Fussball

Mahner mit Einkaufszettel und Menschenfänger: Wie Hansi Flick beim FC Bayern München wirbelt

Von Dennis Melzer

Die Stimmung beim FC Bayern München im Trainingslager in Doha ist ausgelassen. Trainer Hansi Flick hat es mit seiner Art in kurzer Zeit geschafft, das Team hinter sich zu bringen.

Hansi Flick gab sich gar nicht erst die Mühe, herumzudrucksen, kryptische Ansagen zu machen. Er nannte die Probleme deutlich beim Namen, als er am Mittwochmittag nach getaner Trainingseinheit gen Teamhotel aufbrach. "Echt mau" sei sie, die Personalsituation, vor allem auf den Außen, sagte der Bayern-Trainer mit Blick auf die Tatsache, dass Serge Gnabry aufgrund seiner Achillessehnenprobleme in Doha nicht mehr am Mannschaftstraining teilnehmen und dessen in München gebliebenes Pendant Kingsley Coman für die ersten beiden Rückrundenspiele definitiv ausfallen wird.

Bereits drei Tage zuvor hatte Flick im Gespräch mit den anwesenden Reportern erklärt, was er vom Klub erwarte: einen neuen Rechtsverteidiger. "Das würde uns mehr Optionen bieten", begründete der 54-Jährige, der am Mittwoch im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sogar noch deutlicher wurde: "Wir brauchen auf jeden Fall noch Verstärkung."

Hansi Flick fordert "mindestens zwei Spieler"

Er denke dabei an "mindestens zwei Spieler - auf jeden Fall einen für die Defensive und vielleicht auch für die offensive Außenbahn." Er fände es ja "gut, wenn sich Bayern München die höchsten Ziele" stecke, "aber wenn man von 'pack mas' und 'voll angreifen' und allen möglichen Titeln spricht, braucht man auch einen Kader, der in der Tiefe genügend Substanz und Qualität besitzt." Eine Ansage in Richtung Führungsetage, die bestimmter nicht hätte formuliert werden können und in ihrer beinahe provozierenden Klarheit bislang einigermaßen untypisch für Flick war - zumindest in der Öffentlichkeit.

Dass Flick den Weg über die Medien suchte, stieß bei einem Haupt-Adressaten, namentlich Sportdirektor Hasan Salihamidzic, indes auf Verwunderung. "Hansi Flick hat die gegenwärtige Situation bewertet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass wir uns verstärken müssen", sagte der Bosnier am Tag nach dem veröffentlichten SZ-Interview und kritisierte: "Die Topspieler werden von den Klubs im Winter nicht freigegeben, deswegen ist das nicht so einfach. Ich war auch ein wenig überrascht, was Hansi gestern über die Kaderplanung in den Medien gesagt hat, weil wir hier im Trainingslager ständig reden. Ich bin einfach kein Freund von medialer Kaderplanung." Generell gäbe es hinsichtlich potenzieller Verstärkungen aber "keine Meinungsverschiedenheiten."

In der Mannschaft wird der Nachfolger von Niko Kovac für ebenjene Prägnanz, für seinen erkennbaren Plan enorm geschätzt. "Ich kannte ihn bisher nur als Co-Trainer in der Nationalmannschaft. Ich wusste, was er für ein Mensch ist. Seine Qualitäten als Cheftrainer konnte ich nicht einschätzen", sagte Thomas Müller auf Nachfrage von SPOX und Goal. Er schob nach: "Wie er als Chef vor der Mannschaft spricht, ist sehr positiv. Er hat klare Vorstellungen, die er umgesetzt haben will. Es ist ganz entscheidend, dass man als Trainer klare Ansagen macht, an die sich alle zu halten haben. So ein Leitfaden ist immer eine Hilfe."

FC Bayern: Mögliche Kandidaten für Wintertransfers

SpielerVereinPosition
Joao CanceloManchester CityRechtsverteidiger
Lukas KlostermannRB LeipzigRechtsverteidiger
Benjamin HenrichsAS MonacoRechtsverteidiger
Christian EriksenTottenham HotspurOffensives Mittelfeld

Thomas Müllers Einkaufszettel-Beispiel

Um die Wichtigkeit klarer Ansagen zu unterstreichen, hatte Müller ein Beispiel parat, das im Medienraum für Lacher und im Netz für Spruchbilder sorgte: "Wenn dich deine Frau zum Einkaufen schickt und dir einen Zettel mitgibt, dann weißt du genau, was du zu tun hast", sagte der 31-Jährige. Er ergänzte: "Aber geh mal nur mit dem Auftrag los, für ein schönes Abendessen zu sorgen - dann stehst du vor den Regalen und die Gefahr, dass das Essen nichts wird, ist groß." Müller lobte abschließend: "Was der Trainer auch gut macht, ist, dass er versucht, viel zu kommunizieren. Die Mannschaft fühl sich sehr wohl."

Dass sich der Wohlfühlfaktor allerdings nicht bloß aufs Team begrenzt, hatte Joshua Kimmich schon am Montag verdeutlicht. "Bei ihm ist sehr auffällig, dass er seinen Umgang nicht nur auf die Mannschaft beschränkt, sondern auch die anderen Mitarbeiter versucht, mit ins Boot zu nehmen", sagte der Nationalspieler. "Das ist für uns sehr wichtig. Wir Spieler sind zwar diejenigen, die die Verantwortung mit dem Trainer tragen und auf dem Feld stehen, aber es gibt viele Mitarbeiter um uns herum, die jeden Tag versuchen, ihr Bestes zu geben. Oftmals werden diese vergessen, obwohl sie ein wichtiges Puzzlestück sind. Das macht er ihnen Wertschätzung entgegenbringt, macht er wirklich gut."

Lewy über Flick: "Hat großartigen Kontakt zu den Spielern"

Auch Leistungsträger Robert Lewandowski, der nach einer Leisten-Operation die Reise in den Wüstenstaat ebenfalls nicht angetreten hatte und derzeit in der Heimat an seinem Comeback arbeitet, hatte die zwischenmenschliche Komponente bei Flicks Arbeit hervorgehoben und dem neuen Coach im Vergleich zu dessen Vorgänger attestiert: "Die Kommunikation ist auf einem anderen Niveau. Der taktische Gedanke ist für die Mehrheit der Jungs wohl klarer", sagte der Torjäger dem polnischen Portal onet.pl.

Der 31-Jährige führte aus: "Wir haben nicht wirklich gewusst, warum wir Fehler machen und wie wir sie beseitigen können. Auf dem höchsten Niveau ist das entscheidend, um um die wichtigsten Trophäen mitspielen zu können." Flick habe nicht zuletzt deshalb "einen großartigen Kontakt mit den Spielern".

Goretzka über Flick: "Natürlich kann ich mir das vorstellen"

Leon Goretzka reihte sich im exklusiven Gespräch mit Goal und SPOX in Doha ein, fand - wie seine Teamkollegen - ausschließlich positive Worte. "Er arbeitet sehr akribisch, sehr ruhig und mit einer hohen sozialen Kompetenz. Er sucht die Gespräche mit den Spielern und gibt jedem ein gutes Gefühl. Das funktioniert im Moment sehr gut." Auf die Frage, ob er sich ein längerfristiges Engagement Flicks vorstellen könne, sagte der ehemalige Schalker: "Natürlich kann ich mir das vorstellen. Ich kenne ihn schon sehr, sehr lange und ich denke, dass er sich in die Aufgabe hereinbeißen wird."

Als Indiz, wie gut das aktuelle Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer ist, dürften auch die kürzlich getroffenen Aussagen Manuel Neuers herhalten. "Es macht auf jeden Fall sehr viel Spaß, mit Hansi Flick zusammenzuarbeiten", verriet der Kapitän, der sogar andeutete, seine Zukunftsplanungen von einem möglichen Flick-Verbleib über den Sommer hinaus abhängig zu machen. "Es ist für mich auch ausschlaggebend, wer langfristig Trainer wird. Für mich ist es wichtig, zu wissen, wie der Weg weitergeht - auch mit Hansi Flick. Er hat das bisher sehr gut gemacht mit uns als Mannschaft. Man sieht, wie viel Spaß wir beim Training haben. Der Zusammenhalt und die Moral, die wir in den letzten Spielen gezeigt haben, das war toll. Die Kommunikation in der Mannschaft ist super."

FC Bayern in Doha: Jubel, Trubel, Heiterkeit

Das kauft man der Nummer eins des Rekordmeisters sofort ab, wenn man die täglichen Einheiten auf dem Gelände der Aspire Academy beobachtet. Es wird gelacht, es wird gejubelt, wenn eine Aufgabe erfolgreich abgeschlossen wurde, Tore im Training werden bisweilen gefeiert wie Pflichtspieltreffer.

Alles unter den Augen von Flick, der sich ein Grinsen manchmal nicht verkneifen, im nächsten Moment aber schon wieder den seriösen Mahner geben kann. So zum Beispiel geschehen, als der neue starke Mann an Bayerns Seitenlinie eine Schnelligkeitsübung mit anschließendem Torabschluss erklärte, Thomas Müller aber noch ein kleines Pläuschchen hielt. "Thomas, hörst du bitte zu?" vermittelte das Flick'sche Innehalten. Natürlich hörte er zu. Alle hören Flick, dem Menschenfänger zu - weil er nicht herumdruckst, sondern einen klaren Plan hat.

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