Fussball

Der Streit zwischen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Pep Guardiola: "Ich habe die Beherrschung verloren und Guardiola angeschrien"

Pep Guardiola und Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt arbeiteten von Juli 2013 bis April 2015 gemeinsam für den FC Bayern München.

Der jahrzehntelange Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt beendet nach der aktuellen Saison seine Tätigkeit beim FC Bayern München. Bereits 2015 hatte er den Klub vorübergehend verlassen - nach heftigen Eklats mit Pep Guardiola. Vom Streit zweier stolzer Männer.

"Wenn ich auf meine 40 Jahre beim FC Bayern zurückblicke, bin ich glücklich und sehr zufrieden", wird Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in einem Statement des FC Bayern München zitiert, in dem er seinen Abschied nach der aktuellen Saison verkündet. "Die Erlebnisse, die wir hier gemeinsam hatten, die Erfolge, die wir zusammen gefeiert haben und vor allem die Menschen, die ich in diesem Verein kennengelernt habe, haben mein Leben nachhaltig geprägt."

Müller-Wohlfahrt richtig wütend zu machen, hat in dieser Zeit nur einer geschafft: Pep Guardiola. "Zum ersten Mal in all den Jahren bin ich laut geworden", erinnerte sich Müller-Wohlfahrt später in seiner Autobiografie an ein Treffen im Frühling 2015.

Was war passiert? "Guardiola und ich setzten uns an den großen Tisch, an dem die Spieler morgens frühstücken, das Geschirr stand noch darauf. Es sollte eine Aussprache werden - und es wurde ein Eklat. Ich habe völlig die Beherrschung verloren, Guardiola angeschrien und dann derart mit der Faust auf den Tisch gehauen, dass die Teller und Tassen nur so gescheppert haben."

Als Müller-Wohlfahrt den FC Bayern eigenmächtig verließ

Kurz darauf verkündete der damals 72-jährige Müller-Wohlfahrt nach 38 Jahren beim FC Bayern ohne vorherige Rücksprache mit den Klubverantwortlichen und mit sofortiger Wirkung seinen Abschied. Auch seine Medizinerkollegen Peter Ueblacker, Lutz Hänsel und sein Sohn Kilian Müller-Wohlfahrt verließen den Klub.

Den finalen Ausschlag für den Rücktritt gab das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Porto Mitte April 2015, das der FC Bayern ohne die Verletzten Bastian Schweinsteiger, Medhi Benatia, Franck Ribery, Arjen Robben, Javi Martinez und David Alaba mit 1:3 verlor.

"Danach wurde aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht", schrieb Müller-Wohlfahrt in einem damaligen Statement. Später erzählte er: "Ich wurde vor versammelter Mannschaft lautstark angegriffen und für die vielen Verletzten verantwortlich gemacht. Ich sei schuld am körperlichen Zustand der Spieler und letztlich an der Niederlage." Guardiola äußerte sich zu dem Vorfall öffentlich nicht, sagte damals lediglich, dass er "großen Respekt" vor Müller-Wohlfahrts Rücktritts-Entscheidung habe.

Guardiola, Müller-Wohlfahrt und die Deutungshoheit

Bereits direkt nach seiner Ankunft im Sommer 2013 begann zwischen Trainer und Mannschaftsarzt das Ringen um die Deutungshoheit in Sachen Verletzungen und Behandlungen. "Der erste Tag war in Ordnung, der zweite auch", erinnert sich Müller-Wohlfahrt, "doch schon am dritten kam Guardiola auf mich zu und fuhr mich aus heiterem Himmel an: 'Was ist hier eigentlich los? Ich dachte, ich komme in die beste medizinische Abteilung der Welt, und wir haben zwei Dauerverletzte, die schon längst wieder gesund sein sollten. Was soll denn das?' Er sagte das in einem aggressiven, vorwurfsvollen Ton."

Guardiola passte es nicht, dass sich Müller-Wohlfahrt nicht permanent am Klubgelände, sondern hauptsächlich in seiner Praxis im Stadtzentrum aufhielt. Und ihm passte es auch nicht, dass der FC Bayern nicht Müller-Wohlfahrts einziger Lebensinhalt war, dass er zum Beispiel auch mit der deutschen Nationalmannschaft um die Welt reiste oder jamaikanische Muskeln wie die von Usain Bolt behandelte. Gleichzeitig soll Guardiola Müller-Wohlfahrt laut dessen Aussage vorgehalten haben, dass Verletzungen in Deutschland um zwei Drittel länger dauern, als er es von seinem Ex-Klub FC Barcelona gewohnt war. Kurz: Es mangelte am grundsätzlichen Vertrauen.

"Es ging sogar so weit, dass er unser medizinisch durchdachtes, jahrelang bewährtes Vorbereitungsprogramm vor dem eigentlichen Fußballtraining auf den Kopf stellte", sagte Müller-Wohlfahrt. "Ich konnte nicht begreifen, dass ein Trainer, der so viele Lebensjahre zählte wie ich Berufsjahre bei den Bayern, mir und meiner Erfahrung keinerlei Gehör schenkte." Zwei stolze Männer, die sich selbst glaubten und nur sich selbst.

Thiago und der erste Eklat

Den ersten konkreten Eklat gab es wegen Guardiolas Lieblingsspieler Thiago, der sich im Frühling 2014 einen Innenbandteilriss zugezogen hatte. Zunächst war von höchstens zwei Monaten Pause die Rede, doch das ging Thiago und Guardiola nicht schnell genug. Ohne Genehmigung von Müller-Wohlfahrt ließ sich Thiago vom spanischen Arzt Ramon Cugat Kortison und Wachstumsfaktoren ins Innenband spritzen.

Schneller ging die Genesung dadurch jedoch nicht, stattdessen verletzte sich Thiago erneut an selber Stelle. Selbst Guardiola gestand später ein, dass Cugats Behandlung "vielleicht ein großer Fehler" gewesen sei. Ein knappes Jahr fiel Thiago letztlich aus - und beim zweiten Spiel nach seiner Rückkehr kam es zum nächsten Eklat.

April 2015, DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Bayer Leverkusen. Als sich Benatia eine Muskelverletzung zuzog, drehte sich Guardiola zur Bank um und klatschte mutmaßlich hämisch in Richtung der medizinischen Abteilung. Nach dem Spiel nannte er die Verletztensituation "kritisch, sehr kritisch". In der darauffolgenden Woche reiste der FC Bayern zum Champions-League-Spiel nach Porto, es sollte Müller-Wohlfahrts vorerst letzte Auswärtsreise werden.

Müller-Wohlfahrts Rückkehr im Herbst 2017

Als beim FC Bayern im Herbst 2017 wieder alles wie früher wurde und Jupp Heynckes erneut das Traineramt übernahm, da war auch wieder Platz für Müller-Wohlfahrt, der bei allen vier Amtszeiten von Heynckes als Mannschaftsarzt fungierte. Seitdem eilt er wieder mit seinen grauen Haaren und schnellen Beinen und mit dem Logo des FC Bayern auf der Brust über Deutschlands und Europas Fußballplätze.

"Es ist wie die Rückkehr zu einer Familie", sagte er damals. Die Familie, die aus Müller-Wohlfahrts Sicht bei seinem Abschied zweieinhalb Jahre zuvor wegen Guardiolas Charakterzügen keine Familie mehr war. "Ich halte Pep Guardiola für einen Menschen mit einem schwachen Selbstbewusstsein, der alles dafür tut, um andere darüber hinwegzutäuschen", schrieb er in seiner Autobiografie. "Er scheint deshalb in ständiger Angst zu leben, nicht so sehr vor Niederlagen, sondern viel mehr vor dem Verlust von Macht und Autorität."

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