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Formel 1

Großbrand unter dem silbernen Dach

Lewis Hamilton wirft Nico Rosberg vor, den Spa-Crash absichtlich in Kauf genommen zu haben
© getty

Der zweite Platz beim Großen Preis von Belgien entwickelte sich für Nico Rosberg zu einer Niederlage. Weil er seinem Teamkollegen Lewis Hamilton ein gutes Ergebnis durch den Crash in der zweiten Runde verbaute, droht Mercedes öffentlich mit Konsequenzen. Doch der WM-Führende ist sich keiner Schuld bewusst.

"Ich weiß nur, dass ich schneller war und es außen versucht habe", erklärte Rosberg nach dem Rennen. Selbst dass er ausgebuht wurde, nachdem er den W05 auf Platz zwei ins Ziel gebracht hatte, störte ihn nicht: "Ich respektiere die Meinung der britischen Zuschauer."

Während Rosberg noch auf der Pressekonferenz den Fragen der Journalisten auswich und erst die TV-Bilder studieren wollte, war das Urteil des Teams schon gefällt. "Es ist ein absolut unerfreuliches, inakzeptables Szenario", regte sich Motorsportchef Toto Wolff bei "RTL" auf: "Vor allem, wenn es in der zweiten Runde eines langen Rennens passiert. Das ist zu diesem Zeitpunkt nicht notwendig und lässt uns alle dämlich dastehen. Und das wollen wir gar nicht!"

"Wenn die zwei bis zum Schluss kämpfen und dieser Unfall in der letzten Runde passiert, dann könnte man noch drüber reden", ergänzte Aufsichtsratschef Niki Lauda, als er die "Harakiri-Aktion" verurteilte: "In der zweiten Runde ist das inakzeptabel - für das Team, für alle Mitarbeiter, für Mercedes. Jetzt hat Nico nicht einmal das Rennen gewinnen können und Lewis hat keine Punkte. Inakzeptabel!"

Rosberg: Ein normaler Rennunfall

Für Lauda steht der Schuldige fest: "Wenn du am letzten Zacken bremst, wie der Lewis, dann hat der keine Augen mehr im Kopf hinten. Der kann nicht darauf achten, was hinten passiert." Rosberg war allerdings zumindest am Kurvenbeginn neben Hamilton, der ihm dort auf der Außenbahn Platz ließ und in der Mitte der Schikane wieder rüberzog, um wieder auf die Ideallinie zurückzukehren.

ANALYSE Ricciardo nutzt Mercedes-Eskalation

"Die Sportkommissare sahen das als normalen Rennunfall. So sehe ich es auch", verteidigte sich Rosberg: "Ich akzeptiere, dass man über den Unfall unterschiedlicher Meinung sein kann. Solange sie nicht polemisch eingefärbt ist." Ob er damit Lauda meinte?

Zuvor hatte sich der 29-Jährige bei einem mehr als 30-minütigen Teammeeting verteidigen müssen. "Ich war schneller als Lewis und sah meine Chance. Warum sollte ich warten? Für mich war es ein Manöver ohne Risiko", stellte Rosberg klar: "Es ist hypothetisch zu behaupten, dass ich auch so lange warten könnte, bis ich DRS hätte einsetzen dürfen."

Hamilton unterstellt Rosberg Absicht

Sein Teamkollege sah die Sache anders. "Er hat im Grunde gesagt, er hat es mit Absicht gemacht hat. Er sagte, er hätte es vermeiden können. Er sagte: 'Ich habe es gemacht, um etwas zu beweisen'", berichtete Hamilton: "Ich war baff, als ich im Meeting zugehört habe. Man muss ihn fragen, welches Argument er vorbringen wollte. Er kam einfach da rein und sagte, dass das alles mein Fehler wäre."

Eine reine Verschwörungstheorie ist die Aussage nicht. Mercedes hat die Äußerungen von Rosberg bestätigt. Der Deutsche gab wirklich zu, dass er die Möglichkeit auszuweichen hatte. "Es hätte nur einen Ausweg gegeben. Den, dass ich von der Strecke fahre", so der WM-Führende. Zurückziehen wie in Ungarn und Bahrain wollte er aber nicht.

Nun fürchtet Hamilton, dass Rosberg ungestraft davonkommt. "Wenn Lewis gesagt hat, dass er mit einem blauen Auge davonkommt und dass es keine Konsequenzen gibt, dann ist er sich nicht bewusst, was für Konsequenzen wir in die Tat umsetzen können", drohte Wolff: "Vielleicht ist es nicht genug, auf die Finger zu klopfen."

Mercedes muss handeln

Was genau Mercedes tun kann? "Viel. Aber das werde ich jetzt nicht sagen", ließ der Österreicher alles offen. Klar ist, dass Mercedes handeln muss. Daniel Ricciardo trennen nach seinem dritten Saisonsieg, dem zweiten in Folge, in der WM nur mehr 35 Punkte von Hamilton. Rosberg liegt weitere 29 Zähler davor an der Spitze.

Die meilenweite Überlegenheit des Saisonauftakts ist scheinbar verschwunden. Zwar ist Mercedes noch immer schneller, doch technische Probleme und der Zusammenstoß ließen den Alleinflug der Silberpfeile an der Spitze zuletzt absacken. "Wir haben wohl noch nicht den Selbstzerstörungsknopf gedrückt, aber es steht viel auf dem Spiel", gab Wolff nach dem Crash zu bedenken.

Führt Mercedes jetzt die Stallregie ein?

Schon vor der Saison hatte sich das Team zusammengesetzt, um grundlegende Verhaltensweisen zu besprechen. Mercedes soll sich einen Namen machen, weil die eigenen Fahrer miteinander kämpfen können - mit offenem Visier, ohne Einmischung des Teams. Doch die Herangehensweise bröckelt immer mehr.

Krisensitzungen sind in dieser Saison zum Standard geworden. Nach den Rennen in Monaco und Ungarn mussten die Fahrer zum Rapport. Nach der Adhoc-Sitzung in Spa-Francorchamps steht die nächste Aussprache noch vor dem Italien-GP in Monza an. Vielleicht ist der fast unbeschränkte Kampf der Silberpfeile danach beendet.

"Heute hat die Philosophie dazu geführt, dass Mercedes viele wertvolle Punkte verloren hat. Wir wollen nicht in Abu Dhabi mit einer Saison enden, in der wir die Meisterschaft verloren haben - sei es bei den Konstrukteuren oder Fahrern - nur weil wir zu große Rennsportfans sind", erklärte Wolff.

Die Lösung könnte lauten: Teaminterne Zweikämpfe sind verboten, bis die Titel gesichert sind. Danach darf dann mit allen Bandagen gekämpft werden. Schade wäre es. "Wenn ein Team seine Fahrer fighten lässt, ist es fantastisch, bis sie sich berühren. Wenn sie sich berühren, ist das Team nicht mehr gut", sagte Fernando Alonso: "Es ist ein sehr schmaler Grat, jeden glücklich zu machen. Ein Teil des Problems ist, dass sie dominieren."

Hamilton sinnt auf Rache

Zumindest Hamilton ist sich offenbar sicher, dass die Situation jetzt erst richtig kompliziert wird. Er glaubt, dass Rosberg sich für die Ungarn revanchiert hat, als der Engländer ihn zuerst nicht kampflos vorbeiließ und ihn in den letzten Runden neben die Strecke zwang.

"Wir hatten dieses Meeting am Donnerstag und Nico war richtig wütend", plauderte der Weltmeister von 2008 aus dem Nähkästchen: "Ich dachte nur: 'Es ist drei Wochen her und dich beschäftigt das immer noch?' Er hat erklärt, wie wütend er war. Er hat wortwörtlich gesagt, wie sauer er auf Toto und Paddy war. Ich dachte, dass das Thema damit gegessen ist und dann kommt das dabei raus... Das ist interessant."

Der Engländer sinnt auf Widergutmachung. In zwei Wochen steht das Rennen in Monza an. Wenn Mercedes bis dahin keine Lösung gefunden hat, wird sich Red Bull die Hände reiben. Der RB10 ist mit dem neuen, kleineren Heckflügel der wahrscheinliche Nutznießer beim nächsten Crash.

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