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Fussball

Trotz Wirtz und Musiala: Warum dem DFB ein Talente-Problem droht

Von Johannes Ohr

Seit 2016 kürt GOAL mit dem NXGN-Award jedes Jahr die 50 größten Talente der Welt. 2022 darf sich vor allem die Bundesliga freuen: Jude Bellingham vom BVB landete als Gewinner ganz oben auf dem Treppchen, gefolgt vom Leverkusener Florian Wirtz auf Platz 2 und Jamal Musiala vom FC Bayern auf Platz 4. Heißt: Die Bundesliga ist DIE Top-Liga für Talente.

Und trotzdem sieht sich der deutsche Nachwuchs einer gefährlichen Entwicklung ausgesetzt. Im Gespräch mit SPOX und GOAL ordnet Weltfußballer Lothar Matthäus das Ergebnis ein.

"Das sieht gut aus - vor allem für die Bundesliga. Dass die Bundesliga-Spieler so hoch positioniert sind, macht Spaß", sagt Matthäus, als ihm SPOX und GOAL die Ergebnisse des NXGN-Awards 2022 präsentieren. Mit Jude Bellingham, Florian Wirtz und Jamal Musiala wurden gleich drei Talente aus der Bundesliga unter die Top 4 gewählt.

Youssoufa Moukoko (Platz 8), Ricardo Pepi (Platz 10) und Luca Netz (Platz 15) runden das insgesamt sehr gute Bild der Bundesliga ab. Einziger Spieler unter den Top 4, der nicht in Deutschland spielt, ist Barcelonas Gavi. Matthäus: "Er könnte auch etwas weiter oben stehen, er performt hervorragend."

Insgesamt hält er die Wahl an der Spitze für gelungen: "Bellingham und Wirtz haben mehr Einsätze als Musiala. Musiala hat noch Luft nach oben, wenn er mehr Spielzeit bekommt. Dann könnte er in der Rangliste nach oben klettern."

Bei Moukoko geht der Weltfußballer von 1991 dagegen nicht ganz mit: "Warum er auf Platz acht steht, erschließt sich mir nicht ganz", sagt Matthäus. "Er hat kaum Einsatzzeiten, kann gar nicht zeigen, welche Qualität er hat. Aber anhand der Platzierung sieht man, wie hoch er eingeschätzt wird."

Lothar Matthäus: Diesen Ratschlag gebe ich jungen Spielern

Stichwort Einsatzzeiten: Für Matthäus ist Spielpraxis der Schlüssel zum Erfolg. Während Bellingham, Wirtz und mittlerweile auch Musiala regelmäßig spielen, hängen Moukoko (auch verletzungsbedingt) und Pepi bei ihren Vereinen etwas durch. "Beides sind talentierte Spieler, aber sie müssen eben spielen", sagt Matthäus. "Ohne Spielzeit kannst du dich nicht entwickeln, ohne Spielzeit kommst du nicht ins Rampenlicht. Nur Training allein reicht nicht. Bei Ratschlägen an junge Spieler war mir das immer am Wichtigsten: Guckt nicht zuerst auf die großen Verträge, sondern auf die Einsatzzeiten, die euch ein Trainer geben kann!"

Die Chancen dafür sind für Talente in der Bundesliga so gut wie in kaum einem anderen Land. Das Durchschnittsalter in der höchsten deutschen Spielklasse beträgt 25,7 Jahre. Spanien (27,8), England (27,3) und Italien (26,9) liegen darüber - nur Frankreich (25,6) steht im Vergleich der Top-Ligen noch einen Tick besser da als die Bundesliga.

Im weltweiten Kampf um die Top-Talente ist das ein riesiger Vorteil. "In England werden eher die fertigen, erfahrenen Spieler geholt. Die kommen auch zu ihren Einsatzzeiten - die jungen Spieler dann dementsprechend weniger", sagt Matthäus. "Das hat man schon bei Sancho gemerkt. Er kam von der Insel und hat in der Bundesliga die Chance gesehen, in seinem Alter eher auf Einsätze auf hohem Niveau zu kommen als in der Premier League."

Mit durchschlagendem Erfolg. Sancho entwickelte sich in Dortmund zum Topspieler und wechselte nach vier Jahren in Deutschland für stolze 85 Mio. Euro zurück auf die Insel zu Manchester United.

Bundesliga als Sprungbrett: Es gibt zwei Haken

Doch bei der Entwicklung der Bundesliga hin zur internationalen Top-Nachwuchs-Liga gibt es gleich zwei Haken: Zum einen wird die höchste deutsche Spielklasse immer mehr zur Durchgangsstation eben dieser Top-Talente ins Ausland - nach Sancho wechselten u.a. auch Leon Bailey, Kai Havertz, Timo Werner und Ibrahima Konate in die Premier League - und zum anderen geht der Trend der Vereine auch selbst dahin, verstärkt Talente aus dem Ausland zu holen. Für den deutschen Nachwuchs durchaus eine Gefahr.

Der FC Bayern verpflichtete beispielsweise in den vergangenen Monaten mehrere Spieler aus ganz Europa und darüber hinaus: Lovro Zvoranek (16) aus Kroatien (Slaven Belupo), Liu Shaoziyang (18) aus China (von Kooperations-Klub FC Wuhan Three Towns), Jonathan Asp Jensen (16) aus Dänemark (FC Midtjylland), Matteo Perez Vinlöf (16) aus Schweden (Hammarby) und Hyun-ju-Lee (18) aus Südkorea (mit Kaufoption von den Pohang Steelers ausgeliehen).

Darüber hinaus ist der Rekordmeister an Alejandro Jimenez (16/ Real Madrid), Ayman Kari (17) und Warren Zaire-Emery (16)/beide PSG) interessiert. SPOX und GOAL berichteten exklusiv.

Auch der BVB wird im Jugendbereich immer internationaler, konzentriert sich dabei auf England (Bellingham, Bynoe-Gittens) und Frankreich und hat dazu auch die Niederlande und Skandinavien im Blick.

Und selbst der amerikanische Markt wird für deutsche Vereine - nicht zuletzt aus Marketing-Gründen - immer interessanter. Bayern ging schon 2018 eine Kooperation mit Partnerverein FC Dallas ein, lädt seitdem Talente zum Probetraining nach München ein.

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