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Formel 1

"Dir wird nichts geschenkt"

Von Interview: Christoph Köckeis
Nico Hülkenberg fährt mit Sauber trotz großer Hoffnungen in dieser Saison hinterher
© getty

Nico Hülkenberg übt sich in Durchhalteparolen: Mickrige fünf WM-Punkte kratzte der 25-Jährige bislang zusammen. Dabei wollte er im Sauber vielmehr ein Empfehlungsschreiben an die Branchenkönige richten. Bei SPOX spricht der Westfale vor dem Silverstone-GP über die englische Eau Rouge, problembehaftete Eye-Catcher und Philosophie-Zwickmühlen.

SPOX: Maggotts, Becketts, Chapel - drei Richtungswechsel in Silverstone, welche das Herz jedes Piloten höher schlagen lassen. Herr Hülkenberg, worin liegt die Faszination?

Nico Hülkenberg: Diese Kombination ist ähnlich der berühmten Eau Rouge in Spa, purer Fahrspaß. Besonders in einem Formel-1-Boliden, der extremen Abtrieb generiert. Dadurch kann man das Auto von der einen in die andere Ecke schmeißen.

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SPOX: Welche Anforderungen stellt diese Highspeed-Passage?

Hülkenberg: Alles spielt sich jenseits der 200 Stundenkilometer ab, etwa um die 250. Wenn man in den späteren Teil fährt, nimmt man Speed heraus. Es sind drei Kurven, die in eine verschmelzen. Daher besteht die Herausforderung darin, den ersten Curb punktgenau anzusteuern, um sich für Becketts und Chapel zu positionieren. Versemmelt man Maggotts, sind die anderen ebenfalls kaputt. Du kannst viel gutmachen oder wertvolle Zehntel verlieren.

SPOX: Nun bereitete Sauber seit geraumer Zeit ein instabiles Heck mächtig Kopfzerbrechen. Vom Ideal in Silverstone scheint man meilenweit entfernt.

Hülkenberg: Wie sich die Hinterachse verhält und das Fahrzeug funktioniert, werden wir erst beim Freien Training erfahren. Generell würde ich nicht behaupten, die Strecke kommt uns entgegen und alles wird einfacher. Dennoch liegen uns die schnellen Kurven mehr als langsame, wo die Traktion entscheidet. Vielleicht finden wir ein besseres Arbeitsfenster.

SPOX: Warum lässt sich dieser Makel nicht beheben?

Hülkenberg: Wir arbeiten schon länger daran. Und wie so häufig ist auch hier die Aerodynamik der Schlüssel. Wenn diese nicht harmonisch ist, nicht stimmig, zickt das Auto und verhält sich nicht wunschgemäß.

SPOX: Sauber wurde zunächst als Geheimfavorit gehandelt: Inwiefern spiegelt der Startverzicht zum Auftakt in Melbourne den missglückten Saisonverlauf wieder?

Hülkenberg: Ganz klar: Wir sind nicht dort, wo wir es uns erhofft hatten, und blieben hinter den Erwartungen - deutlich. Die Fabrik in Hinwill, das gesamte Personal, Aerodynamiker und Designer setzen alles dran, Lösungen zu finden. Wir müssen das Auto konkurrenzfähiger machen, um ein paar Punkte einfahren zu können.

SPOX: Bei der Präsentation des C32 werteten Sie das mutige Design als "Eye Catcher" und "Ansage an die Konkurrenz". Der Schweizer Rennstall hat sich verkalkuliert - ging man zu hohes Risiko?

Hülkenberg: Vielleicht. Im Nachhinein wäre es zu leicht, daran den Fehler festzumachen. Mittlerweile wissen wir: Jene Teams, die radikaler entwickelten, haben zu kämpfen und geraten ins Hintertreffen. Das letztjährige Paket war im Vergleich zur Konkurrenz definitiv besser und schneller.

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SPOX: In welche Richtung strebte die Entwicklung zuletzt - verhielt man sich konservativer?

Hülkenberg: Es geht nicht darum, konservativer zu entwickeln. Wir müssen weiter aggressiv bleiben und versuchen, mehr Potenzial aus dem Auto herauszuholen. Die Seitenkästen sind sehr schmal - daran lässt sich nichts ändern. Die Philosophie dahinter besteht weiterhin. Und diese müssen wir fortführen.

SPOX: Ihr Abschied von Force India nach dem Brasilien-GP war vermeintlich ein sportlicher Aufstieg. Mit Sauber peilten Sie eine WM-Platzierung unter den Top 10 an - blicken Sie jetzt wehmütig zu Ihrem Ex-Arbeitgeber und Adrian Sutil?

Hülkenberg: Tja, so spielt eben das Leben. Als ich die Entscheidung für Sauber getroffen habe, sahen die Dinge noch anders aus. Speziell in der Formel 1 gibt es keinerlei Garantie dafür, erfolgreich zu sein.

SPOX: Sie bekamen die Unwägbarkeiten der Königsklasse höchstselbst zu spüren. Nach einer vielversprechenden Premieren-Saison bei Williams standen Sie 2011 ohne Cockpit da, obwohl Ihr Einstieg von hohen Ansprüchen begleitet war. Nicht zuletzt durch Ihren damaligen Manager Willi Weber, der Michael Schumacher zur globalen Marke formte. Wie sehr belastete Sie dies?

Hülkenberg: Du liest nicht jeden Tag in Internet und Zeitung, Schlagzeilen oder Kommentare dürfen dich nicht beschäftigen. Zwar waren schöne Komplimente dabei, bloß kommt man ohne Ergebnisse nicht nach oben. Auf der Strecke gilt es abzuliefern. In diesem Geschäft wird dir nichts geschenkt, du musst dir alles erarbeiten.

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SPOX: Was macht man, um als aufstrebender Jungstar im F1-Zirkus nicht verrückt zu werden?

Hülkenberg: Ich bin da, weil ich Racing liebe. Weil ich das am besten kann. Weil mir der Sport und die Zusammenarbeit mit dem Team und den Ingenieuren einfach Spaß bereitet. Der Rummel drumherum findet statt, aber für uns Piloten hat dieser eine untergeordnete Rolle.

SPOX: In Silverstone ist der Enthusiasmus von den Tribünen selbst vor der Mattscheibe greifbar - auch hinter dem Steuer?

Hülkenberg: Der Fokus liegt auf dem Wesentlichen, dem Fahren. Dennoch spürt man im Umfeld, bei der Anreise oder an der Strecke, wie die Fans hier mitfiebern, die Leistung honorieren und welche Begeisterung sie für uns übrig haben. Das ist ein sehr schönes Gefühl und eine Bestätigung.

SPOX: Neben der fahrerischen Challenge versprüht der Grand Prix einen ganz besonderen Charme. Wie traditionsbewusst ist das "Home of British Motorsport"?

Hülkenberg: Die Formel 1 kommt aus ihrem Ursprung größtenteils aus England. Ganz viele Teams sind dort angesiedelt, entsprechend riesig sind die Unterstützung und das Interesse der Fans. Die Formel 1 ist überall präsent. Generell gehört Silverstone zu den wenigen Strecken, hinter denen Historie steckt. Es ist ein Klassiker wie der Nürburgring, Spa oder Suzuka.

SPOX: Nach Silverstone wartet das Heimspiel auf dem Nürburgring: Die Medien werden sich beim Deutschland-GP auf Dreifach-Champion Sebastian Vettel stürzen. Sind Sie neidisch?

Hülkenberg: Ich wäre ich gerne in Sebastians Position, um Rennsiege und die Weltmeisterschaft zu kämpfen. Jedenfalls freue ich mich auf das Wochenende. Den Kurs kenne ich bestens, er gefällt mir sehr, ich bin dort schon viele Rennen gefahren. Die Familie und Freunde werden hautnah dabei sein, deshalb hoffe ich, wir können ein gutes Ergebnis abliefern.

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