mannschaft wird der Hamburger SV in die Saison 2015/16 gehen
© getty

Vor dem Start der 53. Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Diesmal: Der Hamburger SV.

"Hier müsste heute der Hamburger SV spielen", stand auf einem Spruchband, das die Fans der SpVgg Greuther Fürth am 1. Spieltag der aktuellen Zweitliga-Saison gegen den Karlsruher SC hochhielten. Auch wenn das Spruchband hauptsächlich auf die Fehlentscheidung Manuel Gräfes abzielte, der Hamburg den Freistoß zum Ausgleich im Relegations-Rückspiel zusprach, kann es vom HSV gleichzeitig auch als Warnzeichen wahrgenommen werden. Knapp war es. Schon wieder.

Zwei aufeinanderfolgende Spielzeiten steckten die Rothosen tief im Abstiegskampf und konnten sich nur über die Relegation retten. Das kommende Jahr steht also komplett unter dem Scheffel der Neu-Orientierung und Stabilität. Niemand erwartet in Hamburg große Sprünge, die einstigen Rufe nach europäischem Fußball sind der Besorgnis um Sicherheit und Liga-Zugehörigkeit gewichen. Hauptsache man wird nicht zum Relegations-Running-Gag.

Gesicht des Neuaufbaus ist Bruno Labbadia. Der 49-Jährige übernahm den Dino in der vergangenen Saison von Peter Knäbel in einer nahezu aussichtlosen Situation und schaffte doch noch den Klassenerhalt. Die Frage ist, ob Labbadia auch der richtige Trainer für den HSV ist - und nicht nur der richtige Retter.

Das ist neu:

Hamburg vollzieht den Umbruch. Aufgrund der schlechten finanziellen Lage - den HSV drücken Verbindlichkeiten zwischen 90 und 100 Millionen Euro - findet dieser aber nur langsam und nicht durch eine Vielzahl von Neueinkäufen statt: In Heiko Westermann, Marcell Jansen und Rafael van der Vaart ließ man die Verträge von drei Top-Verdienern auslaufen, zudem wurde das Arbeitspapier mit Maximilian Beister aufgelöst. So entledigte man sich einer großen finanziellen Last.

Dazu spülten die Transfers von Jonathan Tah, für den Leverkusen 7,5 Millionen Euro überwies, und Valon Behrami, der für 3,5 Millionen Euro zu Watford ging, zusätzliches Geld in die Kassen und ermöglichten so überhaupt erst, selbst auf dem Transfermarkt tätig zu werden.

Labbadia bekam seinen Wunschspieler Albin Ekdal von Cagliari Calcio und Gotoku Sakai, mit dem er in Stuttgart schon drei Jahre zusammenarbeitete. Außerdem wurden Sven Schipplock aus Hoffenheim, Michael Gregoritsch aus Bochum und Batuhan Altinas von Bursaspor geholt. Sie sollen in der zuletzt lahmenden Offensive neue Impulse setzen und die Konkurrenzsituation erhöhen.

Für einen Paukenschlag sorgte noch der Transfer von Emir Spahic, den Hamburg aus der Vereinslosigkeit an die Elbe lotste. Der Bosnier galt nach der Attacke auf einen Ordner in Leverkusen als Bad Boy der Bundesliga und nicht vermittelbar. Für den HSV ist er aber eine logische und folgerichtige Verpflichtung.

Die Taktik:

Sechs Spieltage vor Schluss kam Labbadia in der letzten Saison, für neue taktische Konzepte oder Überraschungen war da keine Zeit. Er übernahm das 4-2-3-1, das auch seine Vorgänger Joe Zinnbauer und Knäbel meist spielen ließen.

In der Vorbereitung auf die kommende Saison probierte der 49-Jährige nun mehrere Varianten aus, griff meist aber auf das 4-2-3-1 oder ein recht ähnliches 4-3-3 zurück, in dem das Mittelfeld etwas offensiver ausgerichtet ist. Lewis Holtby wird voraussichtlich als Achter oder Zehner gesetzt sein, um die Plätze dahinter streiten sich Gojko Kacar, Marcelo Diaz und Ekdal. Den letzten Trainingseindrücken zufolge haben Ekdal und Kacar momentan die Nase vorne.

Ähnlich sieht es eine Reihe weiter vorne aus. Pierre-Michel Lasogga ist zwar zunächst gesetzt, der Druck auf den Mittelstürmer ist nach der Verpflichtung von Schipplock aber deutlich gestiegen. Der Ex-Hoffenheimer ist ein ähnlicher Typ wie Lasogga und hat schon mehrfach gezeigt, dass er auch von der Bank mit Volldampf in ein Spiel geht. Schwächelt Lasogga, stünde Schipplock sofort bereit.

Hinten anstellen müssen sich zunächst Ivica Olic und Neuzugang Gregoritsch, Nicolai Müller und Ivo Ilicevic werden auf den Außen den Vorzug vor dem Routinier und dem Youngster erhalten.

Relativ klar sind die Verhältnisse dagegen in der Abwehr und im Tor. Rene Adler, Johan Djourou und Matthias Ostrzolek sind ebenso gesetzt wie Spahic. Einzig auf der Rechtsverteidigerposition könnte Neuzugang Sakai Dennis Diekmeier den Rang ablaufen.

Der Spieler im Fokus:

Nicolai Müller kam als großer Hoffnungsträger und mit der Empfehlung von 21 Toren und 13 Assists in 81 Spielen aus Mainz. In Hamburg gelangen ihm ein Tor und vier Vorlagen - der 27-Jährige blieb komplett hinter den Erwartungen zurück. Dass der HSV in der gesamten Saison nur 25 Tore erzielte, muss sich auch Müller ankreiden lassen, der vor allem in den wichtigen Spielen zu oft untertauchte.

In der kommenden Saison soll dies anders werden: "Hinter uns liegt ein schweres Jahr. Auch ich habe mir meinen Start in Hamburg anders vorgestellt. Es ist jetzt an uns, zu zeigen, was wir wirklich können", sagte Müller im Hinblick auf die kommende Saison.

Der HSV wird sein Tempo, seine Ideen und Tore brauchen, zumal auch von Backup Olic keine Wundertaten mehr zu erwarten sind. Der Kroate kämpft und beißt zwar wie eh und je, seine Technik- und Geschwindigkeitsdefizite werden allerdings immer deutlicher.

Nicolai Müllers Statistiken der Saison 2014/15

Das Interview:

SPOX: Wie muss es jetzt weitergehen für den HSV, Herr Hartwig?

Jimmy Hartwig: Dieselben Köpfe bleiben dran, es wird sich nichts ändern. Dietmar Beiersdorfer hat Blödsinn eingekauft. Dass man Herrn Beiersdorfer überhaupt zurückgeholt hat... Er wird vom HSV entlassen, geht weg und kommt dann wieder zu dem Verein zurück, der ihn rausgeschmissen hat. Bei Bruno Labbadia ist es ja genau dasselbe. Ich sehe eigentlich das Gute im Fußball, dass da noch etwas Charakterfestigkeit herrscht. Aber wenn ich einige Herren dort sehe, dann haben die ihren Charakter glaube ich an der Garderobe abgegeben.

SPOX: Sie haben den Verein selbst in seiner erfolgreichsten Zeit miterlebt. Was hat den Verein damals ausgemacht, was heute nicht mehr gegeben ist?

Hartwig: Der Zusammenhalt und die Kameradschaft in der Mannschaft. Günther Netzer war Manager, der hatte das sportliche Sagen. Dem haben nicht tausend Leute reingesprochen. Es gab nicht tausend Spielervermittler, die rumgerannt sind und Spieler angeboten haben. Man muss sich auch einmal ansehen, welche Spieler man eingekauft hat. Jetzt werden sie wieder weggeschickt. Rafael van der Vaart haben sie als großen Spieler gefeiert - außer die Hand heben und dirigieren wie Herbert von Karajan habe ich von ihm die letzten Jahre nichts gesehen.

SPOX: Und Ihr persönlicher Zukunftsausblick für die kommenden Saison

Hartwig: Nächstes Jahr geht dieselbe Leier wieder los. Dann hofft man wieder, dass man oben mitspielt. Wir werden sehen. Aber es könnte sein, dass wir nächstes Jahr um diese Zeit wieder über den HSV sprechen (lacht).

HSV-Legende Jimmy Hartwig im Interview

Die Prognose:

Hamburg hat die ersten wichtigen Schritte eingeleitet, die Mannschaft wurde im Rahmen der Möglichkeiten sinnvoll verstärkt.

Die vermeintlichen Leistungsträger, die den Verein verlassen haben, waren längst keine mehr und fallen sportlich kaum ins Gewicht.

Labbadia wird die richtige Marschroute finden und den HSV auf Kurs bringen. Zwar nicht Richtung Europa, aber immerhin auf einen Platz im gesicherten Mittelfeld, irgendwo zwischen Rang 11 und 14.

Ein einigermaßen ruhiges Jahr ist ohnehin das einzige Saisonziel in Hamburg.

Alle Infos zum Hamburger SV

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung