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Fussball

Rasur a la Klinsmann

Von Für SPOX in der Allianz Arena: Florian Bogner
Lukas Podolski (l.) kennt das Reservistendasein. Michael Rensing muss sich daran noch gewöhnen
© Getty

Durch das klare 4:0 gegen Frankfurt hat Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann seinen Kopf aus der Schlinge gezogen. Mit den Fans ist er deshalb aber noch lange nicht versöhnt - zumal er in Sachen Torwart eine äußerst unpopuläre Entscheidung getroffen hat.

Am Anfang stand ein gellendes Pfeifkonzert. Als der Name Jürgen Klinsmann vom Stadionsprecher verlesen wurde, prasselte der geballte Frust der Bayern-Fans auf den Trainer danieder. Die Südkurve pfiff sich die Seele aus dem Leib.

Zwei Niederlagen mit 1:9 Toren binnen vier Tagen hatten in der bajuwarischen Fan-Seele tiefe Risse hinterlassen, Klinsmann war als Schuldiger ausgemacht. Der Boulevard sprach bereits von einem Endspiel für den Bayern-Coach.

90 Minuten später war die Arena etwas besänftigt. Besser gesagt: Die Entschuldigung der Mannschaft war angekommen. Nach dem klaren 4:0 über Eintracht Frankfurt wurden die Spieler mit Applaus in die Katakomben verabschiedet.

Klinsmann rasiert den Fan-Liebling

Dort beeilte sich Klinsmann alsbald zu sagen, dass er nach den Klatschen von Wolfsburg und Barcelona "totales Verständnis" dafür habe, dass die Fans auf "ihren Trainer" sauer sind. Sein Fazit nach dem Sieg: "Wir haben einiges repariert, aber noch nicht alles."

Damit meinte er vor allem sein Verhältnis zu den Fans. Dass Klinsmann im Fanblock in Rekordzeit zur persona non grata avanciert ist, hat er sogar noch beschleunigt, indem er ihm einen seiner Lieblinge weggenommen hat.

Das Eigengewächs Michael Rensing sehen die Treuesten der Treuen als legitimen Nachfolger von Oliver Kahn an. Doch nun steht da Hans-Jörg Butt im Tor, Rensing guckt nur noch zu.

Während seine Mannschaft den Frankfurtern ein Ei nach dem anderen ins Nest legte, erntete der Trainer deshalb weitere "Klinsmann raus!"-Rufe. Sechs Mal insgesamt.

Vor dem Spiel, nach dem 1:0, nach dem 2:0. Das letzte Mal ertönte der fatalistische Sprechchor sogar noch nach dem 4:0, da allerdings ironischerweise aus dem Frankfurter Block.

"Es ist eben so: Als Trainer musst du den Kopf hinhalten", versuchte der Trainer verständig zu klingen. "Er muss aber dennoch dafür sorgen, dass es wieder in die richtige Richtung geht." Mit einem Torwartwechsel zum Beispiel.

Wie beim Sommermärchen?

Seit Nationaltrainertagen weiß man: Klinsmann scheut nicht vor unangenehmen Entscheidungen.

"Ich habe einige Erlebnisse durchgemacht, in denen es um meine Person schlimmer stand", sagte er und dachte dabei an die Situation drei Monate vor der WM 2006, als man 1:4 in Italien einging. "Danach gab es das Sommermärchen", gibt Klinsmann zu bedenken.

Auch damals hatte er den populäreren Torwart (Kahn) rasiert - und war mit der 1b (Lehmann) bis ins WM-Halbfinale durchgestartet. Diesmal ist Rensing derjenige, der erstmal auf der Strecke bleibt.

"Es gibt Momente, in denen ich erkennen muss, dass ich die Verantwortung an einen sehr erfahrenen, ruhigen und sachlichen Torhüter weitergeben muss", erklärte Klinsmann den Wechsel vom 24- zum 34-Jährigen Schlussmann.

Rensing schweigt sich aus

Butt sei zudem in Barcelona der einzige gewesen, der seinen Kopf wortwörtlich hingehalten hatte: "Er wurde von Thierry Henry malträtiert und die Mannschaft hat nicht mal irgendwann mit einem Revanchefoul reagiert. Da habe ich gesagt: Den Jörg lasse ich nicht so dastehen."

Eine Entscheidung, die Michael Rensing mit Schweigen kommentierte. Er hatte nach dem Spiel in Barcelona noch erklärt, seine Degradierung auf die Bank sei "eine einmalige Sache" gewesen und er gehe "natürlich" davon aus, gegen Frankfurt wieder im Tor zu stehen.

Dem schob Klinsmann nun den Riegel vor. "Ich habe die Entwicklung von Michael im Moment zurückgestuft, weil es nur noch um nackte Punkte geht", sagte der Trainer. Ist Rensing also ein Bauernopfer? Klinsmann betonte immer wieder, dass es keine Entscheidung gegen die alte, sondern für die neue Nummer eins sei.

Vom Bankdrücker zum Leader

Butt sei nämlich innerhalb von zehn Monaten schon zu "einem der Leader" im Team gereift. Ein Kompliment, das der 34-Jährige gerne unterschreibt. "Man kann auch Verantwortung übernehmen, wenn man nicht jedes Spiel spielt", erklärte Butt gegenüber SPOX.

"Ich habe im Training immer Gas gegeben und auch versucht, der Mannschaft in anderen Bereichen zu helfen. Wenn man mich dann als Leader beschreiben will, okay." Die Vorteile Butts gegenüber Rensing liegen für den Trainer auf der Hand.

"Er hat eine unglaubliche Erfahrung. Die mache ich mir jetzt zu Nutze, auch wenn ich weiß, dass ich dem Michael in dieser Phase weh tue. Aber Jörg ist qualitativ einen kleinen Tick voraus", sagte Klinsmann. Ein Schlag ins Gesicht für Rensing, der sich nun erstmal hinten anstellen muss.

Bayerns 4:0 gegen Frankfurt in der SPOX-Analyse

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