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Fussball

Die Schönheit des Einfachen

Von Stefan Rommel
Der VfB Stuttgart hat die letzten vier Bundesligaspiele gewonnen
© Getty

Beim VfB Stuttgart erinnert sehr viel an die Meister-Saison 2007. Die Mannschaft von Trainer Markus Babbel ist der Geheimfavorit auf den Titel, auch wenn es einige kleine Schönheitsfehler gibt. Das größte Pfand heißt Mario Gomez.

Solche Probleme hat man gern. Der VfB Stuttgart eilt von Sieg zu Sieg und mittlerweile verschwendet die Konkurrenz schon Gedanken an ein Deja-vu. Wie in der Meister-Saison 2007 kommt einem der Lauf der Schwaben vor, also müssen Spieler und Verantwortliche spätestens seit dem 3:0 beim 1. FC Köln Rede und Antwort stehen.

Die Parallelen sind nicht zu übersehen, beim VfB gehen aber alle damit um, wie sie es schon vor zwei Jahren getan haben: Zurückhaltend und sehr defensiv. Dabei gibt es sogar gute Gründe, die mehr noch als damals für einen Meister aus Stuttgart sprechen.

Aus dem Nichts nach oben

Aus dem Nichts hat sich der VfB nach oben geschlichen, von Platz elf auf Rang fünf. Mittlerweile wird Stuttgart bei der Frage nach dem kommenden Meister sogar noch vor Hertha BSC genannt - dabei liegen die Berliner einen Punkt vor den Schwaben und waren vor drei Wochen sogar noch Tabellenführer.

Der Knackpunkt für eine famose Leistungsexplosion war das 1:4 im letzten November in Wolfsburg. Armin Veh musste daraufhin etwas überraschend seinen Hut nehmen. Markus Babbel sollte die Übergangslösung sein, jetzt ist der ehemalige Co-Trainer das Sinnbild des Aufschwungs.

Babbel hat geschafft, was Veh im Meisterjahr auch für sich beanspruchen konnte, was ihm aber danach Stück für Stück durch die Finger rann: Er hat der Mannschaft wieder Leidenschaft verpasst.

Die Leidenschaft ist da

Leidenschaft. Es ist Babbels Lieblingswort und eine schöne Zustandsbeschreibung. Babbel hat die einfachen Dinge wieder kultiviert, verschärftes Training, mannschaftliche Geschlossenheit und den absoluten Willen zum Sieg.

"Ich habe meinen Spielern immer wieder eingebläut, dass sie an sich und ein Tor glauben müssen - bis zur allerletzten Minute", sagt der Trainer.

Mit acht Siegen, zwei Unentschieden bei nur einer Niederlage (dem 0:4 in Bremen) hat Stuttgart seit der Winterpause 26 von 33 möglichen Punkten geholt. Zum Vergleich: 2007 lag die Rückrundenbilanz nach elf absolvierten Partien bei nur 20 von 33 Zählern.

Die Mannschaft ist topfit

Die Mannschaft ist topfit, die wenigen Verletzten sind kein Zufall, sondern das Produkt harter Arbeit. "Wir haben in Christian Kolodziej einen der besten Konditionstrainer der Bundesliga", sagt Babbel. "Dadurch kann mein Team das entscheidende halbe Prozent mehr geben. Alle meine Spieler trainieren auf hohem Niveau, ich kann jeden bringen."

Die Korsettstangen sind unter Babbel wieder auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit: Jens Lehmann, Serdar Tasci oder Thomas Hitzlsperger. Mario Gomez trifft wieder, Cacau blüht auf. Selbst den Ausfall von Sami Khedira - mit sieben Toren gefährlichster defensiver Mittelfeldspieler der Liga - konnte der VfB durch Martin Lanig gut kompensieren.

...und Gomez trifft

Es ist eines der kleinen Geheimnisse des Erfolgs, dass Babbel bis auf fünf, sechs wirklich gesetzte Spieler niemandem das Attribut Stammspieler verpassen mag. Fast unbemerkt lässt er immer wieder rotieren, besonders die Mittelfeldformation gab es schon in allen erdenklichen Variationen.

Babbel hat die Variante der Mittfeldraute fallen lassen und greift wie schon im Meisterjahr wieder auf das Spielsystem mit zwei Sechsern zurück. Das Defensivgebilde ist dadurch erheblich stabiler als noch unter Veh. Und vorne hilft der liebe Gott. Oder aber Mario Gomez.

Vor zwei Jahren fehlte der Torjäger in der Endphase der Meisterschaft sieben Spiele lang und kehrte erst zwei Spieltage vor Schluss als Joker zurück. Da hat der VfB diesmal einen großen Vorteil. Die letzten beiden Siege gehen auf das Konto des Nationalstürmers, der alle vier Tore erzielt hat.

Einige Schönheitsfehler

Das Momentum spricht für Stuttgart, die Euphorie ist da. Es gibt aber auch noch einige Schönheitsfehler. Der Rückstand beträgt sechs Punkte und der VfB ist auf Patzer der Konkurrenz angewiesen.

Da trifft es sich fast schon prima, dass von den sechs ausstehenden Partien noch zwei gegen die direkte Konkurrenz aus Wolfsburg und München anstehen. Ein Faktor der negativen Art könnten die drohenden Gelb-Sperren werden. Gleich sieben Spieler sind mit vier Gelben Karten vorbelastet, darunter die Unverzichtbaren Jens Lehmann, Mathieu Delpierre oder eben Gomez.

Am Samstag in Köln hat es bereits Kapitän Hitzlsperger erwischt, er wird im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt fehlen. "Wenn es immer nur einen trifft, kommen wir vielleicht über die Runden", hofft Horst Heldt. Denn auch der Manager weiß: Der Grat zwischen leidenschaftlicher und cleverer Spielweise ist schmal.

"Wir müssen noch mehr tun"

Aber trotzdem lebt es sich für den VfB in der jetzigen Situation als Jäger sehr gut. Ex-Coach Veh erinnert sich: "Die letzte Woche vor dem Saisonfinale gegen Cottbus war damals die schlimmste. Denn erstmals waren wir nicht die Jäger, sondern die Gejagten."

Einen derartigen Coup wie 2007, als der VfB am vorletzten Spieltag aus dem Windschatten von Schalke und Bremen heraus an die Spitze flog, ist in den nächsten Wochen nicht zu erwarten. Dafür sind die Stuttgarter schon zu sehr in den Fokus der Konkurrenten gerückt.

"Wir haben diesmal eine ganz andere Konstellation. Die anderen Mannschaften sind sich unserer Qualität bewusst und bekämpfen uns jetzt viel härter, als sie es damals getan haben", weiß Hitzlsperger. "Wir müssen daher noch mehr tun und noch besser spielen als vor zwei Jahren."

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