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Marcel Daum von Bayer Leverkusen im Interview: "Warum sollten wir das Vizekusen nicht komplett vergessen machen?"

Marcel Daum wechselte 2018 von Eintracht Frankfurt ins Trainerteam von Bayer Leverkusen.

Marcel Daum wechselte 2018 von Eintracht Frankfurt zu Bayer Leverkusen und arbeitet dort als Co-Trainer Analyse im Team von Chefcoach Peter Bosz. Der Sohn von Trainer-Legende Christoph ist bei der Werkself vor allem für die Datenanalyse zuständig.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Daum über ein Angebot des FC Bayern München und seine im Vergleich zur Frankfurter Zeit veränderte Rolle in Leverkusen.

Zudem erklärt der 33-Jährige, wie Mannschaftssitzungen ablaufen, welche Bedeutung die Datenanalyse bei Bayer hat und wieso das Thema Chip im Ball künftig an Bedeutung gewinnen wird.

Herr Daum, 2018 haben Sie Eintracht Frankfurt nach siebeneinhalb Jahren verlassen und sind als Co-Trainer Analyse ins Trainerteam von Bayer Leverkusen gewechselt. Weshalb?

Marcel Daum: Nach dem Pokalsieg mit Frankfurt und der Entscheidung, dass Niko Kovac gehen würde, kam ich an den Punkt, an dem ich gemeinsam mit meiner Familie entschied, dass wir künftig etwas anderes machen wollen. Es hat in dem Moment gut gepasst, dass mich Jonas Boldt angerufen hat. Ich komme ja auch hier aus der Region.

Ihre Aufgabe in Leverkusen ist noch einmal etwas verantwortungsvoller. Sie sitzen nun auch bei den Spielen auf der Bank. Wie wichtig war diese veränderte Rolle beim Wechsel für Sie?

Daum: Es war vor allem mein Ziel, dass ich mich weiterentwickeln kann. Wenn man sieht, wie oft Bayer Leverkusen in den letzten Jahren international gespielt hat, ist es ein Fakt, dass man hier auf einem grundsätzlich etwas höheren Niveau arbeitet als bei einem Großteil anderer Bundesligaklubs. Entsprechend steigt die Verantwortung, gerade wenn man fester Bestandteil des Trainerteams wird.

Marcel Daum über die Emanzipation von seinem Vater Christoph

Ihren ersten Job traten Sie 2009 bei Fenerbahce an, als Ihr Vater Christoph dort Cheftrainer war. Bei der Eintracht haben Sie sich dann einen Namen in der Branche gemacht. Inwiefern war es für Sie zwischenzeitlich wichtig, vom unvermeidlichen Sohn-von-Stigma wegzukommen?

Daum: Natürlich muss man sich erst einmal emanzipieren. Das habe ich mittlerweile getan, aber ich kann keinen genauen Zeitpunkt nennen, an dem das vollzogen war. Das kommt wohl auch automatisch, wenn man älter und in seiner Persönlichkeit gefestigter wird. Ich habe viel von Christoph gelernt und wende dieses Wissen auch an. Doch der Sohn-von zu sein ist für mich und die Leute, mit denen ich zu tun habe, schon lange kein Thema mehr.

Stimmt es, dass Sie Ihren Vater während der gemeinsamen Zusammenarbeit in Istanbul und Frankfurt Christoph und nicht Papa genannt haben?

Daum: Ja. Im professionellen Umfeld finde ich Papa unseriös. Das ist ja kein Familienbetrieb, sondern es geht um die Sache.

Wie glücklich waren Sie denn damit, als Ihr Vater im vergangenen Juni öffentlich machte, dass Sie eine Anfrage des FC Bayern vorliegen hatten?

Daum: Ich kann dazu nur sagen, dass keiner der direkt Beteiligten irgendetwas erzählt hat.

Daum: "In Leverkusen agieren wir wie in München"

Sie haben schließlich Ihre Vertragspflicht erfüllt, Bayer hat dann vor dieser Saison mit Ihnen bis 2023 verlängert. Wie sehr hätte Sie die Aufgabe bei den Bayern gereizt?

Daum: Ich habe schon einmal öffentlich die Gegenfrage gestellt: Was würden Sie machen, wenn der Branchenführer bei Ihnen anklopft? Zumindest einmal darüber nachdenken, oder? Rudi Völler hat mir aber sofort die Chance gegeben, dass ich mich hier langfristig weiterentwickeln kann. In Leverkusen agieren wir wie in München auf Champions-League-Niveau.

Bei den Bayern wären Sie erneut auf Kovac getroffen. Wäre es für Sie denn grundsätzlich einmal reizvoll, bei einem Klub aus Europas Top-10 zu arbeiten?

Daum: Der Anspruch an sich selbst und der eigene Ehrgeiz ändern sich ja nie. Was sich bei einem solchen Wechsel prozentual noch verändern würde, ist die Qualität der Spieler und die Chance auf Titel. Dieser Quervergleich wird dem Niveau in Leverkusen aber wiederum nicht gerecht, denn das ist hier auch extrem hoch. Es sind oft kleine Prozentpunkte, die am Ende über gewisse Dinge entscheiden. Wir können hier etwas massiv entwickeln. Warum sollten wir nicht das Vizekusen komplett vergessen machen und einen Titel holen? In Frankfurt hat auch niemand gedacht, dass man mal wieder einen Titel gewinnt.

Würden Sie mit einem Trainer, den Sie bereits gut kennen und bei dem gegenseitiges Vertrauen garantiert ist, auch in die 2. oder 3. Liga gehen, weil es vielmehr auf die Arbeitsbeziehung ankommt?

Daum: Nein, das kann ich ungeachtet eines möglichen guten Verhältnisses zum Trainer aktuell ausschließen. Das würde sich mit meinem persönlichen Ziel, künftig so oft wie möglich auf Champions-League-Niveau zu arbeiten, etwas beißen.

Daum über die Kritik an Ex-Bayern-Trainer Niko Kovac

Wie nahmen Sie denn die Kritik an Kovac zu seiner Zeit in München wahr, als es oftmals hieß, er ließe einen klaren taktischen Plan vermissen oder würde zu vorsichtig und zu bedacht auf die Defensive spielen lassen?

Daum: Ich weiß, dass Niko natürlich immer einen inhaltlichen Plan hatte. Man muss sich nur den Film von Eintracht Frankfurt zum Pokalfinale 2018 anschauen, als man in der Anfangssequenz hautnah bei der Taktiksitzung dabei ist. Es ist eben immer die Frage, ob dieser Plan auch langfristig zur Mannschaft und Ausrichtung des Vereins passt.

Kommen wir zu Ihrer Rolle bei Bayer. Wie sieht denn Ihr Einfluss konkret aus, den Sie von der Bank aus nehmen können?

Daum: Wir sind per Headset und Tablet mit einem Kollegen auf der Tribüne verbunden und dabei situativ im Austausch: mal im Dauerfunk, mal herrscht Funkstille. Außerdem sehen wir die taktischen Bilder des Spiels live über eine Software auf dem Tablet. Das ist quasi der Scouting Feed, den man auch bei den Sky-Übertragungen auswählen kann. Es herrscht während des Spiels ständiger Austausch im Trainerteam. Szenen auf dem Tablet werden sich regelmäßig angeschaut und schon für die Mannschaft für die Halbzeit vorbereitet. Da es auf der Bank immer sehr emotional zugeht, ist das Wichtigste für mich, Emotionalität und Rationalität zu trennen. Nur so kann man die essentiellen Informationen filtern. Ich schaue im Wechsel auf Spielfeld und Tablet. Man hat ein klareres Bild, bekommt ein sehr gutes Gefühl für Spielsituationen und kann auf sie schneller reagieren. Die technischen Möglichkeiten darf jeder Bundesligist einsetzen, letztlich entscheidet der Mix aus Spielerqualität und Fachkompetenz der Trainer.

Mittlerweile folgen die Mannschaften nicht mehr durchgängig einem bestimmten Matchplan, sondern stellen innerhalb eines Spiels häufiger um. Auch die Grundformationen sind dabei flexibler geworden, die Spielweisen der Teams unterschiedlicher.

Daum: Das ist de facto so. Eine Umstellung muss aber nicht den Matchplan ändern. Ich kann ja trotzdem hoch anlaufen - unabhängig davon, ob ich mit einem oder zwei Stürmern spiele.

Heißt das aber für Ihre Position, dass man noch schneller auf taktische Umstellungen reagieren muss?

Daum: Die Hauptaufgabe besteht darin, deutlich mehr Wissen zum Beispiel über den Gegner zu haben als der Cheftrainer. Ein Analyst muss alle Szenarien kennen, die vor einem Spiel besprochen wurden. Im Europa-League-Hinspiel fiel bei Porto der Spieler Otavio gelbgesperrt aus. Er ist nominell eigentlich rechter Außenstürmer, spielt aber gewöhnlich eine asymmetrische Rolle wie Kai Havertz bei uns. Ich muss also wissen, wie mögliche Alternativen aussehen könnten. In solchen Situationen denkt sich der Cheftrainer aber natürlich auch einmal in den anderen Coach hinein und überlegt, wie er das lösen würde.

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