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Yaroslav Rakitskiy und der Krieg in der Ukraine: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß

Von Chris Lugert
Yaroslav Rakitskiy im Trikot von Zenit St. Petersburg.

Yaroslav Rakitskiy löste nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine seinen Vertrag bei Zenit auf. Sein Schicksal ist ein Sinnbild.

Während in Kiew, Charkiw und zahllosen anderen Städten Häuser zerbombt werden und die Menschen um ihr Leben bangen, zeigt sich der internationale Sport im Krieg zwischen Russland und der Ukraine geschlossen und schließt russische und belarussische Athletinnen und Athleten von den Wettbewerben aus. Auch der Fußball setzte zuletzt deutliche Zeichen, FIFA und UEFA verbannten sowohl die russische Nationalmannschaft als auch die Klubs aus sämtlichen Wettbewerben.

Doch in diesen Tagen geht es nicht nur um bürokratische Entscheidungen, sondern vor allem um persönliche Schicksale. Menschen, die sich über viele Jahre sowohl ukrainisch als auch russisch gefühlt haben und die nun einen Teil ihres Lebens hinter sich lassen müssen. So auch Fußballprofi Yaroslav Rakitskiy, dessen Geschichte sinnbildlich für die persönlichen Tragödien in den Biografien vieler Menschen steht, für die es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt.

Rakitskiy ist Ukrainer, der seit 2019 für Zenit St. Petersburg spielte. Die Vergangenheitsform ist hier richtig, denn nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine bat Rakitskiy um seine Vertragsauflösung. Was für Außenstehende logisch und zwangsläufig erscheint, war für den Abwehrspieler selbst keine einfache Entscheidung. Denn auch wenn er Ukrainer ist, so verband ihn schon immer auch viel mit Russland.

Rakitskiy: Geboren in der Sowjetunion, enge Verbindung zu Russland

Rakitskiy wurde 1989 in Perschotrawensk im Osten der Ukraine geboren. Wobei die Ukraine damals noch gar kein eigenständiges Land war, ebenso wenig wie Russland. Denn zu dieser Zeit bestand noch die Sowjetunion - Russland, die Ukraine und einige andere heute souveräne Länder waren Teilrepubliken des Riesenreiches. Rakitskiys Familie war russischsprachig.

Die Sowjetunion zerfiel 1991, später musste Rakitskiy auch einen Einschnitt in seiner eigenen Familie verkraften. Seine Eltern trennten sich, sein Vater heiratete neu und zog nach St. Petersburg. Der Sohnemann war stets willkommen und so wurde die Stadt zu seinem zweiten Zuhause - lange bevor er dort auch seine sportliche Heimat fand.

Sein zweites Zuhause war St. Petersburg, sein erstes war Donezk. Im Alter von 13 Jahren kam Rakitskiy an die Jugendakademie von Schachtar und galt schnell als großes Talent. Im Jahr 2009 zog ihn der damalige Trainer Mircea Lucescu zu den Profis hoch. Es war die große Zeit des Klubs, der im selben Jahr im Finale gegen Werder Bremen den UEFA-Cup gewann. Die Philosophie war dabei europaweit bekannt. In der Offensive setzte Donezk auf junge Brasilianer, die sich in der Ukraine an den europäischen Fußball gewöhnen konnten und den Klub als Sprungbrett sahen. Defensiv setzte Lucescu aber auf einen ukrainischen Block.

Ebenfalls 2009 erhielt der Klub, der dem ukrainischen Oligarchen Rinat Akhmetov gehört, ein nagelneues Stadion. Der ukrainische Fußball befand sich vor allem auch dank der Erfolge von Donezk auf dem aufsteigenden Ast, der Höhepunkt war die Co-Gastgeberrolle der EM 2012, gemeinsam mit Polen. Mittendrin war auch Rakitskiy, der als Leistungsträger mit Donezk Titel um Titel gewann und zu einem Fanliebling reifte.

Doch dann kam es im Jahr 2014 zum ersten großen Einschnitt in der Ukraine. Nachdem die Bevölkerung den russlandfreundlichen Präsidenten Viktor Yanukovych aus dem Amt gejagt hatte, griff Russland ein und annektierte zunächst die Halbinsel Krim im Süden der Ukraine, zudem kam es im Osten des Landes zu einem Konflikt zwischen pro-russischen Separatisten und der Armee. Betroffen war auch die Region Donezk, weshalb Schachtar heimatlos wurde und umziehen musste.

Rakitskiy: Vom ukrainischen Liebling zum Staatsfeind

Gleichwohl nahm in der ukrainischen Gesellschaft nun eine Anti-Russland-Stimmung zu, das eigene Nationalbewusstsein erwachte. Und so wurde nun genau hingesehen, ob etwa ukrainische Nationalspieler bei Länderspielen die Hymne mitsingen. Rakitskiy tat das aus persönlichen Gründen nie. Bis zu dieser Zeit war das auch kein Problem, doch nun wurde er für diese Haltung angefeindet. Mitspieler wie etwa Andriy Pyatov stellten sich schützend vor ihn. "70 Prozent der Spieler singen die Hymne nicht, bis jetzt war das irrelevant", sagte der Torhüter. Doch das half nicht.

Endgültig zum Landesfeind wurde Rakitskiy dann im Jahr 2019, als er Schachtar Donezk verließ und ausgerechnet nach Russland wechselte. Persönliche Gründe waren Teil der Entscheidung, denn so konnte er nicht nur in einer stärkeren Liga spielen und mehr verdienen, sondern auch nahe bei seinem Vater leben. Dennoch wurde er aus der Nationalmannschaft geworfen, sein Name wurde sogar von der Webseite des ukrainischen Verbandes gelöscht. "Ich kümmere mich nicht um Politik, aber ich wusste, was mich erwartet", sagte Rakitskiy kurz nach seinem Wechsel zu Championat. Damals hoffte er noch auf eine spätere Rückkehr.

In St. Petersburg traf Rakitskiy auf seinen früheren Teamkollegen in der Nationalmannschaft, den früheren Bayern-Profi Anatoly Tymoshchuk. Der Rekordnationalspieler galt einst als Ikone seines Landes, erhielt 2017 aber ebenfalls den Stempel als Verräter, als er bei Zenit als Co-Trainer anheuerte. Tymoshchuk löste seinen Vertrag beim russischen Topklub bislang nicht auf - zum Entsetzen ehemaliger Mitspieler.

Rakitskiy unterdessen bemühte sich stets um Völkerverständigung, bei Instagram schrieb er beispielsweise, dass Ukrainer und Russen "Brüder" seien. Das brachte ihm noch mehr Beleidigungen entgegen, weshalb er 2019 endgültig aus der Nationalmannschaft zurücktrat.

Bei seinem Klub wurde Rakitskiy unter Trainer Sergey Semak zu einer wichtigen Stütze. Beide verbindet auch ein ähnliches persönliches Schicksal. Semak war zwar russischer Nationalspieler, unter anderem als Kapitän bei der erfolgreichen EM 2008, als die Sbornaja bis ins Halbfinale kam. Aber er selbst wurde in der Ukraine geboren, seine Familie lebt zu großen Teilen auch noch dort.

Rakitskiy bekennt sich: "Ich bin Ukrainer!"

Bei der EM 2020 (die 2021 stattfand) war es die Ukraine, die unter Nationaltrainer Andriy Shevchenko groß aufspielte und bis ins Viertelfinale kam. Rakitskiy verfolgte die Leistungen mit gemischten Gefühlen. "Es tut weh. Immer, wenn ich die Jungs spielen sehe, will ich bei ihnen sein. Aber so ist das Leben, ich kann nichts daran ändern", sagte er im Juli zu Championat. Ja, er habe die Hymne nie gesungen. "Aber dafür gab es Gründe. Das bedeutet nicht, dass ich kein Patriot bin. Ich liebe die Ukraine", sagte er. Shevchenkos Vertrag wurde nach der EM nicht verlängert. Unter der Hand heißt es, ein Grund sei gewesen, dass er mit seinen Spielern Russisch gesprochen habe.

Nachdem aus dem regionalen Konflikt im Osten der Ukraine auf Befehl des russischen Präsidenten Vladimir Putin ein landesweiter Krieg wurde, hörte Rakitskiy auf sein ukrainisches Herz und brach seine Zelte bei Zenit ab. Der Klub sprach von einer "schwierigen familiären Situation" und dankte dem 32-Jährigen für seinen Einsatz. Rakitskiy selbst setzte ein ganz eigenes Zeichen. Auf Instagram, wo er in der Vergangenheit meist Posts auf Russisch absetzte, schrieb er am ersten Tag der Invasion auf Ukrainisch: "Ich bin Ukrainer! Frieden der Ukraine! Stoppt den Krieg!"

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