"Ein bisschen Bescheidenheit würde gut tun"

Von Interview: Jochen Tittmar
BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sieht die Borussia nicht als klassischen Titelverteidiger
© Getty

Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, hat den BVB in den letzten Jahren saniert. Im Interview erklärt der Ex-Trainer, wie bei der Borussia ein Transfer abläuft, warum die Champions League finanziell keine Gefahr für den Verein darstellt und was man von Uli Hoeneß' Attacken hält.

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SPOX: Herr Watzke, Sie sind Präsident Ihres Heimatklubs SV Rot-Weiß Erlinghausen. Stimmt es, dass Sie dort auch einmal als Trainer tätig waren?

Hans-Joachim Watzke: Ja, sogar zweimal. Einmal in den 1990er Jahren nach dem Ende meiner Fußballkarriere und dann noch zweieinhalb Jahre von 2002 bis 2004.

SPOX: Wie kam es dazu?

Watzke: Als ich schon Präsident war, kamen die Spieler zu mir und meinten, ich solle das wieder machen. Ich hatte eigentlich keine Zeit dafür, aber in einer vernünftigen Kombination mit einem guten zweiten Mann, der auch mal das Training alleine leitet, habe ich mich vorerst für ein Jahr darauf eingelassen. Wir hatten mit 70.000 Euro den kleinsten Etat der Liga und sind in meinem ersten Jahr gleich Zweiter geworden.

SPOX: Hat das auch für den Aufstieg gereicht?

Watzke: Nein, wir haben das Relegationsspiel mit 0:1 verloren. Ich habe mich dann breitschlagen lassen, ein weiteres Jahr dranzuhängen. Das war ein voller Erfolg, denn wir konnten unsere junge und eingespielte Mannschaft zusammenhalten. Wir sind wie das Messer durch die Butter gegangen, haben 80 von 90 möglichen Punkten geholt und sind in die Westfalenliga aufgestiegen. Das war für einen 1000-Einwohner-Ort außergewöhnlich.

SPOX: Wie ging's weiter?

Watzke: Wir mussten zu den Spielen teilweise 300 Kilometer an die holländische Grenze fahren. Im Winter waren wir Fünfter, doch dann kam für mich der BVB. Aktuell spielt der Verein in der Bezirksliga, und ich sehe vielleicht drei Mal im Jahr ein Spiel. Aus alter Verbundenheit mache ich weiter den Präsidenten, habe aber seit Jahren keiner Sitzung mehr beigewohnt. Das hat eher symbolischen Charakter.

SPOX: Ein junges, eingespieltes Team hat auch der BVB. Dennoch wünschen Sie sich, dass der Verein wieder mehr Top-Akteure aus dem eigenen Nachwuchs ausbildet. Warum klappt das aus Ihrer Sicht derzeit noch nicht?

Watzke: Im Grunde klappt es ja, wir haben mit Nuri Sahin und Mario Götze Top-Spieler ausgebildet. Wir dürfen nur unsere Ambitionen nicht vergessen. Es ist wichtiger, dass wir alle ein, zwei Jahre einen absoluten Spitzenspieler herausbringen, als fünf Akteure für die 2. Liga. Bei uns muss die Förderung eines Spitzenspielers einen gewissen Vorrang vor dem Tabellenplatz der zweiten Mannschaft haben.

SPOX: Welche Rolle spielt dabei die BVB-Akademie?

Watzke: Die entscheidende. Ich habe selbst einen 17-jährigen Sohn, der Fußball spielt. Ich weiß, wie groß die Belastung ist, wenn er drei-, viermal die Woche Training hat und die Schule noch dazu kommt. Der steht morgens um halb sechs auf, kommt abends um acht, neun nach Hause und ist fix und fertig.

SPOX: Aber genau so soll es ja nach Ihrem Geschmack nicht sein, wenn man Profi werden will.

Watzke: Uns ist wichtig, dass die Allerbesten total auf den Fußball fokussiert sind und wir die Schule damit sinnvoll in Verbindung bringen. Wenn die Schule vorbei ist, müssen wir ihnen die besten Möglichkeiten bieten, so dass sie beispielsweise in medizinischen und ernährungstechnischen Fragen Bescheid wissen oder mit den immer größeren Medienanforderungen klar kommen. Man muss den Fußball von der Pike auf lernen. Genau deshalb wurde die BVB-Akademie ins Leben gerufen. Das ist eine ganz gezielte Eliteförderung.

SPOX: Sollte sich der Erfolg des Klubs weiter verstetigen, ist es dann vor dem Hintergrund der sportlichen Erwartungshaltung nicht schwieriger, unerfahrene Spieler in den Kader einzugliedern?

Watzke: Überhaupt nicht. Wir haben im Umfeld keine übertriebene Erwartungshaltung zu beklagen. Das BVB-Umfeld ist genauso vernünftig geblieben wie die Jahre zuvor, als man auch nicht in Weltuntergangsstimmung gemacht hat. Eine Erwartungshaltung wird in vielen Vereinen auch dadurch erzeugt, dass man oftmals einen regelrechten Hype um sich selbst macht, nur um das Stadion zu füllen oder Sponsoren anzulocken.

SPOX: Wie wollen Sie das dann angehen?

Watzke: Wir sind eher diejenigen, die die Erwartungshaltung weiter nach unten fahren und dämpfen. Das werden wir auch weiterhin so handhaben. Bayern München hat über viele Jahre Erfolg, was sie aber nicht davon abgehalten hat, extrem gute Jugendliche in den Kader einzugliedern. Ich denke daher, dass das möglich ist. Man darf nur nicht zu viele Plätze mit mittelmäßigen Spielern verstopfen. Die Jungen müssen wissen, dass sie eine riesige Chance haben.

SPOX: Die Borussia hat zwar auch in dieser Saison wieder einige Akteure zu den Profis hochgezogen, aber auch Geld für 'fertige' Profis ausgegeben. Wie läuft denn die Suche nach Neuzugängen generell ab?

Watzke: Wir treffen alle Transferentscheidungen zu dritt. Dass Michael Zorc und Jürgen Klopp eine fundierte Einschätzung abgeben müssen und es ihre Hauptaufgabe ist, sich damit zu beschäftigen, ist ja klar. In letzter Konsequenz ist es aber meine Entscheidung.

SPOX: Haben Sie schon einmal einen Transfer durchgedrückt, von dem Sie persönlich besonders überzeugt waren?

Watzke: Nein, wir haben das von Anfang an so gehandhabt, dass wir Transfers nur tätigen, wenn wir alle drei auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ich traue mir aber durchaus auch zu, sehen zu können, ob einer ordentlich kicken kann. Ich bin aber nicht der Spezialist. Der Vorstandsvorsitzende eines Autoherstellers wird auch nicht jedes einzelne Betriebszeichen in seinem Motor erklären können. Er muss aber erkennen können, ob das Auto vernünftig fährt. Ich wäge immer zwischen den sportlichen Argumenten, die ich selbst sehe und die mir berichtet werden, und der finanziellen Machbarkeit ab.

SPOX: Erklären Sie doch einmal exemplarisch, wie Sie beispielsweise auf Ivan Perisic gekommen sind. Seine 22 Tore in Brügge werden ja nicht den einzigen Ausschlag gegeben haben.

Watzke: Die Federführung unserer Transferpolitik liegt bei Michael Zorc. Er bereitet mit seinem Scouting-Team die Dinge vor und wir besprechen sie regelmäßig. Perisic ist uns schon lange, bevor er Torschützenkönig in Belgien wurde, aufgefallen. Unsere Scouts gucken über 100 Spiele im Monat und bereiten diese sehr akribisch auf. Irgendwann kommen Namen ins Spiel. Klopp und Zorc treiben das dann in Zusammenarbeit mit dem Chefscout weiter voran und treffen eine Vorauswahl. Wenn wir dabei einen Spieler als äußerst interessant für uns erachtet haben, komme ich hinzu. Das schützt aber nicht davor, dass auch mir einmal jemand auffällt und ich den Namen in die Runde schmeiße.

SPOX: Mit Perisic und Ilkay Gündogan hat der BVB zwei Spieler im Wert von zehn Millionen Euro geholt. Das gab es schon genauso lange nicht mehr wie das Ausgeben eines Saisonziels. Hätten Sie das auch gemacht, wenn Dortmund Dritter geworden wäre?

Watzke: Wahrscheinlich nicht. Wir haben das unter uns dreien intensiv und ergebnisoffen diskutiert. Bevor wir uns getroffen haben, hatten wir noch keine klare Vorstellung. Am Ende sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir als Meister unglaubwürdig wären, wenn wir kein Ziel ausgegeben hätten. Das hat also auch etwas mit der Tatsache zu tun, dass wir der Titelträger sind.

SPOX: Seit die Vorbereitung begonnen hat, tut die Konkurrenz so, als ob der kommende Meister nur Bayern München heißen kann. Finden Sie das nicht etwas respektlos gegenüber Ihrem Verein?

Watzke: Das ist absolut in Ordnung. Man muss die Dinge auch immer in einem wirtschaftlichen Kontext sehen. Bayern München hat eine Mannschaft, die doppelt so viel an Gehaltsvolumen wie die anderen Spitzenmannschaften verschlingt - und dreimal so viel wie Borussia Dortmund.

SPOX: Aber Geld schießt doch keine Tore, Herr Watzke.

Watzke: Geld schießt zwar nicht an jedem Tag und jedem Ort Tore, aber Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man die für Titel nötige Menge an Toren schießt. Deshalb ist Bayern München als wirtschaftlicher Marktführer automatisch immer der Favorit Nummer eins. Es gibt keine große Liga in Europa, wo ein Klub einen solch großen finanziellen Abstand zum Zweiten und Dritten hat wie bei uns.

Teil 2: Watzke über Hoeneß' Attacken und die Gefahren der Champions League

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